Wittlager Kopf: Michael Brackmann Tierarzt hat die Kuh für sich entdeckt

Von Christa Bechtel

Michael Brackmann sammelt seit Jahren alles rund um die „Kuh“. Foto: Christa BechtelMichael Brackmann sammelt seit Jahren alles rund um die „Kuh“. Foto: Christa Bechtel

Venne. „Ich saß im Fahrradkörbchen bei meiner Mutter auf dem Rad. Unterwegs standen auf einer Wiese Kälber, und ich soll voller Begeisterung ausgerufen haben: Mama, Hünde, Hünde!“, erzählt der Venner Tierarzt Michael Brackmann.

Der Enthusiasmus für Kühe ist also relativ alt, obwohl die erste hautnahe Begegnung fürchterlich war: „Ich bin von einem Rind über den Haufen gerannt worden. Das hat aber offensichtlich die Liebe nicht beeinträchtigt. Heute sammelt Brackmann alles, was mit dem so nützlichen Hornvieh zusammenhängt.

„Mein Großvater war schon Zahnarzt, mein Vater auch. Und mütterlicherseits komme ich aus einer Kaufmannsfamilie. Ich hatte mit Landwirtschaft nichts zu tun“, gesteht Brackmann, der jedoch stets Interesse für Biologie hatte, also für die belebte Umwelt. „Warum kombinierst du das nicht miteinander?“, habe er sich zwei Jahre vor dem Abitur gefragt – und studierte Tiermedizin. Da er sein Studium sehr schnell beendete, „war ich damals der jüngste Tierarzt Deutschlands“, blickt er zurück.

Obschon er immer ein typisch mittelmäßiger Schüler gewesen sei. Doch bedingt durch Kurzschuljahre und mit einer gewissen Dosis Glück konnte er bereits mit 23 Jahren zusätzlich noch Biologie studieren. Danach bekam Brackmann ein Max-Planck-Stipendium, war drei Jahre am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen am Starnberger See tätig. Als er in Venne seine Großtierpraxis eröffnete, habe er bei sich gedacht: „Pferde und Hunde werden hoch verehrt, aber meine Hauptklientel, die Rindviecher, werden summiert unter ‚dumme Kuh‘ und ‚blöder Ochse‘. So ist das ja nicht.“

Und so begann Michael Brackmann sich mit der Kulturgeschichte dieser Spezies zu beschäftigen und fiel von einem Staunen in das nächste. „Die Kuh war immer ein Symbol für Mütterlichkeit, die gemütlich rüberkommt, Ruhe ausstrahlt. Pferd ist Feuer und Temperament, Hund gefährlich und Katze ist eigenwillig“, meint der Tierarzt. Rund um dieses für ihn sehr spannende Thema begann der Vater von zwei erwachsenen Kindern ab Anfang der 1990er-Jahre alles rund um die Kuh zu sammeln. Seine ersten Stücke waren Rassemodelle aus Porzellan. Und da Ulrike und Michael Brackmann gerne reisen, „waren Mitbringsel nun Kühe“. Dafür bekomme man schnell einen selektiven Blick, bemerkt Brackmann, der heute gut 4000 Artefakte aus der ganzen Welt sein eigen nennt.

Aus Blechbüchsen

Aus Australien beispielsweise brachte er einen Tierarzt mit, der eine Kuh rektal untersucht – beide wurden aus Blechbüchsen gefertigt. Manchmal bekomme man auch etwas geschenkt, erwähnt der Venner, dass ihm eine ältere Dame aus der Schweiz schrieb, ob er ihre große Sammlung von Kühen haben möchte. Wollte der passionierte Sammler natürlich – und so kamen die Schweizer Kühe per Paket bei ihm an. Oder ein junger Mann aus der Nähe von Dortmund bastelt Kühe. „Er nimmt Schleich Kühe (Plastikfiguren für Bauernhöfe) und verändert sie“, verdeutlicht Brackmann. Dieser Bastler schaue hin und wieder bei ihm in Venne vorbei. In einem Dritte-Welt-Laden in Köln entdeckte er vor einigen Tagen ein liegendes Zebu aus Kenia. „Haptisch sehr schön, in schwarz gefärbtem Ebenholz; das musste natürlich mit“, schwärmt Brackmann, der jedoch keine Schätze in seinem schmucken Anwesen hortet. Das Spektrum der Sammelobjekte reicht vom Melkeimer bis zu Kuhglocken, über Ochsenjoche und Kuhschwanzfliegenwedel bis zur roten Capa der Toreros und dem Lasso der Gauchos. „Sobald ich eine Kuh sehe, dann sehe ich Geschichte; eine durchaus fruchtbare Beziehung zwischen Mensch und Tier. Sofern man das verinnerlicht, wird das spannend“, sagt der Veterinär. Wenn er nachdenke, sei das Fundament jeder Kultur der Kuhfladen, der Beginn von Sammlern und Jägern zu Ackerbau und Viehzucht. „Das Pferd gab es noch nicht, sondern das Rindvieh hat gezogen“, blickt der gebürtige Vechtaer auf eine jahrtausendealte Geschichte zurück. „Brot backen, Feuer machen und der Kuhfladen, das sind die Fundamente“, betont der Experte.

Geschichte hat Michael Brackmann auch mit seinen Büchern zum Thema „Kuh“ geschrieben. 1999 erschien von ihm „Das andere Kuhbuch – Vierzig Rasseporträts und mehr“, das er einige Jahre später nochmals komplett überarbeitete. So erschien 2009 die Neuauflage „Das andere Kuhbuch – 45 Rasseporträts“. „Davon sind 25000 Exemplare verkauft worden“, erklärt er. Da er sich seit vielen Jahren, zum Beispiel im Kulturring Ostercappeln (Kurios), der Kunst widmet und von klein auf gerne Kunstausstellungen besucht, brachte Michael Brackmann 2006 den „Kuh Kunstführer“ heraus, der sehr schnell Ku(h)ltstatus erreichte. In den Fokus hat der Autor die fantastischen Modelle der bekannten und unbekannteren Künstler der Kulturgeschichte gestellt. Anhand von Abbildungen von Dürer, Picasso, Chagall & Co. erklärt er dem Leser die Merkmale und Verhaltensweisen der verschiedensten Kuh-Rassen sowie deren künstlerische Umsetzung.

Venner Mu(h)seum

Weiter schriftstellerisch tätig wurde er mit dem Buch „Bad Essen – Sehenswert – lebenswert“; er schrieb die Texte, und Anselm Jaenicke übernahm die Fotos. 2012 brachte Brackmann zudem das Hörbuch „VETziges – aus dem Alltag eines Dorftierarztes“ heraus.

Als sich einige Venner entschlossen, aus ihrem Ort ein „Kuhdorf“ zu machen, engagierte sich der Tierarzt und Zoologe ebenfalls: Im Obergeschoss der Venner Mühle, die der örtliche Heimat- und Wanderverein betreibt, entstand ein Mu(h)seum, in dem etwa 800 Figuren aus der umfassenden Sammlung von Dr. Dr. Michael Brackmann zu sehen sind, der außerdem auch im Arbeitskreis „Mühlenkotten“ für das Kulturprogramm aktiv ist. „Das Thema ,Kuh‘ wird mich auch weiter beschäftigen“, blickt er verschmitzt lächelnd in die Zukunft.


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