Ein Artikel der Redaktion

„Spieltriebe“ in Osnabrück Fünf Tipps der Redaktion aus den fünf Routen

Von Christine Adam | 01.09.2017, 16:37 Uhr

Heute um 17 Uhr startet das Osnabrücker Theaterfestival „Spieltriebe“ zum diesjährigen Thema „Macht*Spiel*Geschlecht“. Wir haben die fünf Routen mit ihren vielen Ur- und Erstaufführungen schon bei der öffentlichen Generalprobe am Donnerstagabend besucht und empfehlen einige der insgesamt 13 Produktionen, die uns besonders gefallen haben.

„Dienstags bei Kaufland“

Am meisten zu sagen über das Genderthema und unsere Gegenwart hat auf der roten Route „ Dienstags bei Kaufland “. Das Stück von Emmanuel Darley bringt Regisseurin Nina de la Perra spürbar durchdacht in der ehemaligen „Ihr-Platz“-Filiale in der Theaterpassage zur Deutschsprachigen Erstaufführung. Die Schauspielerin Christina Dom spielt Marie-Pierre, die früher Jean-Pierre war. Immer dienstags versorgt sie den Haushalt ihres alten Vaters und geht mit ihm einkaufen.

Hohe Absätze und dezentes Kleidungsschwarz machen die Schauspielerin zu einer zugleich auffällig großen und doch unauffällig eleganten Erscheinung. Mit einer Mischung aus Befremden und Empörung in der Stimme erzählt sie als Marie-Pierre, wie sie im Supermarkt angestarrt und vom Vater als peinlich empfunden wird. Besonders geht an die Nieren, dass nicht immer ganz klar ist, was reale und was aus eigener, tiefer Unsicherheit erwartete Ablehnung ist. Der Kontrast von beim Auszug gewaltsam ausgeweidetem Drogeriemarkt und stilisierter Weiblichkeit in Postern, von schäbiger 50er-Jahre-Wohnung und Nazi-Vergangenheit (ein Hitler-Porträt hängt an der Wand) veranschaulicht glänzend das geschichtliche Spannungsfeld der Inszenierung. (Ch.A.)

„Encounter“

Der Mann, der sein Fahrrad mit der großen Einkaufstasche auf dem Gepäckträger über den Bürgersteig schiebt, wirft einen erstaunten Blick über die Schulter. Weiß er, dass er in dieser Sekunde Teil des Tanzstücks „ Encounter “ auf der pinkfarbenen Route ist? Choreografin Vasna Felicia Aguilar, bis zur letzten Spielzeit Tänzerin am Theater Osnabrück, lässt ihre Tänzer zwischendrin auch auf die Straße rennen und gehen. Und macht die zufällig vorbeikommenden Passanten zu Mitspielern. So auch den Mann mit dem Rad, der zufällig am Kunstraum „Hase29“ vorbeischiebt, als die Tänzer gerade nach draußen gelaufen sind und nun im Affentempo an ihm vorbeirennen. Für die, die drinnen sitzen, wird so zwar nicht die ganze Welt, dafür die Hasestraße zur Bühne. Zwischenmenschliche Begegnungen sind Aguilars Thema. Wie reagieren wir aufeinander? Auf Nähe und Distanz? Auf Über- und Unterordnung? Das loten die vier Tänzer Marine Sanchez Egasse, Rosa Wijsman, Ohad Fabrizio Caspi und Oleksandr Khudimov untereinander aus, wenn sie sich gemeinsam oder allein, dabei aber doch immer aufeinander bezogen, durch den Kunstraum bewegen. Um Machtverhältnisse zwischen oder innerhalb der Geschlechter geht es dabei auch, ja. Meistens sind die einfach angenehm egal. (rei)

