Monatlich Geld bekommen Jetzt reden die Eltern: So gelangte unser Sohn in die Fänge des Ostercappelner Clans

Von Martina Schulte

Ein Clan hält eine Siedlung in Ostercappeln in Schach – und macht aus Freunden Mittäter.Ein Clan hält eine Siedlung in Ostercappeln in Schach – und macht aus Freunden Mittäter.
Martina Schulte

Osnabrück/Ostercappeln. Ihr Sohn sitzt im Gefängnis, weil er gemeinsame Sache mit der als Clan bekannten Familie Z. aus Ostercappeln gemacht haben soll. Wie sich das für sie anfühlt, erzählen die Eltern im Gespräch mit unserer Redaktion.

Weihnachten ist das Fest der Familie. Und wenn dann jemand aus dieser Familie fehlt, sich nicht einmal meldet, dann muss etwas im Argen liegen. Die Festtage 2020 wird ein Ehepaar aus dem Landkreis Osnabrück nie vergessen: Es war das Weihnachten, an dem ihr Sohn spurlos verschwunden war.

Vermuteter Aufenthaltsort bestätigt sich

Vier Wochen dauerte es, bis die Eltern endlich Gewissheit hatten. Eine Vermutung über den Aufenthaltsort des Sohnes gab es allerdings schon früher. „Wir haben in der Zeitung gelesen, dass es am 17. Dezember eine Razzia in Ostercappeln am Bergfrieden gab und dass dabei welche festgenommen wurden“, erzählt die Mutter. Und tatsächlich: Ihr Sohn war, wie er seinen Eltern später in einem Brief mitteilt, einer der Verhafteten. Inzwischen ist er einer der vier Angeklagten im sogenannten Clanprozess, in dem vor allem die Ostercappelner Brüder Hadi und Osman Z. im Fokus stehen. 

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Wie der junge Mann in den Clan hineingewachsen ist: Hadi Z. ist seit der gemeinsamen Schulzeit ein enger Freund ihres Sohnes, berichten die Eltern. Das Ehepaar hat sich diese Freundschaft viele Jahre angesehen und infolge dessen einiges mitbekommen. Ihrer Meinung nach hat sie den Sohn verändert und zu einem mutmaßlich kriminellen Unterstützer der Z.s gemacht. „Dieser Familienclan reicht von Haaren bis nach Essen“, weiß die Mutter aus Gesprächen mit dem Sohn. Ihm zufolge gebe es auch eine Verbindung in die Hauptstadt, zum dortigen Familienoberhaupt, das als „Der Pate von Berlin“ bekannt ist und ein Cousin von Hadi Z. und dessen älterem Bruder Osman sein soll.

Geld für Dienste bekommen

Die Eltern haben die Verbindung ihres Sohnes zur Familie Z. irgendwann nicht mehr gerne gesehen. „Nach der Schulzeit wurde es nur noch schlimmer.“ Aber wie Jugendliche so sind. Sie wollen ihr eigenes Ding machen, die Meinung der Eltern spielt dabei oft nur noch eine untergeordnete Rolle. Der Sohn absolvierte zwar eine Ausbildung und arbeitete danach bis zum Tag der Inhaftierung im Dezember 2020, „ohne einen einzigen Tag arbeitslos“ zu sein. „Aber das hat alles nicht gereicht“, sagt die Mutter und wirkt wütend. Sie sagt, ihr Sohn habe monatlich Geld von den Z.s für „Unterstützung und Dienste“ bekommen. Und sie wünscht sich nichts mehr, als das es nicht so gewesen wäre. Ein paar Mal hat sie ihn im Gefängnis besucht. Doch die Enttäuschung ist groß bei der Frau, die alles versucht hat, um ihren Sohn auf den geraden Weg zurückzubringen.  

Zur Sache

Der Clan aus Ostercappeln-Haaren und die Mittäter
Seit Juni 2021 läuft vor dem Landgericht Osnabrück die Verhandlung gegen die Brüder Hadi und Osman Z. . Die gehören einer Großfamilie aus Ostercappeln-Haaren an, die von den Ermittlern der Clan-Kriminalität zugerechnet wird. 23 Taten werden den Brüdern vorgeworfen, die von ihnen sowie zwei Mitangeklagten in unterschiedlichen Konstellationen begangen worden sein sollen.
Bei den beiden Mitangeklagten handelt es sich um Jugendfreunde von Hadi und Osman Z., die laut Anklageschrift bei mehreren Taten dabei gewesen sein sollen.

