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Renate Zimmer im Interview „Schlechtes Spielzeug fasziniert Kinder nur kurz“

Von Corinna Berghahn | 22.12.2014, 01:05 Uhr

Was unterscheidet gutes von schlechtem Spielzeug? Und brauchen Kinder Lernspielzeug? Erziehungswissenschaftlerin Renate Zimmer gibt im Interview Ratschläge – und erklärt, warum manchmal der Kauf einer Barbie sinnvoll sein kann.

Renate Zimmer ist Vorsitzende des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe) an der Universität Osnabrück und wurde von der Studentenzeitschrift Unicum zur „Professorin des Jahres 2009“ gewählt. Sie hat zwei Kinder. Was rät sie Eltern beim Spielen mit dem Kind?

Frau Professor Zimmer, ab wann spielen Kinder?

Kinder spielen im Grunde genommen von der Geburt an, zunächst einmal mit ihrem eigenen Körper, mit ihrer Stimme. Beispielsweise greifen sie nach ihren Zehen und stecken sie in den Mund, experimentieren mit ihrer Stimme, wenn sie juchzen, lallen, und gurren.

Wann spielen sie dann mit anderen Dingen?

Interesse an den Dingen in ihrer Umgebung haben Kinder bereits dann, wenn sie sich visuell orientieren können, mit Interesse schauen sie beispielsweise ein Mobile an und versuchen auch schon mit sieben bis acht Wochen danach zu greifen oder es zu berühren. Von eigentlichen Spielen kann man aber wohl erst dann sprechen wenn sich das Kind mit etwa fünf bis sechs Monaten aktiv mit den Dingen, die es in seiner Umwelt entdeckt, auseinandersetzt. Aus der Frage „Was tut das Ding?“ entsteht die Frage: „Was kann ich mit dem Ding tun?“

Welches Spielzeug sollten sie dann haben?

Spielzeug, mit dem man etwas bewirken kann, mit dem man Geräusche erzeugen kann und das sich bewegt, wenn sie es selbst bewegen. Generell also Dinge, mit denen die Kinder eine Reaktion in der Umwelt erzeugen und diese auf sich zurückführen können. Das führt zu einem Erfolgserlebnis, das sie immer wieder wiederholen wollen.

Sind die berühmten Fröbel-Gaben – Kugel, Zylinder, Würfel – in der Hinsicht dann immer noch das Maß der Dinge?

Man muss diese Fröbel’schen Spielgaben unter dem Aspekt betrachten, dass sie bei dem Kind eine Eigentätigkeit hervorrufen: Die Kugel oder der Ball sind ein Paradebeispiel: Ich stoße den Ball an, er rollt weiter, er stoppt nicht und ich habe das Gefühl, ich habe den Ball ins Rollen gebracht, aber ich kann ihn auch anhalten. Mit Zylinder und Würfel kann gebaut werden – und das Gebaute dann wieder umgeworfen werden.

Einen gerade gebauten Turm umschmeißen: Warum machen Kinder das eigentlich so gerne?

Genau aus dem Grund heraus: Sie wollen sehen, dass sie etwas bewirken. Umschmeißen – das war ich. Dann kommt die Zeit, in der sie auch selber bauen und das Gebaute wieder umwerfen. Aber erst mal muss natürlich der andere bauen und das wird umgeworfen. Ein ebenfalls wichtiger Effekt ist: Dinge fallen lassen. (Weiterlesen: Was schenkt man einem Anderthalbjärigen, der alles hat? Die Vater-Muter-Kind-Kolumne.) 

Das tun die Kinder also nicht, um die Eltern in den Wahnsinn zu treiben?

Absolut nicht. Das Kind will wissen: Fallen alle Dinge auf den Boden? Welche Geräusche machen sie beim Aufprall? Wie fallen sie? Deshalb werfen sie immer wieder und freuen sich, wenn da jemand ist, der mitmacht.

und die Eltern müssen immer wieder hochheben.

