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Zu wenig bezahlbarer Wohnraum Wohnungsnot: Politiker üben den Rollenwechsel

Von Joachim Dierks | 18.06.2018, 18:55 Uhr

Bezahlbarer Wohnraum in ausreichender Menge entwickelt sich immer mehr zur sozialen Frage unserer Zeit. Die Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Stadt und Landkreis Osnabrück beschritt jetzt ungewöhnliche Wege, um mit den Hauptakteuren nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen.

Awo, DRK, Caritas, Diakonie und der Paritätische hatten ins Laurentiushaus eingeladen. In dem Heim für Wohnungslose versammelten sie Politiker, Vertreter von Verbänden und Initiativen sowie von Wohnungsnot Betroffene an einem Tisch. Unterschiedliche Sichtweisen auf das Problem sollten zur Sprache kommen und Lösungswege diskutiert werden. Um den Vertretern aus Landtag, Kreistag und Stadtrat Gelegenheit zu geben, einmal aus einer anderen Perspektive auf das Problem zu schauen, hatten sich die Veranstalter Rollenspiele einfallen lassen.

Erster Freiwilliger ist Bürgermeister Burkhard Jasper (CDU). Er schlüpft in die Rolle eines armen Rentners in der Grundsicherung, der auf Wohnungssuche bei einem fiktiven Wohnungskonzern anruft. Dort scheitert er an einer freundlichen, ansonsten aber desinteressierten Call-Center-Mitarbeiterin, dargestellt von Sabine Stahmeyer, die im richtigen Leben Wohnungscoach bei der Awo ist. Obwohl Jasper sich nicht besonders tüdelig anstellt, kommt er nach dreimaligem Durchlaufen der Warteschleife mit der Sachbearbeiterin, die im fernen Bochum sitzt, nicht auf einen Nenner. Unter anderem, weil er seinen Wohnberechtigungsschein nicht zur Hand hat.

Jede Menge Bescheinigungen

In einer weiteren Szene gibt Kreisrat Matthias Selle einen syrischen Flüchtling auf Wohnungssuche. Mit Glück hat er einen Wohnungsbesichtigungstermin ergattert. Das nützt ihm aber nichts, denn der ihn permanent duzende Wohnungsagent – dargestellt von Heinz Hermann Flint vom SKM – bombardiert ihn mit einer langen Latte von beizubringenden Unterlagen. Als da sind: Mieterselbstauskunft, Einkommensnachweis, Schufa-Eigenauskunft, Kautionsübernahmeerklärung, Lebenslauf und so weiter, wobei die „Mietschuldenfreiheitsbescheinigung des Vorvermieters im Herkunftsland“ für Heiterkeit sorgt. Ähnliche Hindernisse türmen sich vor der „alleinerziehenden Mutter mit vielen Kindern, aber wenig Geld“ auf, die von Kreistagsmitglied Felizitas Exner (Grüne) gespielt wird.

In der anschließenden Diskussion ging es nicht nur um Erleichterungen bei formalen Hürden, die in den Spielszenen deutlich wurden, sondern auch um substanzielle Fragen. Während die Politiker keine Mühe hatten, ganze Bündel von bereits getroffenen Maßnahmen herunterzubeten, wiesen Betroffene darauf hin, dass sie nicht fünf oder sechs Jahre warten könnten, bis die Programme Wirkung zeigten. Relativ schnell ließen sich die „Angemessenheitsgrenzen“ ändern, wodurch auch größere und teurere Wohnungen zur Verfügung stünden. Sollten die Kommunen auslaufende Sozialbindungen „aufkaufen“ und damit verlängern? Sollte man systematisch Leerstände aufspüren und mit den Eigentümern reden? Kann ein Quartiermanager dafür sorgen, dass wachsende und schrumpfende Familien den Wohnraum untereinander tauschen? Wie erleichtert man es älteren Mitbürgern, die allein in großen Häusern leben, in kleinere Wohnungen umzuziehen? Muss die Baunutzungsverordnung gelockert werden, um vorhandene Grundstücke besser ausnützen zu können? Brauchen wir alle 20000 Baunormen, die das Bauen so teuer machen?

Soziale Durchmischung

Landtagsmitglied Martin Bäumer (CDU) warb entschieden dafür, nicht alle „Problemfälle“ konzentriert in neuen Siedlungen unterzubringen, sondern für soziale Durchmischung zu sorgen. SKM-Mann Flint bat darum, über alle Neubauplanungen nicht zu vergessen, dass aktuell 175 Menschen in Osnabrück in Autos oder bei Oma oder Bekannten auf der Couch schlafen oder „Platte machen“. Die Zahl sei von Jahr zu Jahr angestiegen. Die Klientel der Wohlfahrtsverbände – Arbeitslose, ehemalige Strafgefangene, ehemalige Suchtkranke – konkurriert mit Osnabrücks Studenten und einer steigenden Zahl von anerkannten Flüchtlingen um preisgünstigen Wohnraum. Die einzelnen Gruppen dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden, appellierte Burkhard Teschner von der Diakonie. Doch wie das gelingen soll, dazu hatte keiner die Patentlösung parat.