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Wenn die Wüste zum See wird Das Osnabrücker Hochwasser in Theorie und Praxis

Von Rainer Lahmann-Lammert | 27.08.2015, 15:30 Uhr

Überschwemmungen ausgerechnet in der Wüste? Als die Mitarbeiter der Unteren Wasserbehörde in Osnabrück vor anderthalb Jahren neue Hochwassergefahrenkarten aus Hannover bekamen, machten sie große Augen. Demnach sollte sich der halbe Stadtteil bei länger anhaltendem Regen in eine Seenplatte verwandeln. Aber das war ja nicht einmal beim Jahrhundertereignis im August 2010 passiert. Die Gutachter besserten nach und arbeiteten die Erfahrungen in die neue Hochwasserkarte ein.

Hochwasserschutz gilt zunächst einmal als private Angelegenheit. Wer in der Nähe von Hase, Nette oder Düte wohnt, ist selbst dafür verantwortlich, dass sein Hab und Gut verschont wird, wenn der Fluss einmal über seine Ufer tritt. Als Warnung für die Betroffenen gibt der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) Gefahrenkarten heraus, die anzeigen sollen, wo etwas passieren kann.

 Einen anderen Status hat das gesetzliche Überschwemmungsgebiet, das die Rechte von Eigentümern und Kommunen einschränkt. Das Wasserhaushaltsgesetz schreibt vor, dass diese festgelegten Zonen generell nicht als Baugebiete ausgewiesen werden dürfen. Untersagt ist zudem, Mauern oder Wälle quer zur Fließrichtung des Gewässers zu errichtet werden. Selbst für das Pflanzen von Bäumen und Sträuchern gelten Einschränkungen, und die Erdoberfläche darf weder erhöht noch vertieft werden.

Mulden für die Hase

Für vorhandene Bauten gilt jedoch Bestandsschutz, und für besondere Fälle gibt es Ausnahmeregelungen. Selbst aus einem Carport oder einer Gartenhütte wird da ein Verwaltungsakt. An der Turnerstraße in Osnabrück hat die Stadt auf dem früheren Betriebshof des Grünflächenamts den Bau von Studentenwohnungen genehmigt, obwohl die Fläche jederzeit von der Hase überflutet werden kann.

Die Baugenehmigung enthalte aber zwei entscheidende Auflagen, vermerkt Detlef Gerdts, der Leiter des Fachbereichs Umwelt und Klimaschutz der Stadt Osnabrück. Zum einen müssen die Häuser hochwassersicher, also erhöht, gebaut werden. Zum anderen ist der Bauherr verpflichtet, Mulden anzulegen, die den verloren gegangenen Retentionsraum ersetzen, also das Volumen, das der Hase beim Übertreten ihres Ufers nicht mehr zur Verfügung steht.

Mit Laserscanner vermessen

Auf der neuen Hochwasserkarte gehört der Bauplatz an der Turnerstraße zu den blau eingezeichneten Flächen, ebenso wie der benachbarte Kindergarten, das Kloster zur ewigen Anbetung und der Vitihof. Blau bedeutet, dass bei einem hundertjährigen Hochwasser mit einer Überflutung zu rechnen ist, wobei dieses Ereignis nicht erst in 100 Jahren, sondern schon morgen oder nächstes Jahr eintreten kann. Der NLWKN hat digitale Landkarten verwendet, die eine maximale Abweichung von nur drei Zentimetern aufweisen sollen. Mit einem Laserscanner wurde dabei das gesamte Einzugsgebiet der Hase vom Flugzeug aus vermessen. Auf einen Quadratmeter kommen dabei zehn Messpunkte. Diese Geodaten sind die Grundlage einer Simulation, mit der die Fachleute errechneten, auf welche Fläche sich die Hase bei bestimmten Pegelständen ausdehnen würde.

Die Wüste als Seefläche

Im Auftrag des NLWKN entstanden zunächst Gefahrenkarten für 20-jährige, 100-jährige und 200-jährige Überschwemmungsereignisse. Die Beobachtungen von der großen Flut im August 2015 haben aber gezeigt, dass Theorie und Praxis in Osnabrück nicht immer übereinstimmten. Schon beim HQ 20, dem 20-jährigen Hochwasser, sollten Teile des Hafens überflutet werden. Doch das war nicht einmal beim realen HQ 100 vor fünf Jahren geschehen.

Noch gravierender erschienen die Abweichungen ein paar Kilometer haseaufwärts. In der vorläufigen Version der Gefahrenkarte erstreckt sich ein ausgedehnter See vom Kollegienwall quer durch die Neustadt bis in die Wüste. Der Uni-Sportplatz an der Jahnstraße würde demnach komplett unter Wasser stehen, und selbst auf dem Schulhof des Gymnasiums „In der Wüste“ würden die Schüler nasse Füße bekommen.

„Das kann nicht so passen“, sagte sich Fachdienstleiter Bernd Früchel und machte die Landesbehörde auf die Beobachtungen von 2010 aufmerksam. Die Gutachter aus Hannover kamen nach Osnabrück, überprüften die Pegel in Lüstringen und Eversburg und korrigierten ihre Ergebnisse, die nun auch in die neuen Karten eingeflossen sind. Somit hat die Überschwemmung von 2010 die amtliche Hochwasserkarte präziser werden lassen.