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Wohnungsnot in Osnabrück Steigt Stadtwerke-Tochter Esos ins Immobiliengeschäft ein?

Von Sandra Dorn | 18.04.2018, 18:25 Uhr

Die Stadtwerke Osnabrück prüfen, ob ihr Tochterunternehmen Esos in den Wohnungsbau einsteigen soll. Parallel dazu hat am Dienstag das erste Treffen der Bürgerinitiative zur Gründung einer städtischen Wohnungsgesellschaft stattgefunden. Passt das zusammen?

Die Esos Energieservice Osnabrück GmbH ist zurzeit für die Erschließung und Vermarktung der Konversionsflächen in Atter zuständig. Dort entsteht mit dem Landwehrviertel das größte zusammenhängende Neubaugebiet in Osnabrück seit Jahrzehnten. Doch das Bauen erledigen andere. Für den ersten Teilbereich hat ein Investor aus Hannover den Zuschlag bekommen, der zweite ging an einen Konzern aus Frankfurt am Main.

Für die Idee, dass die Esos selbst ins Immobiliengeschäft einsteigen sollte, hat sich bereits die Osnabrücker SPD-Fraktion stark gemacht. Und jetzt hat der Stadtwerke-Aufsichtsrat, in dem auch die Osnabrücker Politik vertreten ist, zusammen mit dem Stadtwerke-Vorstand bei einer gemeinsamen Klausurtagung beschlossen, dass diese Idee weiterverfolgt werden soll, wie Stadtwerke-Sprecher Marco Hörmeyer unserer Redaktion auf Anfrage bestätigte.

Henning erfreut: „Wohnungsbaugesellschaft durch die Hintertür“

Für SPD-Fraktionssprecher Frank Henning wäre das eine „städtische Wohnungsbaugesellschaft durch die Hintertür“, wie er es zufrieden formuliert. Denn mit ihren Plänen für eine Neugründung nach dem Verkauf der alten Osnabrücker Wohnungsbaugesellschaft (OWG) vor 14 Jahren haben SPD, Grüne und Linke zurzeit keine Mehrheit im Stadtrat. CDU, BOB, FDP und UWG/Piraten haben einen bereits gefassten Beschluss direkt nach der Kommunalwahl im Herbst 2016 wieder rückgängig gemacht.

Dieser Aufhebungsbeschluss wäre konterkariert, wenn die Esos in das Immobiliengeschäft einsteigen würde, freut sich Henning. Die Esos ist eine hundertprozentige Tochter der Osnabrücker Stadtwerke und wurde seinerzeit eigens für die Erschließung und Vermarktung der Konversionsflächen in Atter und auf dem Gelände der ehemaligen Winkelhausenkaserne ins Leben gerufen. De facto besteht das Tochterunternehmen aus einem Team von etwa zehn Stadtwerke-Mitarbeitern um Prokurist Marcel Haselof, Geschäftsführer ist Stadtwerke-Chef Christoph Hüls selbst. „Bisher haben wir mit der Esos im Landwehrviertel und an der Winkelhausenkaserne gute Erfahrungen gemacht“, sagt Stadtwerke-Sprecher Hörmeyer. Doch bevor die Esos selbst ins Immobiliengeschäft einsteigen kann, müssten noch viele Fragen geklärt werden, so Hörmeyer: Wie müsste die Esos organisatorisch beschaffen sein, wie wirtschaftlich? „Das müssen wir alles in Ruhe berechnen.“

Und die Bürgerinitiative?

Es wird also noch einige Zeit verstreichen. Parallel startet eine Gruppe Osnabrücker gerade eine Kampagne gegen die herrschende Wohnungsnot in der Stadt. Sie wollen die Neugründung einer Wohnungsgesellschaft per Bürgerbegehren und -entscheid herbeiführen, die Wohnungsnot damit zu einem Top-Thema in der Stadt machen und die Politik unter Druck setzen. Dienstagabend fand das erste Treffen statt, rund 50 Vertreter von Vereinen und Verbänden waren dem Aufruf der Initiatoren in die Lagerhalle gefolgt. Stefan Wilker und seinen Mitstreitern ging es darum, die Lage zu sondieren: Finden sich genug Osnabrücker, die ihr Vorhaben unterstützen? Die Resonanz war ermutigend für sie. Frauenhaus, Frauenberatungsstelle, Verdi, DGB, Diakonisches Werk, AWO, Paritätischer Wohlfahrtsverband, der Asta der Uni Osnabrück, Vertreter evangelischer Kirchengemeinden und einige kleinere Initiativen sicherten mindestens ihr Wohlwollen, einige auch direkt ihre Unterstützung zu. Am 8. Mai findet das nächste Treffen statt. Fragen, ob das Ziel nun eine Wohnungsbaugesellschaft oder gar -genossenschaft sein soll und wie es um die Finanzierung steht, will die Initiative bis August klären, falls sie tatsächlich ein Bürgerbegehren starten will.

Konkurrenz zur Esos?

Nur: Braucht es so eine Kampagne zur Neugründung einer Wohnungsgesellschaft überhaupt noch, falls schon die Esos als städtisches Tochterunternehmen ins Immobiliengeschäft einsteigen sollte? Für Frank Henning spricht nichts dagegen, im Gegenteil. „Diese Bürgerinitiative finde ich hervorragend, denn es befeuert unsere Position“, sagt der SPD-Politiker. „Ich fände es super, wenn es einen Bürgerentscheid gäbe.“ Eine Wohnungsbaugesellschaft nicht unter dem Dach der Stadtwerke, sondern direkt unter dem Dach der Stadt würde der Politik mehr Beteiligungsmöglichkeiten ermöglichen, so Henning. „Die Initiative kann man nur uneingeschränkt unterstützen.“ Zuspruch gibt es auch von Grünen und Linken. „Wir unterstützen das Verfahren und die Sache, möchten aber der Zivilgesellschaft den Vortritt lassen“, sagt die Sozialausschussvorsitzende Anke Jacobsen (Grüne), die am Dienstagabend ebenso am Auftakttreffen teilnahm wie die beiden Ratsmitglieder der Linken. „Wir sind natürlich dabei und unterstützen die Initiative, das ist überhaupt keine Frage“, sagt Linke-Fraktionssprecherin Giesela Brandes-Steggewentz.