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Wenn Senioren im Beruf bleiben Für einige Osnabrücker kann der Ruhestand noch warten

Von Johanna Dust | 23.10.2015, 08:39 Uhr

Immer mehr Menschen, die eigentlich schon im Rentenalter sind, entscheiden sich dazu, weiter berufstätig zu bleiben. 14 Prozent der 65- bis 69-Jährigen gingen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2014 einer Erwerbstätigkeit nach – mehr als doppelt so viele wie 2005.

Laut der Analyse des Statistischen Bundesamtes waren 39 Prozent der 65- bis 69-Jährigen 2014 selbstständig oder als mithelfende Familienangehörige tätig. Nicht nur die Zahl der erwerbstätigen Senioren sei gestiegen, auch die Zahl derer, die auf Grundsicherung angewiesen sind, verdoppelte sich in den vergangenen zehn Jahren auf knapp 500000 zum Jahresende 2013. 14,9 Prozent der „Generation 65+“ gelten in dieser Statistik als armutsgefährdet. Doch die Angst vor Altersarmut ist nur einer von vielen Gründen, warum ältere Menschen länger berufstätig bleiben.

In Stadt und Landkreis Osnabrück liegt der Anteil der über 65-Jährigen unter den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten bei 0,7 Prozent. Das entspricht dem landes- und bundesweiten Durchschnitt. Weit mehr ältere Menschen sind dagegen geringfügig beschäftigt. Hier liegt der Anteil bei 10 Prozent in der Stadt und 13 Prozent im Landkreis. Beamte und die große Gruppe der Selbstständigen sind in dieser Statistik nicht erfasst. Auch Simon Peschges von der IHK beobachtet, dass der Anteil der älteren Menschen bei Veranstaltungen für Selbstständige zunehme: „Selbstständige Senioren sind oftmals ehemals abhängig Beschäftigte, die ihre Erfahrung und ihr Wissen im Ruhestand in die regionale Wirtschaft einbringen möchten. Für die regionale Wirtschaft stellt dieser Erfahrungsschatz ein Gewinn dar.“

Geistig fit bleiben

Ein Beispiel ist Udo Kunze. Seit dem 1. April 1966 ist er bei der Stadt Osnabrück angestellt. Er ist Leiter des Fachbereichs Integration, Soziales und Bürgerengagement. Pensionsreif fühlt er sich heute, nach 49 Berufsjahren, nicht. Als Beamter hat er die Möglichkeit, den Eintritt in den Ruhestand bis zu drei Jahre hinauszuschieben. Seit 2013 macht er davon Gebrauch. „Ich habe meinen Beruf immer geliebt. Für Menschen da zu sein ist eine befriedigende Aufgabe“, sagt er. Zudem stimmten die Rahmenbedingungen an seinem Arbeitsplatz, Kunze lobt die gute Arbeitsatmosphäre. Dass allein habe allerdings nicht zur Verlängerung seiner Berufstätigkeit geführt. Entscheidend seien die körperlichen und geistigen Möglichkeiten.

Das Alter bedeutet für ihn auch einen größeren Erfahrungshorizont: „Als junger Beamter tapst man zunächst etwas hilflos durch die Entscheidungsfindung. Zurückblickend habe ich vieles schon einmal in ähnlicher Weise erlebt.“ Gerade jetzt, wo Flüchtlinge die Stadt vor große Herausforderungen stellen, sei er froh, diese Erfahrungen einbringen zu können.

