Ein Artikel der Redaktion

Verschmutzungen im Hasepark Diskussion über Straßenstrich in Osnabrück geht weiter

Von Hendrik Steinkuhl | 28.08.2016, 16:01 Uhr

Nachdem unsere Redaktion darüber berichtet hatte, dass sich Hasepark-Anlieger über die Verschmutzung ihrer Grundstücke durch Prostituierte beklagen, wurde im Internet intensiv über das Thema diskutiert. Wir sind den dabei aufgeworfenen Fragen nachgegangen und haben mit weiteren Anwohnern, der Polizei sowie einer Psychologin über den Straßenstrich gesprochen.

Könnte man am Straßenstrich im Hasepark nicht einfach ein Dixie-Klo aufstellen? Mehrere Leser machten diesen Vorschlag zur Lösung eines ekelhaften Problems: Laut einiger Anlieger der Franz-Lenz-Straße verrichten die Prostituierten regelmäßig ihr Geschäft vor deren Geschäft.

„Die Idee, ein Dixie-Klo zu benutzen, haben wir schon mit der Stadt diskutiert“, sagt dazu Markus Bröcker von Metallbau Bröcker. Die Verwaltung habe dazu aber eine klare Meinung: „Diese Dinger müssen gepflegt werden. Und wenn man so was nicht täglich reinigt, wird es nicht mehr benutzt.“ Jürgen Wiethäuper, zuständiger Fachdienstleiter bei der Stadt, bestätigte diese Haltung im Gespräch mit unserer Redaktion.

Die Alternative zum Dixie-Klo wäre eine fest installierte Toilette, die natürlich noch deutlich teurer wäre als das blaue Plastik-Klo. Der finanzielle Aufwand ist laut Jürgen Wiethäuper aber nicht entscheidend: „Wir wollen es den Damen nicht zu nett machen.“

Fest installierte Toilette wäre das falsche Signal

Zwar betrachtet die Stadt den Hasepark als bestmöglichen Ort für die Straßenprostitution in Osnabrück – doch am liebsten hätte man überhaupt keinen Straßenstrich. Deshalb wäre es laut Jürgen Wiethäuper ein falsches Signal, den Prostituierten an ihrem Arbeitsplatz ein Toilettenhaus zu bauen.

Während Anlieger wie Markus Bröcker oder Philipp Glanemann vom benachbarten Autohaus Hasepark für die Haltung Wiethäupers in diesem Punkt durchaus Verständnis haben, sind sie über andere Äußerungen des Verwaltungsmannes stinksauer. Im Gespräch mit unserer Redaktion hatte der Chef des Ordnungsamtes gesagt, die Mitarbeiter des OS-Teams hätten bei ihren Routine-Kontrollen auf den Grundstücken der Anlieger praktisch nie Fäkalien oder größere Mengen Müll gefunden.

„Darüber kann ich nur noch leise lächeln“

„Was Herr Wiethäuper da behauptet, empfinde ich als eine Frechheit“, sagt Philipp Glanemann, er fühle sich als Lügner hingestellt. Ähnlich sieht es Anna Maria Schnieder, Hausmeisterin bei Metallbau Bröcker und einzige Anwohnerin der Franz-Lenz-Straße. „Darüber kann ich nur noch leise lächeln.“ Auf Wiethäupers weitere Aussage, er könne sich nur schwer vorstellen, dass sich die Prostituierten auf den Anlieger-Grundstücken erleichtern, schließlich würden die Damen doch in der Nähe wohnen, reagiert Anna Maria Schnieder mit einer rhetorischen Frage: „Geht er denn nach Hause zur Toilette, wenn er Dienst hat?“

Behörden schieben sich den schwarzen Peter zu

Wie sich in den Reaktionen auf unseren ersten Artikel zeigte, ist Anna Maria Schnieder nicht die einzige Anwohnerin, die sich durch den Straßenstrich belästigt fühlt. Nadja und Björn Kindscher wohnen in der Rotenburger Straße, also auf der anderen Seite des Haseparks. Freier und Prostituierte nutzen ihren Angaben zufolge regelmäßig ihren Hinterhof, um dort im Auto Sex zu haben. „Es kann sein, dass vier bis fünf Autos am Abend kommen“, sagt Björn Kindscher.

