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Unterlassene Hilfeleistung Strafverfahren gegen Osnabrücker Apotheker vor dem Ende

Von Sebastian Stricker | 02.01.2014, 18:31 Uhr

Das Strafverfahren gegen den Osnabrücker Apotheker, der im Herbst 2013 einer jungen Diabetespatientin in einer medizinischen Notlage seine Hilfe verweigert haben soll, wird möglicherweise eingestellt. Davon unberührt behält sich die Apothekerkammer Niedersachsen in Hannover disziplinarische Maßnahmen gegen den Beschuldigten vor.

Die Staatsanwaltschaft habe dem Apotheker angeboten, bei Zahlung einer Geldbuße von einer Anklage wegen unterlassener Hilfeleistung abzusehen, sagte Sprecher Alexander Retemeyer der Neuen Osnabrücker Zeitung. Bei den Ermittlungen sei eine geringe Schuld festgestellt worden. Die Strafprozessordnung erlaubt in solchen Fällen eine Einstellung des Verfahrens . Der Beschuldigte gilt dann nicht als vorbestraft. Angaben zur Höhe der Geldbuße konnte Retemeyer nicht machen. Ob der Apotheker das Angebot der Staatsanwaltschaft annimmt, ist ebenfalls offen. Sein Rechtsanwalt lehnte eine Stellungnahme am Donnerstag ab.

Der Apotheker soll im September eine 15-jährige Diabetikerin im Stich gelassen haben. Das chronisch kranke Mädchen hatte ihn in seinem Geschäft aufgesucht und um ein paar Bonbons gebeten, um eine akute Unterzuckerung in den Griff zu bekommen. Geld hatte es nicht dabei. Der Apotheker weigerte sich deshalb nach eigener Darstellung, eine Packung Traubenzucker aus seinem Verkaufsregal anzubrechen, und schickte das Mädchen weg. Erst in einer benachbarten Apotheke wurde der 15-Jährigen geholfen. Die Eltern des Mädchens beschwerten sich offiziell bei der Apothekerkammer über den Fall, verzichteten jedoch auf eine Strafanzeige. Nach einem Bericht der Neuen OZ nahm die Staatsanwaltschaft gleichwohl aus eigenem Antrieb die Ermittlungen auf .

Der Verdacht auf unterlassene Hilfeleistung hat sich dabei grundsätzlich bestätigt – wenngleich in einem Ausmaß, das eine Gerichtsverhandlung zunächst unnötig erscheinen lässt. Willigt der Apotheker allerdings nicht in den Vorschlag der Staatsanwaltschaft ein, werde das Vergehen juristisch weiterverfolgt, erklärte Oberstaatsanwalt Retemeyer.

„Fehleinschätzung“

Für den Rechtsanwalt des Apothekers war die Schuldfrage zuletzt nicht eindeutig geklärt. In einer Einlassung gegenüber unserer Zeitung von Anfang Oktober heißt es, das Mädchen habe keine äußeren Anzeichen einer Unterzuckerung wie Zittern und Schwitzen gezeigt, als es bei seinem Mandanten in der Apotheke war. Das hätten auch die Eltern der 15-Jährigen in ihrem Beschwerdebrief „jedenfalls halbwegs eingeräumt“. Über den Apotheker sagte der Anwalt damals: „Der Betroffene geht seiner beruflichen Tätigkeit als Apotheker seit Jahrzehnten nach und weiß, was mit einem Zuckermangel einhergeht. Er hat die vor ihm stehende fordernde junge Dame falsch eingeschätzt.“

Ob diese Fehleinschätzung auch ein Berufsvergehen darstellt, das eine Rüge durch die Kammer (Ordnungsgeld bis zu 3000 Euro) oder sogar berufsgerichtliche Maßnahmen zur Folge hat, prüft die Apothekerkammer in Hannover. Die will jedoch nach Auskunft von Saskia Bera aus der Rechtsabteilung zunächst den Ausgang des Strafverfahrens abwarten und Einsicht in die Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft nehmen. Bis die Apothekerkammer zu einer eigenen Beurteilung kommt, könnten mehrere Monate vergehen, so die Kammerjuristin. Die Bandbreite der Sanktionen bei Berufsgerichtsverfahren ist durch das Niedersächsische Kammergesetz für die Heilberufe bestimmt und reicht vom Verweis bis hin zum Entzug der Approbation, also dem Verlust der staatlichen Zulassung der Berufsausübung.