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Täter und Opfer in Unterwäsche Urteil nach Körperverletzung am Osnabrücker Ledenhof

Von Ulrich Eckseler, Ulrich Eckseler | 06.02.2017, 18:11 Uhr

Wegen vorsätzlicher Körperverletzung hat das Amtsgericht Osnabrück am Dienstag einen 27-jährigen Mann zu einer Geldstrafe von 360 Euro verurteilt. In der Innenstadt hatte er am Ledenhof einen 75-jährigen Rentner attackiert.

Der 27-Jährige und der Rentner trafen in der Nacht zum 31. August 2016 am Osnabrücker Hauptbahnhof aufeinander. Nach einem Gespräch stiegen beide in einen Bus Richtung Neumarkt. Der junge Mann begann sein Gegenüber sexuell zu bedrängen, indem unter anderem versuchte, ihn zu küssen, was aber misslang. Am Neumarkt wollte der Rentner in eine Anschlusslinie steigen, fasste aber den Entschluss, zum Nikolaizentrum zu gehen und dort den Bus zu nehmen. Der Grund: Er habe verhindern wollen, dass der 27-Jährige ihm folgt. Dabei habe der 75-Jährige aber einen Umweg über den Ledenhof genommen – aus Angst und Panik, wie er angab.

Im Bereich vor dem dortigen Pflegeheim hätten sich beide dann erneut getroffen. Dabei habe der junge Mann sich vor dem Rentner entblößt, woraufhin dieser ihn von sich stieß. Es sei dann zu einer Schlägerei gekommen, in der es der 27-jährige Angreifer auf die Geldbörse des Rentners abgesehen habe. Der Angreifer versetzte dem Opfer Faustschläge und einen Kopfstoß, was dazu führte, dass der Geschädigte das Bewusstsein verlor. Was dann genau geschah, konnte nicht geklärt werden. Der 75-Jährige gab an, ohne seine Hose, in der sich das Portemonnaie befunden habe, aufgewacht zu sein. Seiner Aussage nach habe der Verurteilte ihm das Kleidungsstück ausgezogen, um an die Geldbörse zu kommen. Blutend ging der Rentner in Richtung Schloss, wo ein Taxifahrer schließlich die Polizei verständigte. Nur unweit, im Bereich der Gaststätte „Grüner Jäger“, nahmen die Beamten später den 27-Jährigen fest. Er war ausschließlich mit einer Unterhose bekleidet. Vor Gericht gab der Verurteilte an, von Bramsche mit dem Zug nach Osnabrück gefahren. „Was dann passiert ist, weiß ich nicht mehr“, so der 27-Jährige.

Drei Promille zur Tatzeit

Zum Alkoholkonsum des 27-Jährigen äußerte sich ein Sachverständiger vor Gericht. Demnach liege eine Alkoholmissbrauchsproblematik vor. Teileweise habe der Mann täglich 20 Flaschen Bier oder eine Flasche Whisky getrunken. Wie zurückgerechnet werden konnte, ergab sich für die Tatzeit ein Blutalkoholwert von rund drei Promille. Da sich der Körper des 27-Jährigen aber an die Mengen gewöhnt habe, sei der Mann zwar vermindert schuldfähig, aber nicht schuldunfähig.

Sex gegen Geld?

Als Zeuge sagte auch ein Polizeikommissar aus, der den Vorfall aufgenommen hatte. Er gab an, der 75-Jährige habe ihm gegenüber geäußert, das Portemonnaie während der Auseinandersetzung weggeworfen zu haben. Im Raum habe bei dem Einsatz zudem die Frage gestanden, ob der Rentner „Sex gegen Geld“ wollte. Die Parteien bestritten diese Möglichkeit jedoch vor Gericht.

Brutales Vorgehen

Die Staatsanwältin hatte keine Zweifel an der Aussage des 75-Jährigen. Die Absicht entgeltlicher sexueller Handlungen, sah die Juristin nicht belegt. Dass der 27-Jährige seiner Kleidung entledigt war, „hätte auch im Kampf passieren können“. Negativ wirke sich das „brutale Vorgehen“ des Mannes aus. Er habe Faustschläge und Kopfnüsse verteilt, durch die das Opfer einen Nasenbeinbruch und Hämatome erlitt. Zudem habe der Angreifer das Opfer gebissen. Da aber nicht zweifelfrei festgestellt werden könne, ob sich die Geldbörse noch in der Hose des 75-Jährigen befand, beantragte die Staatsanwältin eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten wegen versuchten Raubes.

Sachverhalt unklar

Die Verteidigung betonte, dass es „mit dem Sachverhalt nicht ganz klar“ sei. Wenn ein Raub geplant gewesen sein sollte, warum habe sich sein Mandant dann später im Bereich des „Grünen Jägers“ aufgehalten und sei nicht geflohen, stellte der Anwalt fest. Er mutmaßte, dass eventuell auch sexuelle Handlungen geplant gewesen sein könnten, jedoch „etwas schiefgelaufen ist“. Die Verteidigung plädierte für eine milde Bewährungsstrafe.

Viele Fragen offen

Bis auf die Auseinandersetzung sei der genaue Ablauf nicht festzustellen, so die Richterin. Es sei nicht auszuschließen, dass sexuelle Handlungen geplant seien, von beiden Seiten jedoch nicht erwähnt wurden, „um mögliche peinliche Umstände nicht schildern zu müssen“. Es sei ein Sachverhalt, „der viele Fragen offenlässt“, resümierte die Vorsitzende. Letztlich verhängte sie wegen vorsätzlicher Körperverletzung eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je vier Euro gegen den 27-Jährigen.

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