Ein Artikel der Redaktion Neue Osnabrücker ZeitungLogo Neue Osnabrücker Zeitung

Stadtbibliothek: Porträtsommer Literaten im Fokus von Lev Silber

06.06.2012, 16:06 Uhr

Seine Kamera hat er immer griffbereit: Lev Silber, seit 2001 in Osnabrück lebender Russe. Im Rahmen einer Ausstellung unter dem Titel „Zwischen den Welten“ zeigt er in der Stadtbibliothek einerseits Porträts von Menschen, die er in seiner alten Heimat, der Region Nischni Nowgorod, ablichtete, andererseits aktuellere Fotos von Schriftstellern. Die Ausstellung ist Teil des „Osnabrücker Porträtsommers 2012“, der an acht Orten fotografische Porträts der unterschiedlichsten Art präsentiert.

Der eine schaut grantlerisch weg, der andere zeigt ein verschmitztes Lächeln, die eine blickt entspannt und erleichtert in die Linse, derweil die andere ernst, ja herausfordernd dreinschaut. Unterschiedlicher könnten die Gesichter auf den neueren Schwarz-Weiß-Fotos von Lev Silber nicht sein.

Dennoch haben sie etwas gemeinsam: Alle Porträtierten sind Literaten – mehr oder weniger. Reinhold Messner ist ja eher als Bergsteiger und Welterforscher bekannt geworden, dennoch kam er nach Osnabrück, um aus einem seiner Bücher zu lesen. Und da war Lev Silber natürlich zur Stelle.

Seine Faszination für Literatur und das Angebot von Beatrice le Coutre-Bick, der Leiterin des Literaturbüros Westniedersachsen, für sie Literaturveranstaltungen fotografisch zu dokumentieren, machten ihn zum Stammgast in der Bücherei und auch an Veranstaltungsorten wie dem Ledenhof, wo häufig Lesungen stattfinden. Hier frönt Silber seiner Leidenschaft. Er entdeckt den Menschen, sein typisches Aussehen.

Oder vielleicht auch die Mimik, die derjenige am liebsten mag? Ein Intellektueller möchte halt gern als Intellektueller fotografiert werden. „Nein“, sagt Silber, „das Klischee vom Pfeife rauchenden Philosophen mit dem visionären Blick will ich nicht bedienen.“ Stattdessen nimmt er Heinz-Rudolf Kunze ins Visier, der gerade einem Radiosender lächelnd ein Statement ins Mikrofon sagt. Oder die junge polnische Romanautorin Dorota Maslowska, die ihren Kopf nachdenklich und müde in die Hände legt.

Reinhold Messners Lächeln ist halbwegs unter seinem Bart verborgen, derweil Harry Rowohlt mit dem FC-St.-Pauli-Anstecker am Revers mürrisch auf eine Gruppe Straßenmusiker schaut. Die Porträts beschreiten stilistisch eine Gratwanderung zwischen Inszenierung und Dokumentation.

Konterkariert werden sie von den Fotos, die Silber in Russland mit seiner analogen Canon-Kamera schoss. Zum Beispiel das Bild von einem anonymen „Altgläubigen“. So nennt sich eine Glaubensbewegung, die sich 1653 von der Russisch-orthodoxen Kirche abspaltete und jahrhundertelang verfolgt wurde. Der Mann, dessen Antlitz von tiefen Falten zerklüftet ist, schaut in ein Buch in altkyrillischer Schrift. So schließt sich der Kreis zu den modernen Literaten in Osnabrück.

Stadtbibliothek (Markt 1): „Zwischen den Welten: Literatur im Fokus“. Autorenporträts von Lev Silber im Rahmen des Porträtsommers 2012, einer Kooperation zwischen der Kunsthalle Dominikanerkirche, dem Literaturbüro Westniedersachsen und der Stadtbibliothek. 7. Juni (Eröffnung um 18.30 Uhr) bis 15. September, Di.–Fr. 10–18 Uhr, Sa. 10–15 Uhr.