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Katholikin und Atheist diskutieren Was junge Osnabrücker an der Kirche schätzen – und was nicht

Von Sebastian Fobbe | 24.12.2021, 13:00 Uhr

Er ist Atheist, sie ist Christin – ihr Blick auf die Kirche könnte kaum anders sein. Was zieht junge Osnabrücker heute noch in die Kirche und was schreckt sie ab?

In diesem Text erfährst Du:

  • Warum Judith Willms die Kirche wichtig ist
  • Warum Hendrik Buschermöhle aus der Kirche ausgetreten ist
  • In welchen Ansichten die beiden sich ähnlich sind

Zum Schluss wurde es doch noch einmal hitzig. Für Judith Willms ist die Kirche ein Ort, an dem alle so sein dürfen, wie sie sind. Hendrik Buschermöhle hält dagegen: Ihm ist die Moral der Kirche viel zu konservativ, die meisten Kirchenvertreter seien geradezu intolerant. Judith bestreitet die vielen Probleme der katholischen Kirche nicht, verweist aber darauf, dass sich inzwischen einiges tue. Doch das reicht Hendrik nicht. Er bleibt dabei: Kirche und Religion sind für ihn aus der Zeit gefallen.

Es sind große philosophische Fragen, die Judith und Hendrik an diesem kalten Mittwochmittag, kurz vor Heiligabend, im Videochat diskutieren: Was bieten Glaube, Religion und Kirche jungen Menschen heutzutage noch? Ihr Blick auf die Kirche könnte unterschiedlicher kaum sein. Sie ist gläubige Katholikin, er bezeichnet sich als agnostischer Atheist. Sie geht nicht nur an Weihnachten gerne in den Gottesdienst, er betritt schon seit Jahren keine Kirche mehr. Sie ist 24, studiert in Osnabrück katholische Theologie, Anglistik und Geografie auf Lehramt und engagiert sich nebenher im Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Er ist 30 Jahre alt, hat Politik- und Sozialwissenschaft studiert und jobbt derzeit in der Osnabrücker Gastronomie.

Aber alles der Reihe nach.

Der Zweifel ist immer dabei

Auf den ersten Blick ähneln sich die Biografien von Hendrik und Judith: Taufe, Kommunion, Firmung. Er stammt aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Cloppenburg, sie wächst als Teil einer „kleinen, schützenswerten Minderheit“ im evangelisch geprägten Ostfriesland auf. Für Hendrik gab die Firmung Anlass dazu, sich erstmals kritisch mit der Kirche auseinanderzusetzen: „Damals habe ich mich mit den Kreuzzügen, der Inquisition und Hexenverbrennung beschäftigt“, sagt er. Mit 18 tritt er aus der Kirche aus. Damit endet aber sein Interesse an der Kirchenkritik nicht, er schaut weiterhin Dokus auf YouTube und liest Bücher über Glaubensfragen.

Anders Judith. Sie wächst in einer gläubigen Familie auf und ist im kirchlichen Umfeld großgeworden. „Was für andere der Sportverein ist, waren für mich immer die Kirche und die Jugendgruppen“, sagt sie. Aber auch sie zweifelt immer wieder: „Es gab Phasen, in denen ich nicht geglaubt habe.“ Dennoch besucht Judith heute gerne den Gottesdienst, weil sie das Gefühl von Gemeinschaft schätzt. Der Glaube sei die Klammer, die in der Kirche alles zusammenhält.

Überraschende Gemeinsamkeiten

Hendrik versteht diesen Punkt einerseits – aber andererseits auch nicht. „Das soziale Miteinander ließe sich ja auch ohne Glauben umsetzen“, entgegnet er. Die Kirche sorge seiner Meinung nach darüber hinaus für mehr Probleme als Lösungen. Beispiel Polen: „Da sieht man, wie viel Macht die Kirche hat und wozu das führt“, sagt Hendrik. Er spielt damit auf Gesetze an, die die Gleichstellung von Homosexuellen und Schwangerschaftsabbrüche deutlich erschweren.

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Kirche ade!

2020 sind jeweils rund 220.000 Protestanten und Katholiken aus der Kirche ausgetreten. Allein im Bistum Osnabrück haben etwa 4000 Katholiken der Kirche den Rücken gekehrt.Auch bleiben die Kirchen sonntags meist leer: Laut Evangelischer Kirche in Deutschland besuchten 2019 im Schnitt 638.000 Protestanten regelmäßig den Gottesdienst. Bei 20 Millionen Mitgliedern sind das 3,2 Prozent treue Gottesdienstbesucher. Die katholische Kirche steht laut Angaben der Bischofskonferenz etwas besser dar: 2019 haben demnach im Schnitt 9,1 Prozent der 22,6 Millionen Katholiken sonntags einen Gottesdienst besucht.

