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Stadt- und Ortsführungen (15) Entlang der mittelalterlichen Stadtmauer in Osnabrück

Von Carolin Hlawatsch | 06.03.2015, 12:15 Uhr

„Auf Wall und Wehr“ heißt eine Führung in Osnabrück, auf der die Teilnehmer Reste der mittelalterlichen Stadtbefestigung entdecken können.

Versetzen wir uns in das 12. Jahrhundert, die Blütezeit des Mittelalters. In Osnabrück wird der Dom gebaut und Kaiser Friedrich Babarossa besucht 1157 die Stadt. Er verleiht Osnabrück die Wallrechte. Somit konnte endlich die Stadtmauer um Alt- und Neustadt erbaut werden, die mit dem Aufkommen der Schusswaffen ab dem 13. Jahrhundert immer weiter stabilisiert wurde. Sich all‘ das vorzustellen, fällt den Teilnehmern der Stadtführung „Auf Wall und Wehr“ nicht schwer, stehen sie doch zusammen mit Martin Junker von der Stadtführergilde im Rathaus vor dem Stadtmodell. Interessiert betrachten sie, wo lang genau die Mauer früher verlief.

Nun aber hinaus und, wie es der Titel der Führung vorgibt, auf Wall und Wehr. Flott geht die Gruppe über den Marktplatz, vorbei am Dom zum Klappergang, der vielen Osnabrückern als Hexengang bekannt ist. „Das 12. Jahrhundert war auch die Zeit der Kreuzzüge. Heimkehrer brachten damals noch unbekannte Krankheiten wie Lepra mit“, erzählt Martin Junker den Teilnehmern, die sich vorm Klappergang drängeln. „An besonders engen Stellen der Stadt, und dieser Gang ist das beste Beispiel dafür, mussten die Kranken mit Rasseln klappern um von den Gesunden erkannt zu werden, die dann Abstand hielten“. Heute klappern, oder besser klicken nur die Fotoapparate der Gruppe in der Gasse, die hindurch und zum Herrenteichswall wandert.

Stadtgeschichte spannend verpackt

Auf der nahe gelegenen Brücke hält der Stadtführer die nächsten, in spannende Geschichten verpackte Informationen über die Wehranlagen Osnabrücks bereit. Ein äußerst geeigneter Ort dafür, denn unter der Gruppe fließt die Hase, links von ihr liegt die alte Stadtmauer und rechts erhebt sich der Herrenteichswall, der vor seiner Abtragung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, mal viel höher war.

Der Stadtmauer vorgelagert diente auch er dem Schutz der Stadt und der Mühlen, wie zum Beispiel der Pernickelmühle. „Warum heißt er eigentlich Herrenteichswall?“, möchte eine Teilnehmerin wissen und erfährt von Martin Junker, dass der Name auf die christliche Fastenzeit zurückzuführen ist, in der kein Fleisch, aber wohl Fisch gegessen werden durfte. „In Osnabrück gab es aber nicht viel Fisch und so legten sich die Domherren dort drüben eigene Teiche an“, erklärt Junker. „Und nun schauen sie mal. Dort drüben lebten die Domherren, dann kamen die Teiche und dort ist der Wall. Herren-Teichs-Wall“.

An der Vitischanze angekommen, holt der Stadtführer allerlei Utensilien aus seiner Tasche. Was passiert jetzt? Fragezeichen in den Gesichtern der Teilnehmer, die nun auf der Verteidigungsanlage am früher nördlichsten Punkt der Stadt stehen. Angreifer, die vom höher gelegenen Gertrudenberg kamen, wurden bis ins frühe 19. Jahrhundert unter anderem mit Musketen von der Vitischanze aus ferngehalten. „Wissen Sie denn, wie eine Muskete geladen wurde?“, richtet sich Junker an seine Gäste, denen nun klar wird, wofür die von ihm auf der Mauer ausgebreiteten Gegenstände gedacht sind.

Hinein ins Dunkel der Hohen Brücke

Zur Befestigungsanlage gehören auch der Barenturm und die Hohe Brücke. Zu Fluchtzwecken oder um Angreifer zu überraschen war der Turm durch einen Gang innerhalb der Hohen Brücke mit dem anderen Haseufer verbunden. Ein Teil des Gangs ist heute noch begehbar. Junker öffnet eine versteckte Tür und führt die Gruppe in das Dunkel, hinein in die Hohe Brücke.

Fotomotive ergeben sich dann wieder bei Tageslicht am ehemaligen Stadtsitz der Grafen von Tecklenburg, das später das Haus der Fleischhauer, dann städtisches Armenhaus war. Heute befindet sich hier das Kulturzentrum Haus der Jugend. Das Wappen mit dem Kopf eines Ziegenbocks und zwei Äxten erinnert noch an die Fleischhauer. Das Stadtmauerstück heißt an dieser Stelle Bocksmauer. Sechs Kilometer lang war die Stadtmauer mal, als sie komplett war. Wie Osnabrück mit seiner Stadtbefestigung ausgesehen haben muss, davon haben die Teilnehmer am Ende der Führung nun eine Vorstellung.