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Studie der Uni Osnabrück zu GNTM Kampf gegen die Magersucht: Osnabrückerin wog nur noch 36 Kilo

Von Cornelia Achenbach | 23.09.2015, 12:42 Uhr

Dass Tatjana Mittmann ernsthaft krank ist, hat die Osnabrückerin erst begriffen, als Ärzte in Haselünne ihr mit Zwangsernährung drohten. Zu diesem Zeitpunkt wog sie nur noch 36 Kilo. Was sie in die Magersucht getrieben hat? Ein Todesfall, ein Ex-Freund und eine Fernsehsendung. Letztere hat die Uni Osnabrück nun in einer Studie untersucht.

Als Tatjana Mittmann an einem Tag im Februar 2014 das St.-Vinzenz-Hospital in Haselünne betritt, wiegt sie gerade einmal 36 Kilo. „Ich musste sofort in einen Rollstuhl, da ich überhaupt nichts mehr verbrennen durfte“, sagt die heute 19-jährige Berufsschülerin. Die Ärzte diskutieren über eine Verlegung auf die Intensivstation, Tatjanas Body-Maß-Index liegt bei 12, was als lebensgefährlich gilt. Ihr Herzschlag ist zu diesem Zeitpunkt bereits verlangsamt, der Blutdruck im Keller. Ihr ist ständig kalt, in der Schule saß sie zuletzt mit drei Lagen Kleidung, einem Kissen und einer Decke. Dennoch hat sie sich nicht aus eigenem Entschluss in die Psychiatrie begeben. „Meine Therapeutin hat mir am Ende gedroht: Entweder du gehst freiwillig oder mit richterlichem Beschluss.“ Dann doch lieber freiwillig. Nun die Frage, ob sie bereit ist, selbst zu essen, oder ob eine Ernährungssonde nötig ist. Dann doch lieber selbst essen. Tatjana Mittmann lächelt etwas verlegen. „Ich war wohl ein richtiges Sorgenkind.“

Jetzt, anderthalb Jahre später, sitzt sie in einem Café in Osnabrück. Sie zeigt Fotos von sich, auf denen sie kaum wiederzuerkennen ist. Sie bestellt ein Mineralwasser und ein Stück Kuchen und versucht zu erklären, warum sie aufgehört hat, zu essen. Die Geschichte beginnt vor rund fünf Jahren, ein schleichender Prozess. Da waren die Trennung von ihrem Freund und der Spruch, dass sie ihm zu dick sei. „Dabei war ich normalgewichtig.“ Da waren Probleme mit ihrer psychisch erkrankten Mutter und der Tod ihrer Großmutter, die für sie eine enge Bezugsperson war. Und da waren die Medien, wie sie sagt. Germany‘s Next Topmodel (GNTM), das sie regelmäßig gesehen habe, die Kommentare von Heidi Klum und das immer stärker werdende Gefühl, nicht schön zu sein.

Das schlechte Gefühl nach GNTM

Dass GNTM allein Mädchen in die Magersucht treibe, glaubt Silja Vocks vom Institut für Psychologie an der Universität Osnabrück nicht. „Die Medien sind sicher nur einer von vielen Faktoren“, sagt die Professorin. Hinzu kommen meist ein negatives Körperbild und ein niedriges Selbstwertgefühl, oft auch kritische Lebensereignisse. Dennoch haben Castingshows einen Effekt – sogar auf gesunde Frauen, wie Vocks in einer Studie nachgewiesen hat.

Während das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) bereits in einer Studie Patienten zum Einfluss der Prosieben-Show befragt hat, haben an der Osnabrücker Studie gesunde Frauen teilgenommen. Zudem handelt es sich laut Vocks um die deutschlandweit erste experimentelle Studie zu GNTM. Der Ablauf war wie folgt: 120 Frauen zwischen 14 und 30 Jahren wurden in verschiedene Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe sah eine Folge von GNTM, eine zweite einen Tierfilm („als Kontrollbedingung“) und eine dritte eine Modenschau. „Die sind zwar auch dünn, es gibt aber keine Kommentare von Heidi Klum dazu“, sagt Silja Vocks.

