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Zeitreise Früher war die Wellmannsbrücke in Osnabrück ein Bad

Von Joachim Dierks | 30.07.2014, 10:26 Uhr

Viele Bewohner von Schinkel, Fledder, Voxtrup und Gretesch haben angenehme Erinnerungen an das Freibad Wellmannsbrücke. Leider sind es nur Erinnerungen, denn 1997 wurde endgültig der Stöpsel gezogen. Zwei benachbarte Gewerbebetriebe benötigten das Gelände für existenzsichernde Erweiterungen. Doch schon zuvor hatte die Stadt in ihrem neuen Bäderkonzept die Wellmannsbrücke fallen lassen.

Damit ging die 85 Jahre währende Geschichte des Bades zu Ende. So idyllisch und naturbelassen in die Haseauen gebettet wie auf der historischen Ansichtskarte war sie allerdings schon die letzten 30 Jahre nicht mehr. Das Gewerbegebiet Fledder schob sich immer weiter auf das Bad zu, und vor allen Dingen sorgte ab 1967 die in nur 60 Meter Abstand vorbeiführende Ostumgehung im Zuge der B51 (heute A33) für eine ständige Geräuschkulisse.

Daran war im April 1911 noch nicht zu denken, als die damals selbstständige Gemeinde Schinkel den Beschluss fasste, eine Flussbadeanstalt in der Hase anzulegen, auf dem Land des Hofbesitzers Wellmann an der sogenannten Wellmannsbrücke über die Hase.

„Die Errichtung der Badeanstalt, welche auch von den Auswärtigen benutzt werden dürfte, entspricht einem dringenden Bedürfnis. Das nächste Flußbad ist die städtische Badeanstalt in der Nette bei der Hastermühle. Dasselbe liegt aber für die Mehrzahl der hiesigen Ortseingesessenen zu weit entfernt“, schrieb damals die Vorgängerin dieser Zeitung.

Am 23. Juli 1912 wurde das Flussbad schließlich eröffnet. „Es ist ein schöner Weg dorthin angelegt worden“, hieß es in der Zeitung, „von der Eisenbahnstation Lüstringen ist die Anstalt etwa vier bis fünf Minuten entfernt. Die Badepreise sind mäßig gehalten. Beim angestellten Badewärter sind kleine Erfrischungen (kein Alkohol) zu haben. Die Badeanstalt schließt unmittelbar an ein kleines Wäldchen an und liegt mitten in üppig grünenden Wiesen, in denen nach dem Wasserbade noch ein Sonnen- oder Lichtluftbad genommen werden kann.“

Die Badefreuden verliefen in der Folgezeit nicht immer ungetrübt, da die Qualität des Hasewassers stark schwankte. Grund genug für die Bürger aus Schinkel, nach einem künstlichen Freibad zu rufen – so wie es 1926 gerade mit dem großen Moskaubad in der Wüste errichtet wurde. 1927 passierten die Neubaupläne die städtischen Kollegien zustimmend. Noch im gleichen Jahr begannen die Arbeiten auf einem ein Hektar großen Grundstück neben der Hase, das die Stadt auf 99 Jahre vom Bauern Wellmann gepachtet hatte. Die alte Flussbadeanstalt wurde zeitgleich mit Eröffnung des neuen Bades aufgegeben.

Viele Jahrzehnte lang verlief der Badespaß relativ ungestört. Anfang der 1990er-Jahre wurden die Weichen jedoch gegen die Wellmannsbrücke gestellt. Die Stadt sah eine Lawine von Sanierungsnotwendigkeiten in den sieben öffentlichen Bädern auf sich zurollen. Gleichzeitig hatten sich die Nutzungsgewohnheiten verändert. Der sportliche Aspekt dominierte nicht mehr, zunehmend waren Freizeit, Spaß und Wellness angesagt. Als Antwort stellte die Stadt ein neues Bäderkonzept vor. Es sah eine Konzentration der Investitionsmittel auf Moskaubad, Nettebad und Schinkelbad vor. Pottgrabenbad, Niedersachsenbad, Hallenbad Lüstringen und die Wellmannsbrücke zogen den Kürzeren.

Eine Gnadenfrist bekam das Freibad noch eingeräumt. Gastronom Heinz-Bernhard Westerkamp pachtete die Einrichtung bis 2006, allerdings mit jährlicher Kündigungsfrist. Westerkamp versuchte, mit Biergarten, Open-Air-Konzerten, Filmvorführungen und einigem Idealismus den ansonsten kaum kostendeckenden Badebetrieb aufrechtzuerhalten. Doch schon nach einem Jahr ereilte ihn zum 30. September 1997 die Kündigung der Stadt. Hintergrund war der Druck, den die benachbarten Logistikunternehmen Egerland und Meyer & Meyer ausübten. Sie machten der Stadt klar, dass ihre weitere Entwicklung am Standort Osnabrück davon abhänge, ob sie das Freibadareal als Erweiterungsfläche bekommen könnten.

Eine große Mehrheit aus CDU, SPD und FDP im Rat hielt das Arbeitsplatz- und Gewerbesteuer-Argument für gewichtiger als Naturschutzbelange, die die Grünen und eine Bürgerinitiative mit 3260 Unterschriften als vorrangig einstuften. Eine Groß-Demo im Mai 1998 mit 600 Bürgern, die „Wir wollen Wellmann“ skandierten und mit einer Menschenkette die sofortige Wiedereröffnung des Freibades forderten, änderte nichts daran, dass der Rat den Weg für die Gewerbebetriebe frei machte. Anfang 1999 weihte Egerland seine fünfgeschossige „Park-Palette“ mit 2200 Stellplätzen ein. Egerland nimmt dort große Mengen an Automobilen vieler europäischer Hersteller auf, darunter Volkswagen Osnabrück (und zuvor Karmann), und verteilt sie von hier aus auf die nordwestdeutschen Autohäuser. Pro Tag treffen bis zu 1200 Neufahrzeuge ein, davon die meisten mit der Bahn. Egerland übernimmt in der Vertriebskette auch das Entwachsen, Waschen, Sonderausrüstungen, die Qualitätskontrolle und eventuelle Nachbesserungen.