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Urlaub in der Sperrzone Katastrophentouristen suchen den Kick

12.06.2014, 12:41 Uhr

Von Nachwuchsredakteurin Mariam Ajineh. Die Atomkatastrophe am 26. April 1986 hat die ganze Welt erschüttert, und ihre Folgen sollen immer an die Gefahr von Atomkraftwerken erinnern. 28 Jahre nach dem Unfall in der Ukraine fahren heute Busse durch das Sperrgebiet, die Touren durch das Gebiet anbieten.

Ein Fremdenführer, dessen Uniform an die eines Soldaten erinnert, leitet eine Gruppe bei ihrer Tour durch die Geisterstadt Pripjat an den Reaktoren vorbei. Lange Aufenthalte sind dort zum Schutz der Menschen nicht möglich. Die tragische Geschichte Tschernobyls lockt Touristen aus aller Welt an; unter den Schaulustigen befinden sich zur Hälfte Gäste aus Europa und Amerika, auf der anderen Seite besuchen zahlreiche Ukrainer die abgeschalteten Reaktoren. Der Preis einer solchen Reise beträgt zwischen 500 und 3000 Grinwa pro Kopf, das sind umgerechnet 30 bis 180 Euro, dabei zahlen Einheimische weniger als westliche Touristen. Aber was ist der Anreiz dieser Menschen, solch einen eher traurigen Schauplatz im Urlaub zu besuchen? „Ich mag schwierige Plätze, weil man dort mehr Menschlichkeit erlebt“, erklärt Alexandre Hryszkiewicz der Nachrichtenagentur dpa. Man sehe echte Menschen und eine andere Gesellschaft.

Aufenthalt unbedenklich

Nach der Freigabe für das Katastrophengebiet des ukrainischen Zivilschutzministeriums hatte die Generalstaatsanwaltschaft im Jahr 2011 Protest eingelegt, da das atomar verseuchte Strahlengebiet die Gesundheit der Touristen gefährden könnte. Das Gebiet wurde für mehrere Monate geschlossen und gemeinsam mit dem Gesundheitsdienst, Gesundheitsministerium und anderen Sicherheitsbehörden eine neue Verordnung für Tschernobyl ausgearbeitet. Nach dieser sind nun nur noch fünf Tage Aufenthalt erlaubt, Reisende müssen einen ausführlichen Antrag bei der zuständigen Staatsagentur für die Einreise stellen, und man solle aus Vorsorgegründen Pilze, Beeren, Süßwasserfische und Wild meiden. Diese verschärften Regeln sollen Besucher vor Schäden durch radioaktive Strahlung bewahren.

Laut dem Bundesamt für Strahlenschutz ist ein Aufenthalt unbedenklich. Einige Unternehmen aber baten bereits illegale Reisen nach Tschernobyl an, 2011 wurde es dann offiziell für alle Touristen freigegeben. Der Katastrophentourismus ist eine große Einnahmequelle für die Ukraine und boomte vor allem im Jahr 2012, als die Fußballeuropameisterschaft in dem Land veranstaltet wurde. Trotz des wirtschaftlichen Erfolgs der Ukraine darf nicht der Ursprung dieses Extremtourismus vergessen werden: um über das Unglück aufzuklären und vor zukünftigen Atomkatastrophen zu warnen.