Kleines Krankenhaus in Ostercappeln Warum sich St. Raphael auf Adipositas-Patienten spezialisiert

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So wie hier, im Stadtkrankenhaus Schwabach, sind auch im Krankenhaus St. Raphael die Rollstühle auf schwergewichtige Patienten ausgelegt. Symbolfoto: Jan Woitas/dpaSo wie hier, im Stadtkrankenhaus Schwabach, sind auch im Krankenhaus St. Raphael die Rollstühle auf schwergewichtige Patienten ausgelegt. Symbolfoto: Jan Woitas/dpa

Ostercappeln. 350 Kilogramm menschliches Gewicht – so viel trägt jeder Operationstisch im Krankenhaus St. Raphael in Ostercappeln. Das hat seinen Grund: Die Einrichtung hat sich auf die chirurgische Behandlung von Adipositas spezialisiert. Und das ist überlebenswichtig für das kleine Krankenhaus.

Entstanden ist die das Adipositaszentrum eher durch einen Zufall: Zu Dr. Martin Gerdes, dem Bauchchirurgen mit Spezialisierung auf die Schlüssellochtechnik, kam vor zehn Jahren eine Patientin, die zu schwer war für die Operationstische im Universitätsklinikum Münster. Sie sollte einen Schlauchmagen bekommen, als Therapie gegen ihr Übergewicht. Gerdes hatte keine Erfahrung mit solchen Operationen, aber einen Operationstisch für besonders schwere Patienten. Kurzerhand bat er einen erfahrenen Kollegen dazu und operierte die Münsteraner Patientin in Ostercappeln.

50 statt 1500 Milliliter Magenvolumen

Inzwischen machen Gerdes und sein Team rund 100 Adipositas-Operationen pro Jahr. Es gibt verschiedene Techniken, das Magen-Volumen zu verringern, sodass weniger Nahrung aufgenommen werden kann und schneller ein Sättigungsgefühl eintritt. Beim Magenbypass, den Gerdes favorisiert, wird das Fassungsvermögen des Organs von 1500 auf 100 bis 50 Milliliter verkleinert. Die Patienten verlieren nach dem Eingriff „60 bis 80 Prozent ihres Übergewichts“, so Gerdes.

St. Raphael ist ein zertifiziertes Kompetenzzentrum für Adipositas-Chirurgie. Und nicht nur die OP-Tische sind auf die schwergewichtigen Patienten ausgerichtet. Auch die Betten und Untersuchungsliegen, (Roll-) Stühle und die sogenannten Lifter, die den Pflegekräften die Arbeit erleichtern. Wegen dieser Infrastruktur und der Erfahrung des Personals kommen die Patienten aus dem ganzen Landkreis Osnabrück, und auch aus den Nachbarkreisen nach Ostercappeln. Der bisher Schwerste wog 280 Kilo, berichtet Martin Gerdes.

Existenzielle Ängste

Grundsätzlich darf er nur bei einen Bodymassindex über 30 zum Skalpell greifen. Das wäre schon bei einem Mann in seinen 40ern mit 1,80 Meter Größe und 100 Kilo Gewicht der Fall. Aber der Patient muss, vereinfacht gesagt, auch unter seinem Übergewicht leiden. Entweder psychisch, etwa durch soziale Isolation, oder auch körperlich, an Diabetes, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Beschwerden oder schmerzenden Gelenken. Gerdes selbst sagt, seine Patienten entscheiden sich oft aus „existenziellen Ängsten“ heraus zu der Operation. „Sie wollen mit ihren Kindern aktiv sein und sie aufwachsen sehen. Oder sie wollen weiter berufstätig sein.“

Allein würden das nur Allerwenigsten schaffen, davon ist Gerdes überzeugt: „Wenn man ein gewisses Gewicht erreicht hat, dann kann man noch so viel Sport machen und die Ernährung umstellen, man kommt davon nicht runter.“ Maximal Fünf bis zehn Kilo, so schätzt er, lassen sich durch Diäten abspecken – nicht viel, bei dem massiven Übergewicht, mit dem die Patienten zu ihm kommen. Diese Ansicht setzt sich gerade auch in der medizinischen Fachwelt durch. Immer mehr Hausärzte schicken ihre adipösen Patienten zu Gerdes. Und auch Diabetologen erkennen an, dass sich einige Ausprägungen der der Zuckerkrankheit durch eine Magenverkleinerung behandeln lassen. „Aber es hat einen langen Atem gebraucht“, sagt Gerdes, der sich für seine Spezialisierung zunächst auch gegenüber der eigenen Geschäftsführung rechtfertigen musste.

Adipositaschirurgie kostet

„Die Adipositaschirurgie stellt uns vor einige besondere finanzielle Herausforderungen“, erklärt ein Sprecher des Klinikverbundes Nils Stensen auf Anfrage. Der Grund ist, dass die gesamte Einrichtung des Krankenhauses speziell auf die schwergewichtigen Patienten ausgerichtet werden muss. „Die Ausstattungsmerkmale liegen deutlich über den seitens des Landes Niedersachsen geförderten Standards“, heißt es, „deshalb hat der Krankenhausträger bislang vieles aus Eigenmitteln angeschafft.“

Trotz der Kosten ist der Klinikverbund froh über die Spezialisierung des Standortes Ostercappeln, nicht nur auf Adipositas-Chirurgie sondern auch auf Lungenheilkunde, multimodale Schmerztherapie, Hernienchirurgie und Palliativmedizin. „Ein Krankenhaus, das ausschließlich über eine Grundversorgung verfügt, lässt sich nicht auskömmlich finanzieren“, so der Unternehmenssprecher. Grund sei die Abrechnung über die sogenannten Fallpauschalen, die jedes Jahr durch ein unabhängiges Institut festgelegt werden. Ein leistungsfähiger Betrieb sei nur durch einen Mix aus Grundversorgung und Spezialisierungen möglich.

St. Raphael steht gut dar

Nach Angaben des Unternehmenssprechers steht das Krankenhaus St. Raphael wirtschaftlich stabil da. Martin Gerdes erinnert sich, dass das bei seinem Wechsel nach Ostercappeln noch anders aussah. „Viele Kollegen haben mich gefragt, was ich hier will“, berichtet er. Aber er schätzt den kleinen Standort für den Zusammenhalt in der Belegschaft und die Möglichkeiten, eigene Schwerpunkte zu setzen. Mit dem Adipositaszentrum hat er genau das getan.


Was ist Adipositas?

Am häufigsten wird Adipositas über den sogenannten Bodymassindex (BMI) bestimmt. Dazu wird das Körpergewicht durch die Körpergröße im Quadrat geteilt. Das Ergebnis lässt sich in unterschiedliche Grade einteilen:

  • Normalgewicht: 18-24,9 kg/m2
  • Übergewicht: 25-29,9 kg/m2
  • Adipositas Grad 1: 30-34,9 kg/m2
  • Adipositas Grad 2: 35-39,9 Kg/m2
  • Adipositas Grad 3: über 40 kg/m2
  • Superadipositas: über 50 kg/m2
  • Das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass in Deutschland 62 Prozent der Männer und 43 Prozent der Frauen übergewichtig sind. Als adipös gelten 17 Prozent der Männer und 13 Prozent der Frauen. Die Daten stammen aus dem letzten Mikrozensus im Jahr 2013, bei dem auch nach Körpergewicht und Größe der Teilnehmer gefragt wurde.

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