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Zeichen gegen Wegwerfmentalität Schüler wollen Osnabrück von Plastiktüten befreien

Von Sebastian Stricker | 09.10.2014, 12:34 Uhr

In Osnabrück kann die Plastiktüte bald einpacken: Binnen drei Jahren will ein wachsendes Bündnis von Umweltschützern die Stadt von Kunststoffbeuteln befreien. Angeführt wird es von Ursulaschülern. Der Startschuss fällt am Freitag im Rahmen der Jugendkulturtage.

Da haben sich die Klimabotschafter des bischöflichen Gymnasiums viel vorgenommen. Denn Plastiktüten gibt es in der Stadt an jeder Ecke. Sei es im Supermarkt, im Klamottenladen, beim Elektronikhändler, in der Drogerie oder auf dem Wochenmarkt: Kaum ein Einkauf endet nicht in der Mitnahme von neuen Tragetaschen aus Kunststoff. Zu Hause werden sie dann gehortet und manchmal tatsächlich wieder gebraucht. Aber selbst wer die Beutel mehrfach verwendet, gibt sie am Ende doch – mehr oder weniger achtlos – in den Abfall.

Diese Wegwerfmentalität, welche vor Jahresfrist schon die Europäische Union zu einem Aktionsplan veranlasste und im April in einem radikalen Entschluss des EU-Parlaments mündete, fordert nun auch die Ursulaschüler heraus. Seit 2011 werben sie unter dem Dach des Berliner Vereins „Youthinkgreen – Jugend denkt um.welt“ vor Ort für einen nachhaltigen Umgang mit der Natur. Sie gaben Öko-Shoppingguides heraus, veranstalteten Kleidertausch-Partys und im Sommer erstmals das Musikfestival Green Planet. Das „Plastiktütenfreie Osnabrück“ ist ihre neueste Mission.

„Wir sagen: Stopp!“

„Plastiktüten sind überflüssig. Sie schaden der Umwelt und langfristig unserer Gesundheit“, schreiben die jungen Aktivisten auf ihrer Projekt-Homepage. Plastiktüten vereint zu riesigen, im Meer treibenden Müllteppichen, würden zur tödlichen Falle für Tiere. Auch für Menschen bliebe der Kunststoff gefährlich: Denn anstatt zu verrotten, zersetze er sich nur in mikroskopisch kleine Teile. Diese gelangten ins Wasser und landeten über die Nahrungskette schließlich auf unserem Teller. „Deswegen sagen wir: Stopp!“

Doch wie befreit man eine Stadt von Plastiktüten? Die Klimabotschafter wollen, dass keine neuen Plastiktüten mehr verkauft und herausgegeben werden. Sie sammeln alte Plastiktüten ein und schenken ihnen ein zweites Leben, zum Beispiel in Form von Taschen, Kleidung oder Kunstwerken. Aus alten Zeitungen wollen sie Papiertüten basteln und verteilen. Geschäften und Marktständen, die auf Plastiktüten verzichten, verleihen sie Plaketten aus Papier als Gütesiegel. Außerdem ist geplant, 1000 Jutebeutel auszugeben – bedruckt mit selbst entworfenen Motiven, etwa dem Spruch „Quadratisch, praktisch, jut“ oder einem Känguru und der Aufschrift „Gebeuteltes Osnabrück“. Domschüler hatten diesbezüglich im November 2013 einen Anfang gewagt: Bei der Aktion „Plastik kommt uns nicht in die Tüte“ forderten sie Passanten in der Fußgängerzone auf, ihre Plastiktüten gegen selbst bemalte Stoffbeutel einzutauschen.

Zeit bis Ende 2017

„Wir verlangen, dass für Einkäufe in Osnabrück Jutebeutel, Körbe, Rucksäcke, Papiertüten oder – zumindest vorübergehend – alte Plastiktüten verwendet werden“, lautet der Appell. Bis Ende 2015 soll so ein Großteil der Plastiktüten aus Osnabrück verschwunden sein. Doch das ist nur ein Etappenziel der Klimabotschafter. „Wir wollen, dass Osnabrück bis Ende 2017 plastiktütenfrei ist.“

Um das zu erreichen, haben die Jugendlichen mächtige Helfer um sich geschart. Universität und Hochschule sind bereits an Bord, die Osnabrücker Klimaallianz, das Kinderhilfswerk „terre des hommes“, auch die Lokale Agenda 21 und die Tanzschule Hull. Weitere Partner und Teilnehmer sind jederzeit willkommen. „Wir laden jeden Verband, jede Gruppe, jede Schule ein, im Projekt mitzumachen“, sagt Lehrer Tobias Romberg, der die Klimabotschafter betreut. „Außerdem setzen wir auf Bürger und Unternehmen.“

Große Unterstützung erfahren die Ursulaschüler jetzt auch von amtlicher und politischer Seite: Der Rat verabschiedete in seiner jüngsten Sitzung einstimmig einen von der rot-grünen Zählgemeinschaft eingebrachten Antrag zur „Eindämmung des Verbrauchs von Plastiktüten in Osnabrück“. Er garantiert dem Youthinkgreen-Projekt die Rückendeckung der Fraktionen und Anschub durch die Verwaltung. „Lassen Sie die Schüler voranschreiten und ihr Möglichstes versuchen“, forderte Heiko Panzer, umweltpolitischer Sprecher der SPD. Bürgermeisterin Birgit Strangmann (Grüne) als Spezialistin für Abfallwirtschaft regte eine städtische Kampagne mit dem Titel „Plastiktütenfreier Haushalt“ an. „Und wir könnten zusammen mit unseren Partnerstädten EU-weit vorangehen.“

Schirmherr im Zwiespalt

Vereinzelte Bedenken an einer behördlichen Einmischung – festgemacht an der Sorge, sie binde Personal und verursache Kosten –, schlugen sich bei der Abstimmung in drei Enthaltungen nieder. Eine davon leistete sich Oberbürgermeister Wolfgang Griesert. Was besonders bei Rot-Grün für Irritationen sorgte, denn der Rathauschef ist offizieller Schirmherr der Klimabotschafter-Aktion .

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