Am Sonntag, 1. Juli 2018, geöffnet Emmi Winter und Anneliese Kröger spinnen im Heimatmuseum

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Gelernt ist gelernt –  Anneliese Kröger (links) und Emmi Winter verstehen sich auf das Spinnen. Die eine ist für den Flachs, die andere für Schafwolle zuständig.Foto: Karin KemperGelernt ist gelernt – Anneliese Kröger (links) und Emmi Winter verstehen sich auf das Spinnen. Die eine ist für den Flachs, die andere für Schafwolle zuständig.Foto: Karin Kemper

Schwagstorf. „Was braucht man zum Spinnen?“ Diese Frage lässt sich noch beantworten: ein Spinnrad. Aber dann wird es schwieriger – aber nicht für die beiden Schwagstorferinnen Emmi Winter und Anneliese Kröger, die spinnen können. So ganz nebenbei, während sie erzählen.

Das Heimatmuseum in Schwagstorf befindet sich im Obergeschoss des ehemaligen Schulgebäudes. Die Eröffnung erfolgte im September 2005. Vorangegangen waren umfangreiche Sanierungsarbeiten. Ein Museum zu haben, reicht allerdings nicht. Es muss mit Leben gefüllt werden. Dabei spielen Emmi Winter und Anneliese Kröger eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die beiden sorgen dafür, dass sich das Spinnrad dreht und Besucher miterleben können, wie ein Faden entsteht, der weiterverarbeitet werden kann.

Bernhard Dürfahrt, bei der Eröffnung des Museums Vorsitzendes des Heimatvereins und heute Ehrenvorsitzender, lobt: „Emmi Winter war an allen ersten Sonntagen im Monat, wenn das Museum geöffnet ist dabei – mit einer einzigen Ausnahme.“ Für dieses Fehlen hat die Schwagstorferin eine erstklassige Entschuldigung: Sie wurde an der Hüfte operiert.

Sie sagt: „Wir sind uns hier oben immer einig. Was die eine nicht weiß, weiß die andere...“ Während Emmi Winter von Anfang an zum Spinnteam des Heimatvereins gehört, weiß Anneliese Kröger nicht so ganz genau, wann sie dazu gestoßen ist. Sie sagt in Richtung Emmi: „Du hast solange gebettelt, bis ich gekommen bin.“

Als Kind angefangen

Beim Spinnen machen sich die beiden Frauen, die jeweils bereits als Kind den Umgang mit dem Spinnrad erlernt haben, kaum Konkurrenz. Denn die eine verarbeitet Schafwolle, die andere Flachs. Anneliese Kröger erinnert sich: „Ich wollte schon als kleines Mädchen das Spinnen lernen. Flachs wurde damals für Soldaten gebraucht. Und wir haben Handtücher gewebt.“ Emmi Winter sagt: „Ich habe das Spinnen von meiner Mutter gelernt. Das hat mich immer schon interessiert, weil wir Schafe hatten. Von selbstgesponnener Wolle habe ich einen Teppich geknüpft.“

Während der Umgang mit Schafwolle noch dem einen oder anderen vertraut ist, gibt der Flachs in der Regel eher Rätsel auf. Bis nämlich endlich ein „Wocken“ (so heißt das Material, das versponnen wird) am Spinnrad hängt, bedarf es jede Menge Vorarbeiten.

Jede Menge Vorarbeit

Ob es tatsächlich neun Schritte sind, wie sich die Flachsspinnerin sicher ist, hängt vermutlich von der Zählweise ab. Auf jeden Fall gehören Saat, Ernte, das Riffeln (dabei werden die Samenkapseln entfernt) und die Reutekuhle, wo die Fasern einweichen, unbedingt dazu. Schließlich muss der Stängel geschält, zum Trocknen ausgebreitet und gebündelt werden. Das gilt ebenso für das Stampfen und die Bearbeitung in der Schwinge, damit überhaupt Fasern entstehen, die sich zum Spinnen eignen und die vorher gehechelt, sprich ausgekämmt, werden müssen. Anneliese Kröger weiß: „Es muss gut gedreht werden, das bringt die Haltbarkeit des Fadens.

Goldwert

Aus den Samen wird übrigens das Leinöl gewonnen. Schmunzelnd meint Emmi Winter: „Ich habe gelesen, dass Leinen inzwischen den Goldpreis hat.“ Einig sind sich die beiden Frauen, dass es aber durchaus Felder gibt, auf denen Flachs angebaut wird. Zu erkennen ist das auch an der bläulichen Blüte. Auf jeden Fall aber gilt: Soll jede Arbeitsstunde mit dem Mindestlohn bezahlt werden, könnte das mit dem Goldpreis annähernd stimmen...

Schließlich erinnert sich Emmi Winter, dass für ein Männerhemd 75 Stunden Spinnen erforderlich waren. Daraus ergibt sich fast zwangsläufig die Überlegung: „Wie haben die Menschen das früher alles nur geschafft?“

Übung macht den Meister

Fest steht, dass derjenige, der es kann, zügig etwas wegspinnt. Emmi Winter, die als Material Schafwolle verwendet, meint schmunzelnd: „Denken muss man nicht, wenn man Erfahrung hat. Aber man muss anfangen, wenn das Ergebnis niemand sieht.“ Sie verweist darauf, dass ihr schon einiges daneben gegangen ist. Anneliese Kröger fällt der Spruch ein: „Spinne dicke, spinne dicke, olle Dage dri Stücke.“ Um welche Mengeneinheit es sich handelt, weiß aber niemand so recht. Nur: Das gesponnene Garn wurde auf die Haspeln gewickelt und: „Bi jeden Knacken is een Bient full.“

Klar, dass Schulkinder das Schwagstorfer Heimatmuseum besuchen und den Frauen zuschauen, wenn sie Flachs oder Schafwolle zu Fäden verarbeiten. Die Frauen wissen: „Die Kinder stellen viele Fragen. Was ist das? Wie geht das? Und sie wollen helfen.“

Und bei den offiziellen monatlichen Öffnungstagen des Heimatmuseums ist immer etwas los. Am Sonntag, 1. Juli, ist es wieder soweit. Die Museumstüren (und auch die des Schnippenburgmuseums und des Technikmuseums) sind geöffnet – von 14 bis 17 Uhr.

Neues Projekt

Emmi Winter sagt: „Wie lernen selbst auch immer etwas.“ Demnach berichtete ein Besucher davon, dass sich Brennnesseln spinnen lassen – nachdem sie in Soda gekocht worden sind. Das hat die erfahrenen Frauen neugierig gemacht: „Hoffentlich kommt der noch einmal wieder und berichtet mehr.“

Es ist absehbar, dass das Experiment Brennnesseln demnächst in Schwagstorf in Angriff genommen wird. Anneliese Kröger meint: „Versuchen sollte man das.“ Sie ist sich sicher, dass die Brennnessel für diesen Zweck ausgewachsen sein muss, sonst könnten die Fasern nicht halten. Die Devise lautet: „Dat wollt wi probeern.“

Verstärkung gesucht

Eine gemeinsame Sorge haben die beiden: Dass das Wissen rund um das Spinnen irgendwann weg ist. Anneliese Kröger sagt: „Ich dachte, wir hätten eine an der Angel. Sie ist aber entwischt.“ Und nicht von ungefähr findet sich im Museum der Spruch: „Was du nicht weitergibst, geht verloren.“


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