Nach den Filmen sollten die Frauen einen Fragebogen ausfüllen: Wie sie sich nun fühlen, wie sie ihren Körper wahrnehmen, und so weiter. Zudem stand eine kleine Schale mit Schokoladenbonbons auf dem Tisch. Das Ergebnis: Sowohl die Frauen, die GNTM gesehen haben, als auch die Modenschau-Gruppe beurteilten ihr Körperbild nach der Vorführung negativer und hatten ein niedrigeres Selbstwertgefühl als die Tierfilm-Gucker. Zur Schokolade griffen sie ebenfalls nicht. „Wenn schon gesunde Frauen so reagieren – wie reagieren dann erst erkrankte?“, fragt sich Vocks.

Hungerwettbewerb in der Jugendpsychiatrie

Dass Tatjana Mittmann ernsthaft erkrankte, ist zunächst niemandem aufgefallen. In der Pubertät, da gibt es nun mal so Phasen, vor allem bei Liebeskummer. Tatjanas Mutter dachte zudem, dass ihre Tochter in der Schule isst, war aber schließlich auch zu sehr mit ihrer eigenen Erkrankung beschäftigt. „Mein Großvater hat schließlich gesagt, dass ich so dünn geworden sei.“ Auf seine Initiative beginnt sie eine Therapie und verbringt schließlich, als sie sich bereits auf 50 Kilo heruntergehungert hat, ein halbes Jahr in einer Jugendpsychiatrie in Münster. „Das hat mir gar nichts gebracht“, sagt die 19-Jährige. Auf der Station seien nur Essgestörte gewesen, was zu einem ständigen Vergleichen, zu einem ständigen Hungerwettbewerb geführt hätte. „Sobald eine Neue auf die Station kam, die ganz dünn war, hat uns das runtergezogen. Wir haben uns gefragt: Warum darf sie so sein, warum müssen wir zunehmen?“ Die Freunde aus der Schule wenden sich zu dieser Zeit von ihr ab. „Die waren überfordert mit der Situation und konnten mich nicht verstehen“, sagt die Berufsschülerin rückblickend.

Kranke Gedanken in gesunde umwandeln

Es folgt eine Reha in Bad Oeynhausen, ebenfalls ohne Erfolg. „Ich war wohl noch nicht bereit, wollte nur nach Hause.“ Als sie ihren 18. Geburtstag feiert, und damit als Volljährige selbst entscheiden kann, bricht sie die Reha ab. Zu Hause eskaliert die Situation jedoch weiter. Tatjana streitet sich ständig mit ihrer Mutter, isst zu diesem Zeitpunkt nur noch ein Brötchen am Tag und trinkt eine Tasse Tee. Treppen kann sie nicht mehr laufen. „Und dennoch fühlte ich mich immer noch dick.“ Ihre Mutter will sie ins Krankenhaus einweisen, auch die Therapeutin, die Tatjana immer noch besucht, droht mit Zwangseinweisung, und schließlich fügt sich Tatjana.

Mit ihrer Geschichte anderen helfen

Acht Monate verbringt sie in der Klinik in Haselünne. „Ich kannte hier am Schluss alle, der Abschied ist mir schwer gefallen“, erzählt sie und lacht. In Haselünne war sie auf keiner speziellen Station für Essgestörte, sondern hatte Kontakt zu allen möglichen Patienten. Das Ziel war klar: zunehmen. 500 Gramm pro Woche, so der Essensplan. Noch wichtiger für Tatjana war die Begleitung durch ihren Bezugspfleger. „Er hat mir beigebracht, meine kranken Gedanken in positive umzuwandeln.“ Zum Beispiel: Dein Bauch wird wieder runder. Das ist gut, denn das bedeutet, dass du Kraft hast. Leicht war die Therapie nicht. Immer wieder gab es Rückschläge, doch langsam stieg das Gewicht wieder an. Nach ein paar Wochen durfte sie wieder selbst gehen, nach ein paar Monaten einmal raus aus dem Krankenhaus und den Frisör besuchen, ihre Familie treffen. Nach acht Monaten verließ sie die Klinik und begann in Osnabrück eine Ausbildung zur pharmazeutisch-technischen Assistentin. Gesund ist sie immer noch nicht. „Ich bin nicht sehr belastbar, kann mich oft nicht konzentrieren.“ Kalorien zähle sie immer noch. Aber GNTM schaue sie sich nicht mehr an. „Das war bei uns in der Klinik auch verboten, weil es ein absoluter Trigger ist.“ Stattdessen habe sie angefangen, ihre Krankheitsgeschichte aufzuschreiben. „Das mache ich, um meine Krankheit verarbeiten“, sagt Tatjana Mittmann. Und vielleicht könne sie mit ihrer Geschichte auch einmal anderen Mädchen helfen.