Im kommenden April holt der Ruhestand ihn voraussichtlich doch noch ein. „Ich hänge an meinem Beruf, es ist nicht leicht loszulassen“, sagt Kunze, der sich schon viel vorgenommen hat. Er will seine Lehrtätigkeit im nächsten Jahr intensivieren. Wissen zu vermitteln und der Kontakt mit jungen Menschen helfen ihm, sich geistig fit zu halten. Schon jetzt sind Vorträge in Thüringen, Hamburg und Berlin geplant. „Dann werde ich mir auch Zeit nehmen, länger zu bleiben und die Städte zu sehen.“

Neues Projekt

Solange die Arbeit Spaß macht, ist sie nicht vom Alter abhängig, findet auch Werner Plicht. Bei der Firma Hellmann hat er schon früh eine leitende Position übernommen und an verschiedenen Standorten gearbeitet, außerdem fungierte er als Schnittstelle zwischen IT und Vertrieb. Als er im Herbst 2014 das Rentenalter erreichte, wollte die Firma ungern auf seine Berufserfahrung verzichten. Er wurde gebeten, an der Entwicklung einer Software mitzuwirken. „Ich habe immer gerne gearbeitet. Dieses Projekt zum Abschluss ist für mich ein Meilenstein“, sagt Plicht. Sein Wissen sei dabei sehr gefragt: „Ich kann erklären, warum wir uns vor 20 Jahren entschieden haben, ein Problem so zu lösen und verstehe die Prozesse, die wir optimieren wollen. Die vielen Fragen der jungen Leute sind für mich eine Bestätigung.“ Dass Plicht seine leitende Position aufgegeben hat, bereut er indessen nicht. Nun könne er sich auf die sachliche Aufgabe konzentrieren.

Plicht plant, seine Arbeitszeit Schritt für Schritt zu reduzieren. Konkrete Pläne für den Ruhestand hat er noch nicht. „Wer Ziele hat, sollte sie sofort anpacken und nicht auf die Rente verschieben“, meint er. Er hat sich vorgenommen, weiter Prüfer bei der IHK zu bleiben, was bedeute, die aktuellen Gesetze zu kennen. Außerdem plant er weitere ehrenamtliche Tätigkeiten und mehr Zeit für seinen Garten sowie Theaterbesuche.

Interesse bleibt

Im Alter von 74 Jahren hat Rainer Eisfeld erst kürzlich wieder ein Buch veröffentlicht. Der emeritierte Professor für Politikwissenschaft arbeitet auch heute noch in seinem Büro an der Osnabrücker Universität. Im Sommer 2006, zur gleichen Zeit, als seine Abschiedsfeier bevorstand, erhielt er die Einladung der Internationalen Politologenvereinigung, sich um eine frei gewordene Position im Vorstand zu bewerben. Das Amt übernahm er zunächst für drei Jahre, 2009 wurde er wiedergewählt. „Natürlich bleibt man wissenschaftlich interessiert. Und in der Regel hat man Netzwerke aufgebaut, die sich weiter pflegen und, wie in meinem Fall, ergänzen lassen“, erklärt er seine Motivation.

So veröffentlichte er auch nach 2006 mehrere Bücher und zahlreiche Aufsätze, hielt Vorträge in vielen Ländern, „von Moskau bis Mexiko“, wie er sagt. Als 2013 eine Debatte um die Rolle Theodor Eschenburgs, eines Gründervaters der westdeutschen Politikwissenschaft, während des Dritten Reichs begann, konnte Eisfeld an frühere Arbeiten anknüpfen. „Forschungsarbeit hält geistig beweglich. Vor allem im internationalen Bereich. Ich treffe Kollegen sehr unterschiedlicher Art“, sagt Eisfeld.

Seit er emeritiert ist, kann sich Eisfeld ganz auf die Forschung konzentrieren. Obwohl er die Lehre nie als Last empfunden habe, sei das Korrigieren einer großen Zahl von Prüfungen immer aufwendig. „Die angenehmen Seiten sind übrig geblieben, ich habe mehr Zeit zum Schreiben“, sagt er. Außerdem engagiert er sich im Kuratorium der KZ-Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora.

„Der Beruf war für mich nie ein abgeschotteter Bereich“, sagt Eisfeld. Die Arbeit habe er mit privaten Interessen wie dem Reisen verbinden können. Seine Frau begleitet ihn dabei. Denn eine Bedingung, darin sind sich die drei Männer einig, ist für die Berufstätigkeit über das Rentenalter hinaus unerlässlich: Der Rückhalt des Partners.