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Sündenfall genau untersucht Monumentendienst inspiziert Haus Willmann in Osnabrück

Von Joachim Dierks | 06.03.2016, 15:41 Uhr

Der Monumentendienst, ein gemeinnütziger Beratungsdienst für die Substanzerhaltung historischer Gebäude, hat die Fassade von Osnabrücks ältestem Fachwerkhaus, dem Haus Willmann in der Krahnstraße eingehend untersucht. Zwischenergebnis: alles in Ordnung.

Im Giebel steht die Zahl 1586. Das Haus hat mehrere Stadtbrände und einen Bombenangriff überstanden. Es gehört wegen seines reich verzierten Fachwerks zu den meistfotografierten in Osnabrück. Blickfang zu ebener Erde sind natürlich die Schaufensterauslagen der Weinhandlung Fohs . Aber sobald man nach oben schaut, fasziniert die Fassade: Im Zentrum einer Reihe von Sonnenrad-Dekoren ist der Sündenfall von Adam und Eva im Paradies dargestellt. Dieses Motiv schmückte üblicherweise die Aussteuer einer jungen Braut. Viel spricht dafür, dass das Haus vor 430 Jahren als Heim für ein neuvermähltes Paar errichtet wurde. Die Verzierungen wurden direkt in die Balken geschnitzt, was im 16. Jahrhundert ein kostspieliges Verfahren war.

Fassade ist in Ordnung

Die Handwerker vom Monumentendienst haben sich nun den Sündenfall und seine Umgebung mittels Hubsteiger genau angeschaut. Sven Rathjen und Martin Schiebe, ihres Zeichens „Techniker der Baudenkmalpflege und Altbauerhaltung“, steuern den Arbeitskorb wieder auf den Erdboden zurück, um dem Auftraggeber Ludwig Willmann und den Monumentendienst-Projektleiterinnen Bente Juhl und Kerstin Stölken einen ersten Eindruck zu vermitteln. Auch Ansgar Westermeyer von der Städtischen Denkmalpflege hört aufmerksam zu. Schiebe: „Was wir bis jetzt festgestellt haben, ist die Fassade in Ordnung. Keine Fäulnis, keine Hohlstellen und kein Wasser dort, wo es nicht hingehört.“ Auch die einfachverglasten Fenster – sie dürften seit 1889, als Familie Willmann Eigentümer wurde, nicht erneuert worden sein – machen noch einen tadellosen Eindruck. „Man hat damals alt geschlagenes Nadelholz genommen, das geht praktisch nie kaputt“, weiß Westermeyer.

Gründliche Bestandsaufnahme

Ludwig Willmann geht es darum, eine gründliche Bestandsaufnahme des Vorderhauses wie auch des rückwärtigen Steinwerks zu bekommen, um gegebenenfalls präventiv eingreifen zu können, bevor sich größere Schäden ausgebreitet haben – je älter das Haus, umso wichtiger und letztlich Kosten sparender ist die vorausschauende Inspektion.

Zweitägige Inspektion

Genau dafür ist der Monumentendienst da. Der Informations- und Wartungsdienst mit Sitz im Museumsdorf Cloppenburg ist ein Projekt der gemeinnützigen Stiftung „Kulturschatz Bauernhof“. Er wird vom Land Niedersachsen, von der EU und zahlreichen Kommunen in Nordwestdeutschland, darunter auch Stadt und Landkreis Osnabrück, unterstützt. „Dadurch sind unsere Dienste recht preisgünstig“, erklärt Bente Juhl. Die zweitägige Inspektion durch zwei Fachleute einschließlich einer schriftlichen, reich bebilderten Dokumentation dürfte kaum mehr als 1000 Euro kosten.

Handlungsempfehlungen nach Priorität

„Wir reparieren allerdings nicht, wir gucken nur und bewerten anschließend“, gibt Projektleiterin Kerstin Stölken Auskunft. Handlungsempfehlungen werden nach Priorität sortiert: „S“ in rot bedeutet Sofortmaßnahme, „M“ ist eine Mittelfrist-Maßnahme, die in ein bis fünf Jahren angegangen werden sollte, und „L“ wie Langfristmaßnahme kann noch fünf bis zehn Jahre warten. „Vorteil für den Eigentümer ist, dass wir ohne jeden wirtschaftlichen Eigennutz beraten und Gewerke übergreifend begutachten“, so Stölken.

Techniker universell ausgebildet

Die Monumentendienst-Techniker sind universell in allen wichtigen Gewerken ausgebildet, besonders sattelfest in Materialkunde und mit den Wechselwirkungen von Eingriffen vertraut. Da sie jeden Tag historische Gebäude inspizieren – mittlerweile sind 1460 Gebäude objektbezogene Mitglieder im Monumentendienst – haben sie so ziemlich alles gesehen, was vorkommen und auch, was man falsch machen kann. Nicht hier bei Willmann, sondern allgemein gesprochen lautet eine Erfahrungstatsache: „Die meisten Schäden an alten Gebäuden entstehen nicht durch den Zahn der Zeit, der an ihnen nagt, sondern durch gut gemeinte, aber schlecht gemachte Sanierungen“.