"Beatmungs-WG" Warum Patienten in Ostercappeln mitten im Krankenhaus keinen Arzt finden

Foto: Gert WestdörpFoto: Gert Westdörp

Wallenhorst/Ostercappeln. Es klingt wie ein schlechter Scherz: Im Krankenhaus St. Raphael in Ostercappeln lebt eine Wohngruppe mit Patienten, die auf eine künstliche Beatmung angewiesen sind – und findet partout keinen Arzt, der ihnen Rezepte ausstellen kann.

Überall Ärzte – nur niemand, der Patienten Medikamente verschreiben darf? So sieht es derzeit in Ostercappeln aus: Im Januar eröffnete der Pflegedienst Camelot GmbH aus Osnabrück-Sutthausen hier eine ambulant betreute Wohngruppe mit Platz für elf Bewohner: Großzügige barrierefreie Zimmer, ein Gemeinschaftsbereich mit Küche. Aus einem Zimmer ertönt leise Radiomusik, in einem anderen sieht ein Bewohner gerade fern.

Bereits seit 2017 gibt es in Sutthausen eine entsprechende Wohngemeinschaft; hier verlief alles reibungslos – nicht so in Ostercappeln. "Wir finden vor Ort einfach keine Hausärzte, die die Bewohner betreuen wollen", sagt Hermann Schütte von Camelot.

Hausärzte haben keine Zeit für Hausbesuche

Als die ersten Bewohner in die Gruppe zogen, hieß es von Seiten ihrer Hausärzte, dass ihnen die Anfahrt zu weit sei, dass sie keine Zeit für Hausbesuche hätten und keine freie Kapazitäten. "Unser Vater hatte einen Arzt in Osnabrück, aber dem war der Weg zu weit, außerdem sei Ostercappeln nicht mehr sein Einzugsgebiet", berichten Juliane Wißmann und Marlene Freier, deren Vater als erster Bewohner in die Einrichtung gezogen ist. Die Schwestern erinnern sich noch daran, wie sie am Abend des Einzugs durch die Gegend fuhren und in Praxen vorsprachen, um zumindest noch die Medikamente für die kommenden Tage sicherzustellen. 

Medikamentenvorrat ging zur Neige

Zwei weitere Bewohner zogen in die "Beatmungs-WG", doch auch sie standen vor demselben Problem: Kein Hausarzt sah sich in der Lage, die Versorgung der Patienten zu übernehmen. 

"Es ist nicht die Aufgabe eines ambulanten Pflegedienstes, Hausärzte zu suchen", sagt Hermann Schütte von Camelot. Doch die Verzweiflung der Bewohner war groß, "also haben wir uns eingemischt". Und den Suchradius erweitert. Doch auch aus Belm, Bad Essen oder Hunteburg gab es nur Absagen. 

Hermann Schütte von der Camelot GmbH. Foto: Gert Westdörp

Einer, der die Versorgung gerne übernehmen würde, ist Dr. Florian Balkau aus Wallenhorst. Auch an ihn hatte sich Camelot gewandt. Er erklärte sich bereit, die Patienten zu versorgen – nur Hausbesuche wolle er nicht machen. Die Patienten müssten zu ihm kommen. "Der Aufwand ist einfach zu groß – und in der Zeit, die wir unterwegs sind, fehlen wir hier unseren Patienten", sagt Balkau. Dennoch sei eines nachmittags eine Ärztin aus seiner Praxis in Ostercappeln gewesen, um eine Trachealkanüle zu wechseln, als die Not besonders groß war; und das war sie ab einem bestimmten Zeitpunkt: "Der Einrichtungsleiter kontaktierte mich an einem Tag, um mir mitzuteilen, dass bis zum Wochenende keine Medikamente mehr vorrätig sein werden", sagt Hermann Schütte. Doch es fand sich partout kein Arzt, der bereit war, ein Rezept auszustellen. 

Angst vor Rückzahlungsforderungen 

"Das Problem Hausärztemangel ist komplex", sagt Florian Balkau. Über die Kassenärztliche Vereinigung werden Hausarztsitze zugewiesen; seine Praxis liegt in Wallenhorst. Dieser Bezirk gehöre zu Osnabrück. Die Nachbarstadt Bramsche ist ein anderer Bezirk. "Dort ist gerade ein Hausarzt gestorben, ein anderer hat seine Praxis geschlossen, so dass wir überlegt haben, in Bramsche eine Zweigstelle zu eröffnen", sagt Balkau. Darf er aber nicht – anderer Bezirk. Um sich in Bramsche niederzulassen, müsste er seine Praxis in Wallenhorst aufgeben. 