Auch das kann sich zum Spiel entwickeln: Ich lasse das Ding fallen, du hebst es auf und gibt es mir wieder, ich werfe es wieder runter, du hebst es hoch. Eine schöne Sache. (Lacht.)

Welches Spielzeug interessiert als nächstes?

Dann kommen die Dinge, die vielleicht etwas komplizierter zu handhaben sind, und mit denen das Kind etwas bauen und konstruieren kann. Beispielsweise Bauklötze oder Steckklötze. Das Kind baut, stapelt, steckt zusammen, nimmt wieder auseinander. Mit dem Spielmaterial geht es zunehmend sachgerechter um und beginnt, damit etwas zu schaffen, zu produzieren. Aber für das Spielen braucht man nicht immer Spielzeug.

Sondern?

Beim Spielen setzt das Kind vor allem seinen Körper ein, rutscht und krabbelt, kullert und robbt. So erspielt und erschließt es sich seine Umwelt. Dann hilft es auch, wenn die Wohnung spielfest ist und Stühle und Polster genutzt werden können, um hindurchzukriechen, drüberzuklettern und Buden zu bauen. Die Bewegung ist ein Mittler, um bestimmte Effekte zu erzielen. Kurz gesagt: Bewegung und Spielen sind eins.

Unser Kind hat anfangs fast nur mit PET-Flaschen gespielt und war glücklich...

Die Alltagsgegenstände sind auch deswegen so interessant, weil ihr Spielwert von den Kindern selbst entdeckt wird. Sie ändern selbstständig ihre Funktion, nutzen die Flasche zum Rollen, Greifen und Fallen lassen, schlagen damit auf den Boden und erfreuen sich an den Geräuschen. Oder wie der Karton, der als Tunnel, als Haus oder als Versteck dient.

Brauche Kinder dann eigentlich Spielzeug?

Ja und nein, sie machen ja aus jedem Gebrauchsgegenstand ein Spielzeug. Andererseits können Spielzeuge wie Autos, Puppen, Kuscheltiere ihre Spielfähigkeit auch anregen und ihre Ideen und ihre Kreativität erweitern.

Was macht schlechtes Spielzeug aus?

Ein Inbegriff für schlechtes Spielzeug sind für mich diese piependen und scheppernden und blinkenden Sachen, die man aufzieht. Sie tun etwas, ohne dass ich selbst etwas tun muss. Die Faszination, die sie ausüben, hält nicht lange an, denn man kann damit nichts anderes tun, als im Sinne des Konstrukteurs die Funktion immer wieder herzustellen. Und wenn man es verändert, macht man es kaputt. Ein Ball jedoch wird immer interessant sein und ein Teddy immer eine Beziehungsebene herstellen.

Legobausteine sind in dem Sinne also gut, oder?

Ja, sie regen zum vielfältigen Bauen und Konstruieren an. Sie dürfen aber nicht allzu kleinteilig sein und nur zu vorgegeben Modellen führen. Manchmal sehe ich in Kinderzimmern, dass die aufgebauten Lego-Sachen genauso stehen bleiben müssen, wie sie nach einem Model gebaut worden sind. Aber das ist nicht der Sinn von Spielzeug. Die Kinder sollten aus den Bausteinen selber etwas gestalten dürfen. Da kann es dann auch mal ein Motorrad geben mit drei Rädern oder eines mit einem Dach.

Brauchen Kinder Lernspielzeug?

Jedes Spielzeug ist Lernspielzeug. Jedes. Nur: Wenn das schon draufsteht und damit geworben wird, dann ist es meist kein Spielzeug mehr. Diese Verbindung von Spielen und Lernen wird von der Industrie forciert.

Wie steht es mit Computerspielen?

Kinder wachsen heutzutage ja unaufhörlich in die Welt der Medien hinein. Daher würde ich sie so lange von einem Computer fernhalten, wie es geht. Es reicht aus, wenn sie mal am Computer der Eltern mit der Maus spielen. Da muss man nicht noch einen Kinder-Computer anschaffen.

