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Versuchsstrecke in Osnabrück Enttäuschend: Wunderchemikalie macht die Luft kaum sauberer

Von Wilfried Hinrichs | 01.01.2017, 13:30 Uhr

Die besondere Beschichtung der Autobahn-Lärmschutzwand in Osnabrück sollte die Luft sauberer machen. Nach fünf Jahren Testlauf steht fest: Es hat fast nichts gebracht.

Ein Teil der Lärmschutzwand der A1 zwischen den Osnabrücker Anschlussstellen Nord und Hafen ist vor fünf Jahren versuchsweise mit Titandioxid beschichtet worden. Diese angebliche Wunderchemikalie hat die Eigenschaft, unter Sonnenlicht mit Stickstoffdioxid zu reagieren und es unschädlich zu machen. Stickstoffdioxid wird vor allem von Dieselfahrzeugen ausgestoßen und ist giftig.

Wie aus einer Antwort der Stadtverwaltung auf eine Anfrage der CDU/BOB-Fraktion hervorgeht, hat der mehrjährige Test mit dieser sogenannten photokatalytischen Oberfläche ein ernüchterndes Ergebnis gebracht. Die Luftschadstoffbelastung ist den Angaben zufolge durchschnittlich um nur drei bis fünf Prozent gesunken. Ein weiterer Testlauf auf einer Straße in Hamburg hat nach Angaben der Stadtverwaltung gar keinen messbaren Effekt erzielt. Noch nicht endgültig ausgewertet ist der dritte Bestandteil der photokatalytischen Pilotstudie in einem Berliner Straßentunnel.

Das Osnabrücker Umweltamt hat aber schon seine Schlussfolgerung aus dem Praxistest gezogen: Weil die Wirkung der Stoffe in der Praxis deutlich geringer ausfällt als in der Theorie bisher angenommen, gleichzeitig jedoch erhebliche Mehrkosten anfallen, soll die Titandioxid-Beschichtung in Osnabrück vorerst nicht zum Einsatz kommen. Die CDU-Fraktion hatte schon 2011 vorgeschlagen, die Verwendung von Pflastersteinen mit Titandioxid zu prüfen.

Kosten von einer Million Euro

Die bundesweite Pilotstudie der Bundesanstalt für Straßenwesen in Bergisch Gladbach hat insgesamt etwa eine Million Euro gekostet, die der Bund bezahlt hat. Es ist das erste Mal, dass die Wirkung des Titandioxids in so großem Umfang gemessen worden ist. Der Osnabrücker Abschnitt der A1 wurde für den Praxistest ausgewählt, weil hier das Verkehrsaufkommen mit durchschnittlich 54000 Fahrzeugen am Tag groß und der Lkw-Anteil mit 23 Prozent sehr hoch ist. Zum Vergleich: Auf dem Schlosswall verkehren täglich 32000 Fahrzeuge, der Lkw-Anteil liegt dort bei vier Prozent. Für die A1 sprach auch, dass auf beiden Seiten Lärmschutzwände vorhanden sind, die auf mindestens zwei Kilometer nicht durch Abfahrten unterbrochen sind.

Dicke Luft auf der A1

Auf einem Kilometer Länge wurde das Titandioxid aufgebracht, auf dem zweiten Kilometer nicht, um einen Vergleich ziehen zu können. In zwei Messcontainern am Rande der Fahrbahn wurde der Gehalt an Stickstoffmonoxid, Stickstoffdioxid, Schwefeldioxid und Ozon erfasst. Die Daten wanderten direkt zur Bundesanstalt in Bergisch-Gladbach. Darüber hinaus stellten die Experten Passivsammler im Umfeld der Autobahn auf, um die Schadstoffkonzentrationen innerhalb und außerhalb der Lärmschutzwände vergleichen zu können.

Eines ist nach dieser Studie sicher: Auf der A1 in Osnabrück herrscht dicke Luft. Die durchschnittliche Stickstoffdioxid-Belastung lag auf dem untersuchten Abschnitt nördlich der Stadt bei 105 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. In bewohnten Bereichen gilt ein Grenzwert von 40 Mikrogramm. Die Belastung auf dem Schlosswall erreicht im Schnitt 49 Mikrogramm.

Die Tests in Osnabrück und Hamburg sind nach Angaben der Stadtverwaltung abgeschlossen und die Daten ausgewertet. Einen endgültigen Bericht will die Bundesanstalt nach Ende des Teilprojektes in Berlin vorlegen. Ende 2017 sei damit zu rechnen.