Ihr Mann wirkt optisch wie ein Fels in der Brandung. Auch im Gespräch ist er sehr gefasst und kontrolliert in seiner Wortwahl. Darauf angesprochen, wie er sich gerade fühlt, platzt es dann aber aus ihm heraus: „Ich fühle mich ganz beschissen, wirklich!“ Was ihn besonders traurig macht: Er hatte sich für Hadi Z. eingesetzt. Ihm eine Lehrstelle besorgt, damit der nach der Schulzeit eine Perspektive hatte. „Das war aber wohl nichts für ihn, er hatte andere Mittel und Wege, Geld zu verdienen.“ 

„Sie manipulieren sehr geschickt“ 

Einen klar eingrenzbaren Zeitraum, in dem die Eltern den Einfluss auf ihren Sohn verloren haben, gibt es nicht. Aber, dass die Z.s erfolgreich darin seien, Menschen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, steht für die Mutter fest: „Sie manipulieren einfach sehr geschickt.“ 

Übt Familie Z. Druck auf die Nachbarn aus? Ohne Handlanger, sind sich die Eltern sicher, könnte die Familie Z. ihr Netzwerk nicht aufrechterhalten. Deshalb sei es auch Mittel zum Zweck, diejenigen, die sich als wichtig erwiesen haben, zu halten. Das mache man üblicherweise mit Geld, so die Mutter. Und sie hat zahlreiche Beispiele parat, wie es denjenigen ergehe, die nicht so springen, wie die Familie es gerne hätte. Beweisen kann sie diese Geschichten, die sie selbst erlebt hat oder die Nachbarn aus der Siedlung am Bergfrieden widerfahren sind, nicht. Darin geht es um angezündete Hecken, Teile von einem toten Fuchs, die vor der Haustür abgelegt wurden. Eine Frau wurde in ihrem Garten mit einer Luftpistole beschossen. Einem Mann wurden menschliche Fäkalien auf dem Esstisch hinterlassen. Fakt ist, dass es zumindest zu einigen dieser Vorfälle Anzeigen gegen Unbekannt gegeben hat, bestätigt auf Anfrage Matthias Bekermann von der Pressestelle der Polizeiinspektion Osnabrück. Täter konnten jedoch nicht ermittelt werden. Der Pressesprecher betont deshalb: „Ohne eine rechtskräftige Aburteilung durch ein Gericht gilt in vollem Umfang die Unschuldsvermutung." 

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Am Bergfrieden besitzt die Familie Z. noch ein zweites Haus.

Die Familie zu beschuldigen, traue sich eben niemand, sagt die Mutter: „Die Leute wissen ja, sie erwartet dann etwas Schlimmeres.“ Sie kennt noch eine weitere Story, die sich um das Haus mit der Nummer 39 in der Bergfrieden-Siedlung dreht und darum, wie es in den Besitz der Schwester von Hadi und Osman Z. gelangte.  Die habe einem deutlich älteren Mann ein Märchen aufgetischt, sodass dieser ihr sein Haus überschrieb, bevor er starb. Seiner eigenen Familie habe er kaum etwas hinterlassen. Klingt wie aus einem kitschigen Krimi. Und doch habe es sich genau so abgespielt, wie ein sehr guter Freund des Verstorbenen im Gespräch mit der Redaktion bestätigt. Er weiß von Zahlungen, die der Verstorbene für die Familie Z. getätigt hat, zu denen er mit eigenen Augen Kontoauszüge sehen konnte. „Das waren extrem hohe Summen, schier unglaublich“, sagt der Mann. Auch er möchte namentlich nicht genannt werden, um möglichen Konsequenzen aus dem Weg zu gehen. „Das gibt sonst nur Ärger.“     

Besteht noch Kontakt zwischen der Familie und dem Sohn? Aktuell sei die Lage im Gefängnis für ihren Sohn schwierig. „Aber es ist jetzt auch die beste Zeit, um von diesen Leuten wegzukommen.“ Der Sohn arbeite in der JVA und halte sich erfolgreich an einen festen und strukturierten Tagesablauf. Die Familie Z. lässt ihn aber offenbar nicht los, schicke Geschenke und Geld. Bestechung oder einfach nur nett gemeint? Nett gemeint? Die Mutter schüttelt den Kopf. Auf keinen Fall. Ihr Sohn nehme die Zusendungen aber so oder so nicht an: „Er lässt über seinen Sozialarbeiter alle Geschenke der Familie zurückgeben.“ 

Wie soll es nach der Haft weitergehen? Die Eltern hoffen: geradeaus. Und solange das die Richtung ist, sind sie für für ihren Sohn da. „Sonst ist Ende, das haben wir ihm mehrfach zu verstehen gegeben“, betont die Mutter. Für sie erfreulich: Der Sohn hat sich in der JVA dank seiner guten Führung bereits einige Vergünstigungen verdient. Dazu gehört ein Handy mit wenigen freigeschalteten Nummern, unter anderem der des Anwalts. Kontakt zur Familie Z. wolle der Sohn nicht mehr haben. Seine Mutter hofft inständig, dass er nicht wieder einknickt, wo er schließlich schon tief genug drin gesteckt habe. Denn sie ahnt, dass es für ihn noch schlimmer werden könnte, wenn er den Absprung nicht schafft.      


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