Planspiel der Oberschule Ostercappeln Von „Tom und Lisa“ verantwortungsvollen Alkoholkonsum lernen

Von Louisa Riepe

Gib mir Fünf! Gar nicht so leicht, mit 1,1 Promille Alkohol im Blut, stellte diese Schülerin mithilfe einer Simulationsbrille fest. Foto: Louisa RiepeGib mir Fünf! Gar nicht so leicht, mit 1,1 Promille Alkohol im Blut, stellte diese Schülerin mithilfe einer Simulationsbrille fest. Foto: Louisa Riepe

Ostercappeln. Das erste Bier gehört zum Erwachsenwerden dazu wie ein Streit mit den Eltern oder der erste Kuss. Damit aus dem ersten Bier aber kein ausgeprägter Rausch, oder gar eine Alkoholvergiftung wird, betreibt die Oberschule Ostercappeln aktiv Präventionsarbeit – in Kooperation mit der ökumenischen Suchtberatungsstelle von Caritas und Diakonie.

Tom und Lisa planen eine Party. Beide sind noch keine 16 Jahre alt, trotzdem überlegen sie, ob sie Alkohol ausschenken sollen. Laut Gesetz dürfen sie und ihre Gäste noch nicht mal ein Bier trinken. Aber die Stimmung wird mit jedem Tropfen Alkohol gelöster, wissen die Jugendlichen. Und viele ihrer Freunde erwarten, dass es Hochprozentiges gibt. Werden sie überhaupt kommen, wenn die Party alkoholfrei bleibt?

Die Klasse 8a der Oberschule Ostercappeln hat Tom und Lisa, die beiden fiktiven Partyveranstaltern, bei der Entscheidung für oder gegen Alkohol auf der eigenen Party unterstützt. Und dabei haben die Schüler so einiges über den Umgang mit dem Rauschmittel gelernt. Zum Beispiel: „Wenn ich Alkohol probiere, dann würde ich kleiner anfangen, nicht gleich mit Wodka, sondern vielleicht mit einem V Plus“, sagt die 14-jährige Milena Otto nach sechs Stunden Projektarbeit. „Ich würde vor so einer Party im Voraus planen, wie ich nach Hause komme“, meint die 13-jährige Jana Aligew. Und Denice Degi, 14 Jahre alt, sagt: „Wenn jemand zu viel getrunken hat, und sich erbricht, würde ich sofort helfen, damit er nicht erstickt.“

Einstiegsalter zwischen 14 und 15

Wertvolle Erkenntnisse, befinden Daniela Stuckenberg und Gianna Niemeyer. Sie sind Mitarbeiterinnen der Caritas und haben das Planspiel „Tom und Lisa“ mit den drei achten Klassen der Oberschule Ostercappeln bearbeitet. „Laut Statistik ist das Einstiegsalter für Alkohol zwischen 14 und 15 Jahren“, weiß Stuckenberg. „Die Jugendlichen fangen an, sich auszuprobieren, Grenzerfahrungen zu machen und sich so dem Erwachsenendasein anzunähern.“ Verbieten will sie ihnen den Alkohol dabei nicht. Vielmehr will sie „den Konsum und die Rauscherfahrungen herauszögern“, und einen „verantwortungsvollen Umgang“ lehren.

Die Caritas-Mitarbeiterinnen Gianna Niemeyer (rechts) und Daniela Stuckenberg (links) sprachen mit der achten Klasse über Alkohol. Foto: Louisa Riepe

Dabei nutzt sie Tom und Lisa als Aufgänger für unterschiedliche Einheiten. Zum Beispiel: In welchem Alter darf mal laut Gesetz überhaupt Wein, Schnaps oder Cocktails trinken? „Viele Jugendliche sind überrascht, dass Bier erst ab 16 und nicht schon mit 14 erlaubt ist“, sagt Stuckenberg. Genauso geht es den Schülern, wenn sie erfahren, dass in einem großen Bierglas oftmals genau so viel Alkohol ist, wie in so manchem Schnapsglas. Sie diskutieren in Rollenspielen, welche Vor- und Nachteile eine Party mit Alkohol hat. Und sie lernen, wie sie reagieren müssen, wenn ein Freund mit einer Alkoholvergiftung zusammenbricht. Inklusive einer Übung zur stabilen Seitenlage und dem Anruf beim Notarzt.

Rauschbrille sorgt für Spaß und Erkentnisse

Am besten gefallen hat den Schülern aber die Einheit mit der sogenannten Rauschbrille. Nacheinander setzten sie das Teil auf, sahen doppelt, konnten Distanzen nur schwer abschätzen, und hatten Probleme, die eigenen Bewegungen zu koordinieren. Ganz so, wie es auch einem Betrunkenen mit etwa 1,1 Promille Alkohol im Blut gehen würde. Beim Versuch, eine gerade Linie entlang oder einen Slalom zu laufen, Geldmünzen aufzuheben, einen Ball zu fangen oder die Hand des Gegenübers abzuklatschen hatten alle Tester so ihre Schwierigkeiten. Und konnten anschließend viel besser nachvollziehen, warum zu viel Alkohol im Straßenverkehr, auch auf dem Rad, verboten ist.

Nach dem ersten erfolgreichen Durchlauf strebt Schulleiter Stefan Schubert eine langfristige Kooperation mit der ökumenischen Suchtberatungsstelle von Caritas und Diakonie in Bad Essen an. Alkoholprävention gehört an der Ludwig-Windhorst-Schule ohnehin fest ins Konzept. „Das ist eine unserer Aufgaben“, sagt Schubert, insbesondere vor dem Hintergrund, dass Schüler immer mehr Zeit in der Schule verbringen. „Der Erziehungsauftrag und der Bildungsauftrag stehen für uns gleichberechtigt nebeneinander“, so der Schulleiter. Um beide zu erfüllen, plant er Projekttage in den Schulalltag ein und holt sich externe Partner ins Haus, die besser mit den Jugendlichen ins Gespräch kommen, als die Lehrer. So wie Daniela Stuckenberg und Gianna Niemeyer von der Caritas. Sie dürfen im nächsten Jahr gerne wieder kommen.


Das Planspiel „Tom und Lisa“...

... wird von der Caritas Osnabrück im Rahmen des Frühinterventionsprogramms „Halt – Hart am Limit“ angeboten. Es besteht aus zwei Bausteinen: Im proaktiven Teil sollen Jugendliche im Umgang mit Alkohol sensibilisiert werden. Der reaktive Baustein beschäftigt sich mit Jugendlichen, die bereits wegen einer Alkoholvergiftung stationär behandelt werden mussten. Insgesamt beobachtet die Caritas eine „ständig steigende Zahl von Jugendlichen mit riskantem und oftmals exzessivem Alkoholkonsum“ und einen „deutlichen Anstieg von stationär behandelten Alkoholvergiftungen unter Kindern und Jugendlichen“. Insbesondere junge Mädchen, sagt Daniela Stuckenberg im Interview mit unserer Zeitung, sind inzwischen immer häufiger betroffen.