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Theater Osnabrück Das Festival als Reaktionstest: Interview mit „Spieltriebe“-Leitern

Von Christine Adam | 12.08.2017, 09:54 Uhr

Das Festival „Spieltriebe“ am Osnabrücker Theater setzt sich mit dem Thema „Macht*Spiel*Geschlecht“ auseinander. Mit einer Serie beleuchten wir Produktionen und verschiedene Aspekte. Dieses Mal sprechen wir mit der Festivalleitung, mit Jens Peters und Elisabeth Zimmermann.

 Was war der Auslöser, sich mit dem Festivalthema auseinanderzusetzen? 

 Peters: Das ist eigentlich eine schöne Geschichte. Wir befanden uns in der Findungsphase für das Festival, hatten schon über bestimmte Themen diskutiert und gerieten an einen Text, der sich mit Feminismus auseinandersetzte. Über ihn haben wir sehr gestritten unter den Kollegen: Ist der gut, schlecht, was will der eigentlich. Als wir uns das nächste Mal trafen, meinte Ralf Waldschmidt: „Gender war doch eigentlich das Thema. Da kam doch sofort eine Diskussion im Gang“. Als das ausgesprochen war, wurde sofort allen klar: Das machen wir.

 Zimmermann: Das Thema wird dabei nicht auf irgendeine Innerlichkeit reduziert, sondern es ist ein wirklich brisantes Thema, etwa wenn man in Staaten schaut, in denen homosexuelle Partnerschaften mit dem Tod bestraft werden.

 Sieht sich vor diesem Hintergrund eine deutsche Institution wie das Theater in der Pflicht, das Projekt Aufklärung möglichst schnell voran zu treiben?  

 Zimmermann: Ich frage mich, ob es sich momentan um Kämpfe einer Gleichberechtigung handelt, die es sowieso noch nie gab, oder um Vorboten einer neuen Zeit, einen Backlash von tradierten Mustern, die man eigentlich schon als überlebt wahrgenommen hat.

 Peters: Vermutlich ist es beides. Es gibt Dinge, die erreicht worden sind und nun wieder zurückgenommen werden und Dinge, die immer noch im Argen liegen.

 Lange war Homosexualität das große Thema und ist seit Jahren einigermaßen in trockenen Tüchern. Müssen wir nun auch das noch schwierigere Thema Transexualität voranbringen? 

 Peters: Es ist ein Punkt erreicht, an dem bei vielen Leuten das Gefühl vorherrscht: Wir haben doch schon alles mögliche geschafft, Frauen sind gleichberechtigter, Schwule sind akzeptiert, kann nicht irgendwann mal Schluss sein? Leider ist es nicht so, dass die Welt frei ist, wenn das eine Thema abgeschlossen ist. Dann wird meistens das nächste Thema fällig.

 Das Festival will zeigen, dass uns das alle angeht? 

 Peters: Das Festival soll ja auch ein Diskurs sein. Das Ziel ist nicht, mit erhobenem Zeigefinger die große Genderaufklärung zu betreiben nach dem Motto „so macht man‘s richtig“. Denn die Antworten haben wir und die mitwirkenden Künstler dann doch nicht parat. Es gibt Haltungen, Meinungen dazu und es gibt den neuesten Stand der Forschung. Ein Besucher hat im Vorfeld des Festivals seine Zukunftsvision sinngemäß so formuliert: Es wäre schön, den Punkt zu erreichen, an dem das Geschlecht nur eine Identifikation von vielen wäre nach dem Motto, ich bin ein interessierter Leser, spiele im Fußballverein und verstehe mich als Frau.

 Gibt es nicht auch noch die körperliche Festlegung? In einem Interview hat ein Mann, der früher Frau war, erzählt, dass er vor der Geschlechtsumwandlung und Hormontherapie sensibler gewesen sei. Jetzt als Mann sei vieles einfacher, klarer, aber er habe auch manches an Zwischentönen seines Gefühlslebens verloren. 

 Peters: Es gibt ja auch das Buch „ Testo-Junkie “, darüber, wie jemand sich im Selbsttest Testosteronpflaster besorgt und beschreibt, wie sich durch diese Hormonzugaben tatsächlich auch Denkmuster und Verhaltensweisen verändern. Allerdings besteht auch hier die Gefahr, dass das wieder als Rückzugsort für Grabenkämpfe angesehen werden kann mit dem Tenor: Das Geschlecht ist biologisch festgelegt durch Hormone.

 Doch lebt uns nicht unsere Öffentlichkeit, die Werbung etwa, nach wie vor krasses männliches und krasses weibliches Verhalten vor und legt uns damit nahe, solche Rollenbilder einzulösen? 

 Peters: Das entspricht aber nicht der Realität. Wenn man die Bevölkerung fragt, dann empfinden sich die meisten irgendwo in der Mitte zwischen den Extrempolen männlich und weiblich.

 Wenn man sich für Akzeptanz einsetzt in Sachen Transsexualität, hat man sich damit nicht zugleich auch für Akzeptanz Geflüchteter entschieden? 

 Peters: Prinzipiell schon, doch spannend wird es doch erst, wenn die eine Akzeptanz mit der anderen in Konflikt gerät. Wie geht man damit um, wenn andere Kulturen in Sachen Feminismus oder Transgender auf einem ganz anderen Stand sind? Auch das müsste wieder verhandelt werden.

 Zimmermann: Ich denke, dazu braucht es gar nicht die wie auch immer konstruierte Kontrastfolie: Auch in unserer deutschen Gesellschaft ist das Thema gar nicht so akzeptiert. Da stößt man so schnell auf sehr dezidierte Meinungen, die ein großes Nein aussprechen, wenn es um solche Öffnungsprozesse geht.

 Peters: Darin sehe ich einen Grund, warum das Thema Gleichberechtigung, sobald man über Geflüchtete spricht, so schnell hochgeht. Weil viele sich in der eigenen Gesellschaft gar nicht so sicher sind, was denn nun eigentlich ihr Konsens ist. Deshalb verlagert man das so gerne ins Fremde und macht das dort zum Kampfgebiet, um Fragen auszuhandeln, die man bei sich selbst noch nicht geklärt hat.

 Welchen Part kann ein Festival wie „Spieltriebe“ dabei spielen?  

 Zimmermann: Es geht darum, in der Gesellschaft geschützte Räume zu finden, in denen Ängste nicht nur theoretisch durchgespielt, sondern aktiv ausgehandelt werden können. Um wie bei einer Feuerschutzübung zu testen: Wie reagiere ich?

 Peters: Das ist ein interessantes Gedankenexperiment, weil es genau auch die Menschen einbeziehen kann, die am wenigsten mit den beteiligten Personen zu tun und deshalb meist die größten Vorurteile haben. Solche Räume fürs Probehandeln zu öffnen, darin besteht eben auch das besondere Potenzial des Theaters.