Hinzu komme die Angst vor einem Regress: Wer mehr Behandlungen und Therapien verschreibt als der Landesdurchschnitt, muss damit rechnen, von der Prüfstelle in Hannover und den Krankenkassen Post zu bekommen – das allerdings mit mehreren Jahren Verzug. "Und wie hoch der Landesdurchschnitt zum Beispiel bei Physiotherapien ist, das weiß ich nicht einmal", sagt Balkau. Doch gerade schwer kranke Patienten so wie die Bewohner der "Beatmungs-WG" sind auf umfangreiche Therapien und teure Medikamente angewiesen. "Damit sind sie für Hausärzte wenig rentabel", sagt Balkau verbittert und betont, dass es ihm auch nicht um Rentabilität gehe – doch Leistung werde in diesem System einfach nicht belohnt.  

Laut einer aktuellen Umfrage unter Medizinstudenten im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung nennen rund 46 Prozent der Befragten die Angst vor Regressforderungen als Grund dafür, sich gegen eine Niederlassung als Kassenarzt zu entscheiden.

Warum die Bewohner nicht im Krankenhaus behandeln?

Um das Problem zu lösen, wandte sich das Krankenhaus schließlich an den "Zulassungsausschuss Ärzte - Osnabrück", der seine Geschäftsstelle bei der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) hat. Die Idee: Eine Institutsermächtigung, die es ermöglichen würde, die Bewohner der WG direkt im Krankenhaus zu versorgen; sozusagen auf dem kleinen Dienstweg. Der Antrag wurde jedoch abgelehnt. Bei einer Frage nach den Gründen heißt es von Seiten der KVN, dass der Gesetzgeber die Teilnahmevoraussetzungen für eine solche Ermächtigung hoch angesetzt hätte und eine Prüfung der vorliegenden Anträge zu einer Ablehnung geführt habe.

Foto: Gert Westdörp

"Wir haben dann die Krankenkassen angerufen, die haben uns gesagt: Wir sind nicht zuständig, wenden Sie sich an die Kassenärztliche Vereinigung. Dann haben wir dort angerufen, da hieß es: Das ist Sache der Krankenkassen." Hermann Schütte schüttelt den Kopf. Am Ende – und er weiß nicht, ob es dem Druck der Krankenkassen oder der KVN zu verdanken ist – erklärte sich schließlich doch ein Arzt aus Ostercappeln bereit, die Patienten zu versorgen – vorübergehend; und auch nicht gerade aus Überzeugung, wie er selbst berichtet: Dr. Heinz Dietrich Heilmann ist 72 Jahre alt, will seine Praxis aber noch so lange weiterführen, wie es geht. Von dem "Anspruchsdenken" einiger Patienten hält er allerdings wenig – viele Behandlungen, die da gefordert würden, halte er für "unsinnig", sagt Heilmann, und nennt als Beispiel "Logopädie für einen Wachkomapatienten". Auch Krankengymnastik werde viel zu häufig verordnet, findet er. Über Camelot äußert er sich allerdings positiv: "Das sind tolle Typen, das ist eine tolle Zusammenarbeit, und mittlerweile gehe ich da auch gerne hin", sagt der Mediziner. 

Einzelermächtigung als Lösung?

Für Camelot steht allerdings fest, dass die Betreuung durch Dr. Heilmann nur eine Zwischenlösung darstellt: In der Wohngruppe sind erst drei Betten belegt, insgesamt gibt es dort jedoch elf, und eine Nachfrage sei durchaus vorhanden. 

Eine letzte Idee hat der Pflegedienst jedoch: eine persönliche Ermächtigung. Heißt: Ein bestimmter Arzt – in diesem Fall ein Pneumologe – aus dem Krankenhaus würde die Versorgung übernehmen. Damit sei nicht das gesamte Krankenhaus für die Patienten zuständig, sondern eben nur dieser eine Arzt. Nach Einschätzung der KVN dürften die Chancen bei diesem Antrag deutlich höher ausfallen. 



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