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Sexueller Missbrauch Osnabrück: Theaterstück lehrt Kinder das Neinsagen

Von Gisela Kriz | 20.12.2013, 18:49 Uhr

Eigentlich eine Erfolgsgeschichte: Das Stück „Mein Körper gehört mir“ der Theaterpädagogischen Werkstatt (TPW) Osnabrück wird seit 19 Jahren aufgeführt und erreichte schon mehr als zwei Millionen Schüler. Deutschlandweit sind 70 Darstellerpaare unterwegs. Aber es gibt auch kritische Stimmen, die bezweifeln, ob Kinder mit diesem Konzept Missbrauch zutreffend erkennen und abwenden können.

Ein Exhibitionist zeigt sich beim Vorbeilaufen; ein Onkel will anzügliche Fotos machen: Das Präventionstheater der TPW greift alltägliche Missbrauchssituationen in interaktiven Spielszenen auf. An der Grundschule Eversburg geht die TPW mit dem dreiteiligen Stück seit mehr als 15 Jahren durch die dritten und vierten Klassen, unterstützt vom Förderverein der Schule. „Das ist bei uns Tradition“, sagt Schulleiterin Rita Frerich.

Auch dieses Jahr thematisierten die Darsteller Susanne Gorgs und Alen Dragulj dort wieder das Neinsagen, Übergriffe durch Fremde und auch durch vertraute Personen: „Mein großer Bruder spielt so blöde Spiele mit mir. Der fasst mich überall an. Auch dort, wo ich es nicht mag“, sagte Dragulj in einer Spielszene. „Wer kann mir bloß helfen?“ Er musste sich an verschiedene Erwachsene wenden, bis er ernst genommen wurde und Hilfe bekam.

Gespannt verfolgten die Schüler mit ihrer Klassenlehrerin die Szenen und beteiligten sich lebhaft an den Gesprächen der Darsteller über richtiges und falsches Verhalten. Ihnen wurde erklärt, was sexueller Missbrauch ist. Sie wurden ermutigt, bei „Nein-Gefühlen“ auch nein zu sagen, das Geheimnis zu durchbrechen und Vertrauenspersonen von den Übergriffen zu erzählen. Denn: „Missbrauch ist verboten, und die Täter sind schuld“, sagten die Darsteller. Sie überreichten jedem die Nummer des Kinder- und Jugendtelefons.

Das Stück stammt aus der Feder der Osnabrücker Anna Pallas und Reinhard Gesse, den Gründern der TPW. Im Laufe der Jahre bauten sie mit Fachberatern immer wieder aktuelle Entwicklungen ein wie Internetgefahren oder jugendliche Täter. Durch Wissen möchten sie Kinder stark machen. Sie schrieben auch Stücke über Mobbing, Gewalt, Alkohol und Drogen.

Schon vor Jahren gab es jedoch auch Kritik an „Mein Körper gehört mir“. Bei einem Prozess am Osnabrücker Landgericht hielt ein psychologischer Gutachter es für möglich, dass das Stück falsche Beschuldigungen einer Elfjährigen gegenüber ihrem Stiefgroßvater ausgelöst haben könnte. „Die Möglichkeit einer solchen Wirkung beurteilen andere Gutachter als äußerst gering“, kommentiert Anna Pallas diesen Vorwurf. „Ansonsten müsste es bei der Masse der Kinder, die mit dem Stück in Berührung kommen, ja auch viel mehr Falschaussagen geben.“

In einem Überblicksartikel zur Missbrauchsprävention, veröffentlicht von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, äußert auch Miriam Damrow von der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg Bedenken an solchen Selbstermächtigungskonzepten, im Fachjargon „Empowerment“ genannt. Zwar erhöhten sich dadurch das Sicherheitsgefühl und allgemeine Selbstschutzfähigkeiten der Kinder. Aber auf sexuellen Missbrauch habe das wenig Einfluss, so Damrov. Die Kriterien zum Erkennen des Missbrauchs blieben unscharf. Sexuelle Dimensionen und Täterstrategien würden ausgespart. Zudem werde die Verantwortung für die Vermeidung des Missbrauchs an die Opfer übertragen. Dem widerspricht Pallas: „Die Benennung von Missbrauchshandlungen ist in unserem Stück deutlich und kindgerecht.“ Auch Täterstrategien würden gezeigt.

Evaluationsstudien der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und der Goethe-Universität Frankfurt kommen zu dem Ergebnis, dass Schüler durch das Präventionsstück besser informiert sind und mehr Handlungsoptionen für kritische Situationen besitzen. Pallas würde das dreiteilige Stück deshalb am liebsten zu einem Sechsteiler machen: „Wir sind da am Überlegen.“ Und sie wünscht sich eine stärkere Beteiligung der Eltern.