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Staatsanwaltschaft ermittelt Untreuevorwurf gegen Osnabrücker Lokalradio-Vorstand

Von Sebastian Stricker | 25.07.2014, 16:43 Uhr

Beim Osnabrücker Lokalfunksender osradio 104,8 soll eine größere Geldsumme unterschlagen worden sein. Wie die Staatsanwaltschaft am Freitag mitteilte, steht der Vorwurf der Veruntreuung im Raum. Der Betrag, um den es geht, soll im hohen fünfstelligen Bereich liegen. Der Beschuldigte aus dem Vorstand des Trägervereins bestreitet alle Vorwürfe.

Die Niedersächsische Landesmedienanstalt (NLM) habe Strafanzeige gegen einen Hauptverantwortlichen wegen des Verdachts auf Untreue und Subventionsbetrug gestellt, sagte NLM-Direktor Andreas Fischer am Freitag der Nachrichtenagentur dpa in Hannover. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück bestätigte unserer Zeitung, dass die Strafanzeige am Donnerstag eingegangen sei. Seitdem werde ermittelt, so Sprecher Alexander Retemeyer.

Der Landesmedienanstalt waren offenbar Unstimmigkeiten in der Buchführung von osradio 104,8 aufgefallen. Laut Andreas Fischer hat der Beschuldigte Geld von Konten des Senders auf sein Privatkonto verschoben. Nach NOZ-Recherchen soll er sich damit selbst für eine rund neun Monate währende Interimstätigkeit an der Spitze von osradio 104,8 entlohnt haben, die von Oktober 2010 bis Juni 2011 dauerte. Zu diesem Zweck habe er von April 2011 bis Ende 2013 immer wieder Summen abgezweigt – in erster Linie zweckgebundene Mittel, die unter anderem von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) an osradio 104,8 geflossen waren.

Die DBU hatte laut ihrer Projektdatenbank von 2008 bis 2010 etwa das Kinderradioprojekt „Die Funkflöhe“ (97.000 Euro) gefördert sowie von 2010 bis 2013 ein Umweltbildungsprojekt namens „RAUM OS – Radio-Umweltreporter Osnabrück“ (122.680 Euro). Darüber hinaus war osradio 104,8 von 2008 bis 2010 an einem von der DBU finanziell unterstützten Umweltbildungsprojekt für Kinder mit Migrationshintergrund (125.000 Euro) beteiligt, das von der Auslandsgesellschaft Deutschland getragen wurde. Nach Informationen unserer Zeitung soll der Beschuldigte die dem Sender zugewiesenen Gelder jeweils als verbraucht gemeldet, in Wirklichkeit bestehende Restbeträge aber zu seinen Gunsten umgeleitet haben. Der Beschuldigte selbst sagt dazu: „Alles falsch.“

„Genommen, was mir zustand“

Unserer Zeitung erklärte er, sich keiner Schuld bewusst zu sein. Die Strafanzeige habe ihn „völlig überrascht“. Sämtliche gegen ihn erhobenen Vorwürfe bestreitet er. „Ich bin davon ausgegangen, dass alles richtig gelaufen ist.“ Damalige Vorstandskollegen hätten ihm für die Interimstätigkeit eine Bezahlung zugesichert. Auf die Frage nach einer vertraglichen Grundlage für diese Vereinbarung, die etwa Höhe des Gehalts und Dauer der Zahlung regelt, gab der Beschuldigte keine eindeutige Antwort. Er räumte jedoch auf Nachfrage ein, sich über die Jahre hinweg so viel Geld von osradio 104,8 genommen zu haben, wie er für angemessen hielt. Und zwar immer dann, wenn die Kassenlage des Senders es hergab. „Ich habe genommen, was mir zustand. Was ist falsch daran? Nichts davon werde ich zurückzahlen“, sagte er. Selbst ein Wirtschaftsprüfer habe keine Ungereimtheiten feststellen können. Der Beschuldigte vermutet hinter der Strafanzeige deshalb eine Intrige. „Man will mich weghaben – mit aller Gewalt!“ Als Ehrenamtsträger sei er am Freitag von einflussreichen Personen zum Rücktritt aufgefordert worden – angeblich unter Androhung von Konsequenzen für die Zukunft des Senders. Eine offizielle Bestätigung für diese Behauptung gibt es bislang nicht. Der Beschuldigte lehnt aber einen Rücktritt ab. „Das wäre ein Schuldeingeständnis.“

Die Vorwürfe reichen zurück in eine Zeit vor rund vier Jahren, als osradio 104,8 nach der überraschenden Trennung von seiner damaligen Geschäftsführerin vorübergehend ohne hauptamtliche kaufmännische Leitung dastand. Zwischen dieser und dem Trägerverein hatte es seinerzeit unterschiedliche Auffassungen über die Programmgestaltung gegeben, die im Oktober 2010 zur sofortigen Freistellung und in der Folge bis vor das Arbeitsgericht führten.

Stadt und Land zahlen mit

osradio 104,8 wird seit Juli 2011 von einer Doppelspitze geführt, bestehend aus einer Geschäftsleiterin und einem Chefredakteur . Wie der Rechtsanwalt des Senders, Thomas Klein von der Osnabrücker „Kanzlei für Strafrecht“ unserer Zeitung sagte, richte sich der Verdacht der Staatsanwaltschaft aber ausdrücklich nicht gegen diese beiden. „Die derzeit Verantwortlichen des Senders haben mit der Sache nichts zu tun.“ osradio 104,8 selbst lehnte eine offizielle Stellungnahme zum Fall ab.

Den Löwenanteil des Senderbudgets aus öffentlichen Mitteln trägt mit einer erheblichen sechsstelligen Summe pro Jahr das Land Niedersachsen. Außerdem wird osradio 104,8 wird mit jeweils 39.000 Euro jährlich von Stadt und Landkreis Osnabrück mitfinanziert. Während die Stadt Osnabrück sich gegenüber der NOZ vorläufig nicht zu den Vorwürfen äußern wollte, erklärte Landkreis-Sprecher Burkhard Riepenhoff am Freitag, zunächst die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abwarten zu wollen. Vorher könnten keine verbindlichen Aussagen darüber getroffen werden, inwiefern „das Vertragsverhältnis zwischen Landkreis und Sender berührt“ sei.