Die Spielzeugindustrie ist ein großer Wirtschaftsfaktor – und investiert Millionenbeträge in die Werbung. Was können Eltern tun, wenn das Kind etwas haben will, was sie selbst nicht kaufen mögen?

Wenn die Wünsche so groß sind und sie erfüllbar sind, würde ich immer Mittelwege gehen. Beispielsweise die Nutzungsdauer dieser Dinge dosieren. Kinder verstehen das in der Regel auch, weil sie merken, dass das Verbot mit einer Sorge zu tun hat.

Unser Kind will eine Barbie, seitdem sie ihre Cousine mit einer gesehen hat …

Sie kommen wohl nicht drum herum, eine zu kaufen. Ich habe das gleiche Problem Jahre vor mir hergeschoben. Irgendwann war der Wunsch meiner Tochter so stark, dass ich gesagt habe: „Jetzt kaufen wir eine komplette Barbie-Familie.“ Danach hatte sich der Reiz schnell erledigt. Zudem braucht man bei Barbies für alles ein besonderes Equipment – und diesen Trick der Industrie bemerken Kinder auch.

Was tun gegen den Überfluss im Kinderzimmer?

Davor sollten Eltern die Kinder schützen, bestimmte Spielmaterialien auch mal für eine Zeit lang wegräumen, damit es von der Menge nicht überfordert wird. Man kann mit dem Kind auch einmal vereinbaren „Jetzt geht der Bagger in Urlaub.“ Der wird in einem vollen Kinderzimmer vielleicht die ganze Zeit unbenutzt gestanden haben, aber wenn man ihn nach einem halben Jahr wieder rausholt, kriegt er plötzlich eine ganz neue Bedeutung.

Spielt man mit oder lässt das Kind lieber alleine spielen?

Beides ist wichtig. Die Kinder müssen lernen, sich alleine zu beschäftigen und sich alleine mit einer Sache auseinandersetzen. Andererseits ist die Beziehungsebene natürlich auch durch gemeinsames Tun geprägt. Wenn Eltern beispielsweise sagen „Mein Kind will sich immer aufrichten und nicht krabbeln“, dann liegt es auch daran, dass sie nicht mit ihm runter auf den Boden gehen und krabbeln. Der Erwachsene ist ja in vielen Verhaltensweisen ein Modell für das Kind.

Kinder spielen aber anders als Erwachsene…

Und Erwachsene sollten mehr im Sinne der Kinder spielen. Ich sehe oft, wie Erwachsene den Kindern vorgeben, wie sie etwas spielen sollen, anstatt sich auf deren Ideen einzulassen. Für ein Kind ist es ganz wichtig, dass der Erwachsene wertschätzt, was es an Ideen hat und nicht immer sagt „Ach, du könntest es doch mal so machen und probiere das mal so“.

Ist das typisch deutsch?

Nein, das habe ich auch in anderen Ländern gesehen. Es kommt eher auf die Haltung der Eltern an. Wo Eltern eine gute Gelassenheit dem Kind gegenüber entwickeln, da können sie das Kind auch spielen lassen.

Diese Gelassenheit hat man als Eltern aber nicht immer...

Stimmt. Und es ist auch normal, dass man ab und zu mal in Stress gerät oder ungeduldig wird. Da muss man sich auch keine Vorwürfe machen, aber vielleicht sollte man dem Kind ein bisschen mehr die Chance lassen, beim Spielen eigene Wege gehen zu dürfen.

Jetzt zur Gretchenfrage: Irgendwann spielt man mit den Kindern „Mensch ärgere dich nicht“. Darf man sein Kind beim Spielen verlieren lassen?

Es kommt hier auch auf das Alter an - ob die Kinder die Spielidee verstehen. Kinder müssen auch den Umgang mit dem Misserfolg lernen. Manche fangen zwar an, jämmerlich zu schreien, wenn sie beim „Mensch ärgere dich nicht“ verloren haben, aber da müssen sie durch.