Fleischermeister aus Venne Wie der Förderschüler zum leitenden Angestellten wurde

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Mehr Macher als Theoretiker: Fleischermeister Marcel Kruse hat im März 2017 seine Meisterprüfung in Frankfurt abgelegt. Heute ist er stellvertretender Betriebsleiter der Landschlachterei Krischke. Foto: André PartmannMehr Macher als Theoretiker: Fleischermeister Marcel Kruse hat im März 2017 seine Meisterprüfung in Frankfurt abgelegt. Heute ist er stellvertretender Betriebsleiter der Landschlachterei Krischke. Foto: André Partmann

Venne. Der schafft es niemals durch die Prüfung, sagten die Fleischergesellen einst über den Lehrling Marcel Kruse. Aus dem Förderschüler, der die einfachsten Rechnungen im Matheunterricht nicht verstand, ist inzwischen ihr Vorgesetzter geworden.

Er hat Zweifel. Zweifel davor, diese für ihn immens wichtige Prüfung zu vergeigen. Die verdammte Theorie will einfach nicht in seinen Kopf. Doch aufgeben ist jetzt keine Option. Er greift sich erneut das Buch, wiederholt den Inhalt. Immer und immer wieder, angetrieben von seinem Zimmernachbarn, der es gut mit ihm gemeint hat. Mittlerweile ist es 1 Uhr nachts. Die Augen fallen zu.

Mehr Macher, nicht Theoretiker

Und dann ist plötzlich da, der Tag der Wahrheit im März 2017. In Frankfurt steht für 51 Fleischergesellen die Meisterprüfung an. Marcel Kruse ist einer von ihnen. Sein Herz pocht vor lauter Aufregung. Die Theorie, die ihm über die letzten drei Monate – nein, sein ganzes Leben schon – so starke Bauchschmerzen bereitet hat, muss er jetzt abrufen. Auftragsabwicklung, Betriebsführung, Betriebsorganisation – die Prüfungskommission will es genau von ihm wissen. Und dann ist da noch der praktische Teil, Kruses Stärke. Er ist mehr Macher, nicht Theoretiker.

Meisterbrief in der Tasche

Es war eine Tortur, die ein versöhnliches Ende nahm. Kruse hat es geschafft, in seiner Wohnung hängt ein Meisterbrief, ausgehändigt von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier persönlich. Gedacht hätte das zu dem Zeitpunkt, als er seine Fleischerlehre in der Landschlachterei Krischke in Venne begonnen hat, niemand. Kruse kam damals frisch von der Astrid-Lindgren-Schule in Bohmte, einer Förderschule. Seine Konzentrationsfähigkeit war nie die Beste, Neues zu erlernen, fiel ihm immer deutlich schwerer als anderen. „Alle haben gesagt, der schafft es im Leben nicht durch die Prüfung“, erinnert sich Fleischermeister Heinz Krischke. Er war der Einzige, der an seinen Lehrling geglaubt hat – auch, wenn er ihm manche Arbeitsschritte wieder und wieder erklären musste. Der Lohn: Aus dem vermeintlichen Scheitern an der Gesellenhürde ist das Bestehen der Meisterprüfung geworden.

Wiedereinstellung über Umwege

Wo nach zwei Schulpraktika vor 14 Jahren mit der Lehre alles begonnen hat, nimmt die Geschichte heute ihren Lauf. Marcel Kruse, mittlerweile 30, hat nach der Prüfung in Frankfurt eine Meisterstelle in seinem alten Ausbildungsbetrieb angetreten. Es war eine Wiedereinstellung über Umwege – nicht nur, weil Kruse für drei Monate Vollzeit an der Meisterschule war. Nach der Gesellenprüfung schnupperte er für einige Monate in die Metallbranche. Doch die sei nichts für ihn gewesen, sagt er. Und auch eine zwischenzeitliche Tätigkeit bei der Tierkörperbeseitigung in Icker erfüllte ihn nicht. „Ich wollte zurück zum Ursprung der Lehre“, sagt der Fleischermeister. Der Kontakt zur Fleischerei Krischke ist über die gesamte Zeit nicht abgebrochen, und der Chef stellte seinen ehemaligen Lehrling gerne wieder ein.

„Bester Arbeiter“

Aus dem „Problemlehrling“, dem die Kollegen die Abläufe mehrfach erklären mussten und der in der Schule die einfachsten Rechenaufgaben nicht lösen konnte, ist mittlerweile „sein bester Arbeiter“ geworden, wie Krischke betont. Und noch mehr: Kruse hat es zum stellvertretenden Betriebsleiter gebracht. Sobald der Chef verhindert ist, bleibt die Organisation der Betriebsabläufe oder die Annahme von Bestellungen an ihm hängen. Fünf Gesellen hat Kruse derzeit unter sich. Dinge, die früher so weit weg schienen.

Berechtigung zum Hochschulstudium

Wo andere den ehemaligen Förderschüler schon abgeschrieben haben, hat Kruse an sich geglaubt: „Ich musste schon mein ganzes Leben mehr machen als andere“, sagt er. Sein Ehrgeiz habe ihn schließlich dahin gebracht, wo er heute ist. Die Kollegen, die ihn einst die Qualifikation abgesprochen haben, hat er dadurch eines besseren belehrt. Sie hätten „höchsten Respekt vor seinem Werdegang.“ Die Gesellenprüfung hat er gepackt, die Meisterprüfung ebenso. Kommt bald der Hochschulabschluss? Zumindest ist das nicht ausgeschlossen. Der Meisterbrief berechtigt ihn, den ehemaligen Förderschüler, zum Hochschulstudium.


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