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Trauer zum Abschied bei Klöckner Ende der Schinkeler Schmiede vor 25 Jahren

Von Sarah Engel | 26.04.2014, 10:37 Uhr

Vor 25 Jahren endete in Osnabrück eine über hundert Jahre alte Schmiedetradition. Das Abschalten der Schmiedepresse im Klöckner-Werk und die Schließung der einzelnen Abteilungen trafen die Arbeiter schwer. Sie mussten sich nun eine neue Arbeit suchen oder auf die Sozialpläne verlassen.

Als Jochen Liekam 1981 seine Ausbildung zum Pressenschmied im Osnabrücker Klöckner-Werk antrat, sah die Zukunft für ihn noch rosig aus. Nach rund 26 Jahren wurden wieder Industrieschmiede im Schinkeler Stahlunternehmen ausgebildet, der Berufsweg des jungen Mannes war vorgezeichnet. „Ich sollte bei Klöckner meinen Meister machen“, blickt der Familienvater heute zurück. Doch dann kam alles anders.

Denn nur sieben Jahre später, am 28. April 1989, wurde das Ende der Osnabrücker Schmiedekunst verkündet, die große Presse abgeschaltet. „Das war eine schlimme Zeit“, erinnert sich Liekam. „Ich hatte tolle Kollegen, wir waren wie eine große Familie. Für uns kam das Ende ziemlich plötzlich.“

Vom Stahl-Boom zum Stellenabbau: Mitte des 19. Jahrhunderts wurde aufgrund des florierenden Eisenbahnbaus jede Menge Stahl benötigt. So entstand 1868 das „Eisen- und Stahlwerk zu Osnabrück“, das in starker Konkurrenz zu den Unternehmen im Ruhrgebiet und Georgsmarienhütte stand. Nach den profitablen Jahren des Ersten Weltkriegs folgte die Krise. Im Jahr 1923 nahm sich Peter Klöckner sowohl des Georgsmarienhüttevereins als auch des Stahlwerks Osnabrück an. Zu Hochzeiten waren im Schinkel 5000 und in der Hütte 7000 Menschen angestellt. Die „Stahlkrise“ und der Rückgang der Produktion führten 1971 zu einer Fusion zwischen Niedersachsen und dem Ruhrgebiet. Die Schmiedewerke Krupp Klöckner (SKK) vereinigten nun beide Unternehmen unter einem Dach. „Anfang der 70er-Jahre hatten wir in Osnabrück die größte Schmiede Europas“, sagt Rolf Bockelmann, der die Zeit der Schließung als IG-Metall-Bevollmächtigter begleitete. Doch auch dieser Schritt konnte den Abfall der Produktion und den Aufstieg der günstigen Konkurrenz aus dem Osten nicht verhindern. So kam es 1988 zu einer erneuten Fusion: Krupp Klöckner verschmolz mit dem Weiterverarbeitungsbereich der Thyssen Henrichshütte zu den Vereinigten Schmiedewerken (VSG) mit Standorten in Bochum, Essen, Hattingen, Hagen, Krefeld und Osnabrück.

„Fusion bedeutet Konzentration“, erklärt Josef Rohling, der damalige Betriebsratvorsitzende. „Da passiert in jeder Branche das Gleiche. Es wird Personal abgebaut.“ Mit der ganzen Belegschaft kämpften Rohling und Bockelmann Ende der 80er-Jahre für den Erhalt der Osnabrücker Arbeitsplätze. Sie bildeten eine Menschenkette vom Werk bis zum Arbeitsamt, demonstrierten vor der Konzernzentrale im Ruhrgebiet. „Gehst du zu Klöckner, Krupp und Thyssen, wirst du beschissen“, habe ein Arbeiter in Essen gerufen, erzählt Rohling.

Machtlosigkeit, Trauer und Wut begleiteten die Menschen zu ihrem Arbeitsplatz. Rohling versuchte mit Gesprächen in Hannover, Bonn und Straßburg, den Geschehnissen entgegenzuwirken, doch der Erfolg blieb aus. Nach und nach machte eine Abteilung nach der anderen dicht. Mit der Abschaltung der Presse wurden 1989 auf dem Osnabrücker Gelände zwei Drittel des Werks geschlossen. Stahl sollte nicht mehr gekocht und hergestellt, sondern nur weiterverarbeitet werden.

Sandra Ortmann war zu diesem Zeitpunkt in ihrem zweiten Lehrjahr. Ihr Vater arbeitete am Hochofen in Georgsmarienhütte, auch sie hatte den Wunsch, einen handwerklichen Beruf zu erlernen. Die Zerspanungstechnikerin gehörte zu den fünf gewerkschaftlichen Jugendvertretern. Mit dem Ende der Schmiedebetriebe wurde auch sie darauf vorbereitet, dass sie nach der Lehre nicht übernommen werden würde. „Wir jungen Menschen haben uns damals wenig Sorgen gemacht. Wir waren ungebunden und hätten zum Arbeiten oder Studieren überall hingehen können“, sagt sie. Schwieriger sei es für die älteren Stahlwerker gewesen, die jahrzehntelang in dem Werk gearbeitet, eine Familie zu versorgen, gar ein Haus abzuzahlen hätten.

Hier griffen die Sozialpläne ein. Die Beteiligten bemühten sich, günstige Bedingungen für alle Arbeiter herauszuhandeln, die das Werk verließen. Ihnen schloss sich auch Josef Rohling an. „Ich bin mit 55 Jahren gegangen“, erzählt er. „Es wäre unfair gewesen, wenn ich geblieben wäre.“ Seitdem hat er das Werk nie wieder betreten. Auch Jochen Liekam musste sich arbeitslos melden, bereits sechs Wochen vor seinem letzten Arbeitstag kontaktierte er das Arbeitsamt. Ein Umstand, der ihm schnell zu einem neuen Job verhalf, er begann bei Karmann, arbeitet heute für VW.

Für Sandra Ortmann wendete sich kurzzeitig das Schicksal. Aufgrund eines kleinen Aufschwungs wurde sie doch übernommen. Noch eineinhalb Jahre arbeitete sie im Stahlwerk, bis auch für sie der Sozialplan griff. Kurios sei für sie der Abschied gewesen. Das Verwaltungsgebäude von Klöckner, in dem sie als junge Auszubildende begrüßt worden war, war inzwischen der Sitz des Osnabrücker Arbeitsamts. Das Kapitel Klöckner endete für sie an dem gleichen Ort, wo es Jahre zuvor begonnen hatte.