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Straßenbenennung ohne Folgen Platz der Deutschen Einheit ist den Osnabrückern fremd

Von Rainer Lahmann-Lammert | 30.09.2015, 09:29 Uhr

„Wir treffen uns um sieben auf dem Platz der Deutschen Einheit!“ Wer auf diese Ortsangabe vertraut, muss in Osnabrück wohl den Abend allein verbringen. Vor fünf Jahren wurde aus dem Platz vor dem Theater der Platz der Deutschen Einheit. Aber kaum ein Osnabrücker kann mit diesem Begriff etwas anfangen. Und es gibt weitere Plätze, die dieses Schicksal teilen.

„Platz der Deutschen Einheit? Der ist in der Nähe vom Bahnhof“, sagt eine Frau Anfang 50. „Nein“, korrigiert ein Mittvierziger, der sich auskennt, „das ist da vorne, kurz vor dem Rathaus!“ Eine jüngere Passantin hat schon ihr Handy gezückt und will den Straßennamen googeln. Ist nicht nötig, denn alle drei stehen bereits auf dem Platz der Deutschen Einheit, ohne es zu wissen. Und nehmen betreten oder amüsiert zur Kenntnis, dass ein Schild allein nicht genügt, um einen Ort des Gedenkens zu schaffen.

Festakt mit Gebirgsjägern

Es musste schnell gehen im September 2010, ein rundes Datum stand bevor. 20 Jahre nach dem Beitritt der DDR zur BRD schlug die CDU-Fraktion dem Rat vor, die deutsche Einheit im Stadtbild zu verewigen. Und zwar sofort. Fünf Tage später stand Oberbürgermeister Boris Pistorius vor dem Theater auf einer Klappleiter und enthüllte unfallfrei das noch druckfrische Straßenschild mit dem großgeschriebenen Adjektiv. Ehrengast war der Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer, und dem Zeitungsbericht vom Tag darauf ist zu entnehmen, dass „Vertreter aus Politik und Kultur, Angehörige von Marien, Heer und Gebirgsjägern“ an der Veranstaltung teilnahmen.

Keine postalische Funktion

Pistorius‘ Bemerkung, nun habe die Wiedervereinigung der beiden deutschen Teile „Einzug in die sichtbare Erscheinung unserer Stadt gehalten“, fand allerdings wenig Nachhall. Kein Osnabrücker verabredet sich auf dem Platz der Deutschen Einheit. Selbst Gerhard Heit vom Fachdienst Geodaten, der in der Stadtverwaltung für die Straßennamen zuständig ist, würde sich bei der Ortsangabe eher auf das Theater als auf das nationale Schicksal beziehen. „Das ist ein Problem“, sagt er, und zwar „bei allen Plätzen, die keine postalische Funktion haben“.

Adresstechnisch sind die Gebäude, die am Platz der Deutschen Einheit stehen, dem Domhof zugeordnet. Die Städtischen Bühnen mit der Hausnummer 10/11 und das Bistum Osnabrück mit der Nummer 12. Postalisch steht das Straßenschild also im luftleeren Raum. Das ist heute fast immer der Preis, wenn ein Ereignis oder eine Person von mindestens nationaler Bedeutung mit einer Erwähnung im Stadtplan gewürdigt werden soll. Denn da verbietet es sich für die Stadtpolitiker, auf eine neue Sackgasse im Baugebiet von Sutthausen oder Lüstringen zurückzugreifen.

Alle reden vom „Theatervorplatz“

Im Stadtzentrum sind aber alle Straßen schon vergeben, und Umbenennungen bringen stets Ärger von Anwohnern, die ihre Briefköpfe nicht erneuern wollen. Da bleibt dem Rat immer nur die zahme Variante, auf Plätze ohne Adressen auszuweichen. Mit der Folge, dass die neuen Bezeichnungen keinen Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch finden. Nicht einmal städtische Ämter halten die Fahne der deutschen Einheit hoch. Das zeigt das Beispiel von Christa Spinne aus Mönchen-Gladbach, die für den Deutschen Allergie- und Asthmaverband arbeitet.

Als sie Anfang der Woche mit ihrem Allergie-Infomobil nach Osnabrück kam, hatte ihr der Fachbereich Bürger und Ordnung eine Fläche auf dem „Theatervorplatz“ zugewiesen. Den konnte sie in ihrem Navigationsgerät aber nicht finden. Ein Kollege aus der Zentrale fand schließlich heraus, dass sie auf dem Platz der Deutschen Einheit ihren Infostand ausbreiten durfte.

Um solchen Irritationen von vornherein aus dem Weg zu gehen, ließen sich die Veranstalter der großen Demonstration vor einer Woche gar nicht erst auf die offizielle Bezeichnung ein. „Theatervorplatz/Dom“ stand auf dem Flugblatt, das auf die Kundgebung zum Schutz der Flüchtlinge aufmerksam machte. Die Ortsangabe „Platz der Deutschen Einheit“ hätte wohl viele Teilnehmer hilflos durch die Stadt irren lassen.

Ein Platz, der keinem wehtut

Dieses Akzeptanz-Dilemma ist auch Fritz Brickwedde bewusst, dem Vorsitzenden der CDU-Fraktion, die den Namensvorschlag vor fünf Jahren in den Rat gebracht hatte. Straßennamen und Platzbezeichnungen seien immer eine schwierige Sache, sagt der Kommunalpolitiker, „niemand möchte eine Umbenennung“. Das laufe dann immer auf einen Platz hinaus, „der keinem wehtut“. Und was wird jetzt aus dem Platz der Deutschen Einheit? „Man müsste das etwas popularisieren“, sagt Brickwedde nachdenklich. Vielleicht gibt es ja in der nächsten Ratssitzung einen Antrag dazu.