„I am a bird now“

Sie räkeln sich hinter der Fensterfront wie an einer Vitrinenscheibe – seltsame Mischwesen aus Frau und Mann. Aufreizende Geschöpfe mit Pumps und Kniestrumpf und Leopardenjacke kommen einzeln durch die Drehtür ins Freie, stöckeln, staksen, tippeln an den Zuschauern vorbei. Die sind in diesem Augenblick schon Voyeure, denn sie begaffen Menschen, die sich auch im Alltag anmaßende Blicke gefallen lassen müssen. Das von Jana Vetten inszenierte Stück „ I am a Bird now “ auf der Route orange bringt die Frage nach Geschlecht und Identität schon mit seinem ersten Bild auf den Punkt. Der Weg einer Geschlechtsumwandlung vom Mann zur Frau bildet den erzählerischen Faden dieser Produktion. Viel wichtiger: Das Projekt zum Thema Transgender übersetzt sein Sujet in Text und Tanz, Installation und Performance. Im Foyer des Hörsaalgebäudes der Hochschule Osnabrück entsteht so ein Spiel, das nicht nur deshalb auf mehreren Ebenen stattfindet, weil die Schauspieler Marie Bauer, Oliver Meskendahl und Janosch Schulte sowie Ayaka Kamei und Lennart Huysentruyt als Mitglieder der Tanzcompagnie auf Treppen, Podesten und Raumebenen agieren. Ihr Spiel fächert so die vielfältigen Bezüge des komplexen Themas mustergültig auf. Eine herausragende Produktion. Nur der Operationsbericht einer Geschlechtsumwandlung ist absolut nichts für zarte Seelen. (lü)

„Die Zauberin von OZ“

In langen, nicht ganz sauberen Unterhosen und Leo-Morgenmantel tänzelt Prof. Dr. Candy (Carolin Wiedenbröker) aufs Publikum zu – mit der nervösen Bitte, an der Therapie ihrer Patienten mitzuhelfen. Das sind Dorothy und der Blechmann, die Vogelscheuche und eine Hexe, also ein Großteil der Helden des queeren Filmklassikers „Der Zauberer von Oz“. Vielleicht sind sie es auch nicht, jedenfalls will keiner sein, was er sein soll. Mit den wild durcheinander gewürfelten Bausteinen des Genderdiskurses verweigert hier Jeder seine Rolle, während Candy hektisch bemüht ist, alle auf Linie zu bringen. Wie aussichtslos das ist, macht schon die Bühne im Limbergtheater deutlich: ein Mix aus Varieté und Rumpelkammer, der jede Idee von Ordnung dementiert. Mit „ Die Zauberin von OZ “ legt das Kollektiv Eins auf der grünen Route eine wüste Übermalung vor, die den Filmstoff mit der Medikamentenabhängigkeit seiner Hauptdarstellerin kreuzt und das Geschlechterthema des Festivals halb inszeniert, halb als Sprachspiel veralbert. Sogar die Gender-Sternchen sprechen die ansteckend anarchischen Schauspieler*innen brav mit. (dab)

„Das Haupt der Medusa“

Sie ist prächtig, die Braut. Sieht glücklich in die kleine Runde, das weiße Brautkleid wallt weit in den Raum hinein. Dann fängt sie an zu singen: Ein Volkslied trällert Lina Liu, „hoi da hei“ singt sie und strahlt dabei vor Glück. Die Harfe lässt dazu Akkorde perlen, und wenn Holzbläser und eine Trompete darauf antworten, klingt das auch recht heiter, auch wenn sich die Vielstimmigkeit in vielen Tonarten gleichzeitig abzuspielen scheint und sich die einzelnen Stimmen aneinander reiben wie nackte Haut an einer rauen Wand. Dann kommt Leben ins wallende Brautkleid, und nacheinander schlüpfen zwei Tänzer wie Schmetterlinge aus ihrem Kokon. Schmetterlinge des Bösen allerdings: Immer flehender klingt der Gesang, immer wilder wühlen die beiden Tänzer im Brautkleid, bis Lina Liu rudert wie eine Ertrinkende. „Klagelied des Kuckuck“ heißt das Stück, und geschrieben hat es Daria Pavlostskaya, eine Studierende aus Sidney Corbetts Kompositionsklasse an der Hochschule für Musik in Mannheim. Der jungen Komponistin gelingt damit auf der blauen Route ein Höhepunkt bei der Musiktheater-Installation „ Haupt der Medusa “, die sie zusammen mit fünf Kommilitoninnen und Kommilitonen in die Vitischanze gebracht hat. (dö)