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Schon 50 Millionen Euro verloren Stadtwerke Osnabrück sehen im Kohleausstieg eine Chance

Von Rainer Lahmann-Lammert | 26.12.2021, 14:51 Uhr

Dass die neue Bundesregierung den Kohleausstieg vorziehen will, hat Folgen für die Stadtwerke Osnabrück (SWO): Sie setzen auf die Energiewende, müssen aber erst einmal für die Millionenverluste ihres Kohlekraftwerks geradestehen.

"Ein Kraftwerk sollte Geld verdienen", sagt Stadtwerke-Vorstand Christoph Hüls, aber im Kohlekraftwerk Lünen wird das Geld verbrannt. Mit 5,28 Prozent sind die SWO an der Anlage des Energieversorgungsunternehmens Trianel beteiligt. Und proportional zu diesem Anteil haben sie bisher 50 Millionen Euro aufwenden müssen, um die Verluste des 750-MW-Meilers auszugleichen. Weitere 50 Millionen stehen als Rücklage bereit, um mit den erwarteten Defiziten der kommenden Jahre fertigzuwerden. So paradox es klingt: Eine Betriebsstörung wie im Sommer 2020 lässt die Anteilseigner frohlocken, weil Geld aus den Rücklagen in rentable Investments umgeleitet werden kann.

Braunkohle macht das Rennen

Dass der 2013 in Betrieb gegangene, also noch relativ moderne Trianel-Block am Datteln-Hamm-Kanal ein Minusgeschäft geworden ist, erklärt sich aus einem ungleichen Wettbewerb: Wenn der Wind- und Solarstrom nicht den Bedarf deckt, machen zunächst die alten Braunkohlekraftwerke das Rennen auf dem Strommarkt. Sie blasen zwar deutlich mehr CO2 in die Atmosphäre, sind aber billig zu betreiben. Erst wenn noch mehr elektrische Leistung gefragt ist, kommen die Steinkohlemeiler wie der aus Lünen ins Spiel.

"Klimapolitisch eine Fünf minus", sagt Stadtwerke-Chef Christoph Hüls zum Status quo. Das Kraftwerk in Lünen hätte eine bessere Auslastung verdient, da es auf einen vergleichsweise höheren Wirkungsgrad kommt. Der Trianel-Meiler produziert nämlich nicht nur Strom, sondern auch Fernwärme. Damit biete er sich als Technologie für den Übergang in ein regeneratives Zeitalter an, meint Hüls. Von der neuen Bundesregierung erwartet er, dass sie mit Marktmechanismen eine wirksame CO2-Reduzierung in die Wege leitet.

Höhere Preise für Klima-Verschmutzungsrechte sind geplant. Sie könnten dazu führen, dass die Stadtwerke Osnabrück und die anderen Anteilseigner für eine Übergangszeit doch noch Geld mit ihrem Kohlekraftwerk in Lünen verdienen. Dann müsste die 50-Millionen-Euro-Verlustrücklage nicht in voller Höhe aufgezehrt werden.

Ein Gaskraftwerk für den Übergang

SPD, Grüne und FDP haben jetzt etwas blumig einen Zeitpunkt für den Kohleausstieg benannt: "Idealerweise" 2030 heißt es im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung. Damit könnte manche Kalkulation der Energieversorger wie ein Kartenhaus zusammenstürzen, aber die Stadtwerke Osnabrück sehen sich für dieses Szenario gut gerüstet. "Wir haben entsprechende Vorsorge getroffen", sagt Energiechef Marcus Bergmann. Wenn die Stromabnahmeverpflichtung früher ende, könne das auch eine Chance sein. Es komme allerdings auf die Bedingungen an – etwa, ob der Ausstieg als höhere Gewalt gelte und ob Entschädigungen gezahlt würden.

Bergmann und Hüls warnen allerdings davor, auf einen Schlag mit sämtlichen fossilen Energieträgern Schluss zu machen. Vom Kohle-Aus bis zur vollständigen Umstellung auf die Erneuerbaren müsse die entstehende Lücke mit Erdgas geschlossen werden. Schon seit 2007 ist das Trianel-Gaskraftwerk in Hamm am Netz, an dem die Stadtwerke Osnabrück mit 2,5 Prozent beteiligt sind. Anfangs war es als "Kaltreserve" gedacht. Dafür bemüht Bergmann den Vergleich mit einem Auto, das aufgebockt ohne Räder bereitsteht.

Seit fünf Jahren wird die Anlage jedoch als "Warmreserve" genutzt, kann also jederzeit kurzfristig angeworfen werden und Strom liefern. Damit bringt sie ihren Anteilseignern Geld ein, das in den Anfangsjahren nicht so recht fließen wollte. In naher Zukunft ist geplant, den Wirkungsgrad der Anlage noch zu verbessern, indem etwa die Schaufeln der Gasturbine erneuert werden.

Stadtwerke-Chef will Habeck beim Wort nehmen

Investieren wollen die Stadtwerke Osnabrück aber vor allem in Solar- und Windenergie. Noch viel mehr Dächer in und um Osnabrück sollen zur Stromerzeugung genutzt werden – "dafür sehen wir uns als Dienstleister", betont Vorstand Christoph Hüls. Ihm liegt sehr daran, das Zulassungsverfahren so einfach zu gestalten, "dass nicht nur Steuerberater" verstehen, worum es geht.

Große Erwartungen richtet er aber auch an die neue Bundesregierung. Es komme jetzt darauf an, die Rahmenbedingungen für die Energiewende zu verbessern, vermerkt der Stadtwerke-Chef. Wenn Minister Robert Habeck von einer Halbierung der Genehmigungsverfahren spreche – "dann ist das ein Wort!"