An dieser Stelle der Diskussion muss Judith seufzen. Denn auch sie frustrieren die oft konservativen Einstellungen ihrer Kirche. „Dass die Bibel Homosexualität ablehnt, stimmt so nicht“, sagt sie. Gleichgeschlechtliche Liebe, wie sie heute existiert, kenne das Wort Gottes gar nicht. „Als Rom Anfang des Jahres die Segnung homosexueller Paare verboten hat, war das für den BDKJ ein Schlag ins Gesicht.“ Und auch mit der Rolle der Frau in der katholischen Kirche ist sie nicht einverstanden: „Die Kirche ist immer mit der Gesellschaft gewachsen. Hätten in der Antike die Frauen die Macht gehabt, gäbe es heute nur weibliche Priesterinnen .“

Keine Gewissheiten

Und dann ist da noch eine ganz grundsätzliche Frage, auf die Hendrik und Judith unterschiedliche Antworten finden: Warum lässt Gott Leid zu, wenn er doch allgegenwärtig, allwissend und allmächtig ist? „Darauf finde ich noch keine fertige Antwort“, gibt Judith zu bedenken. Sie glaubt, dass Gott nicht mehr allzu aktiv ins Weltgeschehen eingreife. Grausamkeiten wie Krieg oder Terror bereiteten sich die Menschen oft selbst. Für Judith bewirkt Gott aber auch viel Gutes im Menschen: „Wenn zum Beispiel jemand gestorben ist, sind viele Menschen für die Angehörigen da.“ Das, sagt Judith, deuten viele Christen als Präsenz Gottes in der Welt.

Hendrik ist da allerdings skeptisch. Die Theodizee – also die Frage, warum Gott Leid zulässt – ist für ihn eher ein Beweis dafür, dass es ihn nicht gibt. Trotzdem: Ganz festlegen will er sich doch nicht: „Ich kann Gott weder beweisen noch widerlegen“, sagt Hendrik. Für ihn spielen Glaube und Religion allerdings keine Rolle im Leben. „Man kann auch ohne den Bezug zu Gott Gutes tun und füreinander da sein.“ Das sieht Judith nicht anders: „Es gibt säkulare Institutionen, die Großartiges leisten.“

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Leere Kirchen, Austritte in Rekordhöhe - wächst eine gottlose Jugend in Deutschland heran? Laut aktueller Shell-Jugendstudie aus dem Jahr 2019 verliert der Glaube seit 20 Jahren an Bedeutung: Nur 18 Prozent der jungen Katholiken und 13 Prozent der protestantischen Jugend zwischen 12 und 25 Jahren beten mindestens einmal pro Woche. 39 Prozent der katholischen und 24 Prozent der evangelischen Jugend finden Glauben wichtig. Dennoch: Die überwiegende Mehrheit findet die Kirche wichtig. 75 Prozent der katholischen, 79 Prozent der evangelischen und sogar 45 Prozent der konfessionsfreien Jugendlichen finden es gut, dass es die Institution Kirche gibt.

Dreht sich die Debatte also im Kreis? Wohl eher nicht. Glaube ist eben Glaube, nicht Wissen. Wie jeder einzelne damit umgeht, bleibt jedem selbst überlassen. Für Hendrik Buschermöhle war es richtig, dass er der Kirche den Rücken gekehrt hat: „Ich sehe Glaube und Religion äußerst kritisch. Ich gehe deshalb nicht zum Gottesdienst oder aus sonst einem religiösen Anlass in die Kirche“, sagt er. Dieses Jahr wird auch Judith Willms zu Hause bleiben – schweren Herzens: „Ich bedaure sehr, dass ich wegen der Pandemie nicht in den Gottesdienst gehen kann“, sagt sie. „Normalerweise ist der Gottesdienst an Heiligabend mein liebster.“ Aber auch sonst geht sie sonntags gern in die Kirche: „Ich mag das gemeinsame Singen, die Gemeinschaft und auch die Ruhe, die ich dort finden kann.“

Dieser Text gehört zu unserem neuen Ressort #neo, das sich speziell an junge Leserinnen und Leser richtet. M ehr Infos und alle Texte findest Du hier.