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„Zuhören, Stille zulassen“ Komponist Jens Joneleit gedenkt dem Ende des Zweiten Weltkriegs

Von Ralf Döring | 19.03.2015, 20:22 Uhr

Für das erste gemeinsame Konzert der Sinfonieorchester aus Wolgograd und Osnabrück schrieb die russische Komponistin Elena Firsova ein zeitgenössisches Werk, und dazu erklang Beethovens Neunte. Jetzt spielt das binationale Orchester die „Leningrader Sinfonie“ von Dmitri Schostakowitsch und die Auftragskomposition „Erwartung (Andacht)“ von Jens Joneleit.

Osnabrück. Mit Jens Joneleit hat Christian Heinecke einen Seelenverwandten getroffen. Denn den Komponisten beschäftigt das Gedenken an die Schrecken und an das Ende des Zweiten Weltkriegs ähnlich intensiv wie den Geiger, der zum Herzen und zum Motor der Orchesterkooperation zwischen Osnabrück und Wolgograd geworden ist. „Ich fühlte mich sofort angesprochen“, antwortet Joneleit auf die Frage, wie er auf den Wunsch nach einem Werk für die Gemeinschaftskonzerte des deutsch-russischen Orchesters in Osnabrück, Moskau und Wolgograd reagierte.

Am Sonntag wird das Werk uraufgeführt. Jetzt sitzt Joneleit bei einem Kaffee im oberen Foyer des Theaters; sein Zug aus Berlin hatte Verspätung, doch damit kann der Komponist offenbar ganz gut umgehen. Am Abend probt das Osnabrücker Symphonieorchester zum ersten Mal sein Werk „Ehrfurcht (Andacht)“, und er sagt: „Das ist ein gutes Gefühl.“ Wobei er weiß, wie erste Proben ablaufen. „Es wird eher technisch“, sagt er mit seiner ruhigen Stimme und lächelt ein wenig aus seinem dichten Bart hervor: anspielen und ausmerzen von Druckfehlern.

Zum Porträt des russischen Alexander Polyanichko geht es hier.

Dirigenten

Überhaupt spricht Joneleit bedächtig, auch über das Gedenken an die Schrecken des Kriegs. „Das Thema hat mich immer interessiert“, sagt er: Sein Opa – „der, der mir meinen Nachnamen gab“ – hat ihm vom Krieg erzählt, von der schweren Kopfwunde und davon, dass er nach der Genesung wieder zurück an die Front geschickt wurde. Und von der Flucht vor der Roten Armee, Tausende von Kilometern, zu Fuß. „Er hatte ein großes Bedürfnis, mir Geschichte und Geschichten mitzuteilen“, sagt Joneleit. „Das trage ich in mir.“ Heinecke hat genau den richtigen Komponisten angesprochen.

Dabei will Joneleit keinesfalls die Schrecken des Krieges mit den Mitteln des Symphonieorchesters nacherzählen. Wie der Werktitel sagt, möchte er, dass ihm die Menschen zuhören, „andächtig zuhören, sich selbst wegnehmen, Stille zulassen“. Und nachdenken: über das, was war, über das, was sich entwickelt. Zum Beispiel die Kooperation von Orchestern einstmals verfeindeter Völker, deren Staaten derzeit auch heute nicht gerade das innigste freundschaftliche Verhältnis pflegen.

Umso höher bewertet Joneleit die Kooperation: „Die zeigt, dass es etwas anderes gibt, als das, was man sonst mitkriegt“, sagt er. Gemessen an der weltpolitischen Großwetterlage, ist das wenig; wer wüsste das nicht? Aber es setzt „ein Zeichen“, und Joneleit betont das „ein“: „Darin liegt die Kraft dieses Projekts.“ „Sich treffen, sich auszutauschen – darum geht es“, sagt der Komponist. „Sich zurücknehmen, sich auf das wenige zu konzentrieren: Darin liegen die Bedeutung und der Wert dieses Kooperationsprojekts. „Und so funktioniert auch mein Stück.“