Am nächsten Morgen fänden sich dann im Hof benutzte Kondome, anderer Müll und teilweise Exkremente. Auch bei unserem Besuch liegen am Gartenzaun des großen Hinterhofs, auf dem Garagen für zahlreiche Anwohner stehen, mehrere Präservative. Immer wieder, sagt Björn Kindscher, habe er das Problem bei den Behörden vorgebracht. „Die Stadt haben wir angesprochen, die Polizei haben wir angesprochen. Aber der schwarze Peter wird immer hin und hergeschoben.“

Anwohner Lünnemann vertreibt Freier vom Real-Parkplatz

Auch Stephanie und Heinz-Hermann Lünnemann beklagen die Auswirkungen des Straßenstrichs an der Franz-Lenz-Straße. Das Ehepaar wohnt am Schützenhof, einen knappen Kilometer vom Hasepark entfernt. „Mein Mann macht um 23 Uhr seine letzte Runde, und dann fahren die Damen mit den Freiern auf den Real-Parkplatz, um da ihre Arbeit zu verrichten“, sagt Stephanie Lünnemann. Mit seinem altersschwachen, aber ziemlich großen Hund Basko geht Lünnemann dann auf die Autos zu, um Freier und Prostituierte zu vertreiben – auch wenn er auf dem Grundstück natürlich keinerlei Hausrecht hat.

Kinderseele nimmt durch benutzte Kondome keinen Schaden

Bei seiner Runde durch die Nachbarschaft, in der auch ein Bolzplatz liegt, findet Lünnemann auch die üblichen Spuren des Horizontalgewerbes, meist Taschentücher und benutzte Kondome. „Ich möchte nicht wissen, wenn so ein kleines Kind mal wieder so ein Tütchen aufhebt und sagt: Guck mal, was ist das für ein toller Luftballon...“, sagt Lünnemann – und spricht damit offenbar vielen aus der Seele. Auch Anwohner Björn Kindscher und zahlreiche Nutzer des Internet-Netzwerks Facebook befürchten, dass Kinder im Hasepark und in dessen Nähe Kondome finden könnten.

„Meiner Meinung nach ist es genauso problematisch, wenn sie sonstigen Müll finden“, sagt Dr. Marianne Schneider, Lehrbeauftragte für pädagogische Psychologie an der Universität Osnabrück. Die Psychologin versteht nicht, warum benutzte Kondome an Wegen oder in Gebüschen für Kinder ein besonderes Problem darstellen sollen. „Die Eltern müssen das eben erklären. Irgendwann werden die Kinder aufgeklärt, dann steht das Thema Kondome doch ohnehin an.“

Dass es Menschen gebe, die mit ihrer Sexualität Geld verdienen, sei ebenfalls keine Information, die man Kindern verheimlichen müsse, sagt Marianne Schneider. Auch die von vielen Facebook-Nutzern vorgebrachte Beschwerde, man könne mit den Kindern wegen der Prostituierten nicht mehr durch den Hasepark gehen und Teile der B68 nicht mehr befahren, hält die Psychologin für Unsinn. „Was sie da sehen, sind irgendwelche leicht bekleideten Damen – etwas, das sie auch jederzeit im Sommer in der Stadt sehen könnten.“

Sperrbezirk im Hasepark rechtlich nicht durchsetzbar

Stellt sich die Frage, ob hinter den Klagen besorgter Osnabrücker Bürger über die vermeintlichen Schäden an Kinderseelen nicht in den meisten Fällen vor allem die Ansicht steht, Prostitution müsse komplett verboten werden. Doch die Gesetzeslage erlaubt diese Tätigkeit in Deutschland ausdrücklich, untersagt werden kann sie in der Regel höchstens in Wohngebieten. „Die Einrichtung eines Sperrbezirks im Hasepark ist momentan aus unserer Sicht nicht möglich“, sagt deshalb Marco Ellermann von der Polizeidirektion Osnabrück.

Als die Streetworker vor Ort waren, lief es besser

Was also könnte man tun, um dem Problem Herr zu werden? Die Anlieger der Franz-Lenz-Straße berichten, als noch wöchentlich Streetworker die Prostituierten im Hasepark aufsuchten und auch auf die Verschmutzung ansprachen, sei die Situation besser gewesen. Doch weil die Prostituierten mittlerweile von sich aus zum Spritzentausch und zur Kondomabgabe in das „Café Connection“ der Diakonie kommen, hat diese das Projekt „Nachtschicht“ Ende 2015 eingestellt.