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Serie „Die Kunden und ich“ Osnabrücker Taxifahrer über betrunkene Fahrgäste, Baustellen und NDR1

Von Cornelia Achenbach | 30.12.2016, 12:45 Uhr

Bedienungen, Ärzte, Müllmänner, Kassierer – in unserem Alltag haben wir immer mal wieder mit ihnen zu tun, doch selten machen wir Kunden uns darüber Gedanken, wie wir auf sie wirken. Wir haben daher einmal nachgefragt. Teil 17: ein Taxifahrer.

Seit 36 Jahren ist Michael Torloxten (62) Taxifahrer in Osnabrück. Wenn er mal vier Wochen lang Urlaub macht und nicht hinterm Steuer sitzt, bekommt er Entzugserscheinungen, sagt er.

Herr Torloxten, jetzt bin ich vorne ins Taxi eingestiegen – eigentlich falsch, oder? Als Fahrgast sollte man doch hinten sitzen.

Nein, ich habe die Leute lieber vorne, da kann ich besser mit ihnen reden.

Ist das denn wichtig – mit den Kunden zu reden?

Die meisten Fahrgäste freuen sich darüber. Ich bin viel bei den Krankenhäusern unterwegs. Wer dort abgeholt wird, ist froh darüber, entlassen zu werden, hat aber vielleicht auch von seinen Nöten und Sorgen zu erzählen. Wenn ich aber Geschäftsleute bei mir im Wagen habe, die womöglich auch noch arbeiten wollen, bin ich natürlich still. Ich drücke niemanden ein Gespräch auf.

Wer sind denn Ihre Kunden?

Von der Schülerin bis zum Unternehmer, von 16 bis ins hohe Alter. Meine älteste Stammkundin ist 96 Jahre alt. Manchmal werde ich auch weitervererbt – da fahre ich eine junge Frau und die eine Schwester und die andere Schwester und so weiter.

Ein Taxi ruft man häufig dann, wenn man selbst nicht mehr in der Lage ist, Auto zu fahren. Hand aufs Herz: Wie viele Fahrgäste haben sich schon in Ihren Wagen übergeben?

Nicht ein einziger! Es gibt ja so Besserwisser, die kommen hier an und sagen: „Ich komme aus Vechta. Was kostet es denn, wenn ich in deinen Wagen kotze? Bei uns sind es 50 Euro.“ Dem sage ich dann: 2000 bis 4000 Euro. Denn wenn sich hier jemand übergibt, mache ich Feierabend und bringe das Taxi zu einer Reinigungsfirma –das mache ich doch nicht selbst weg. Man bekommt als Taxifahrer aber auch ein Gespür dafür. Wenn die Fahrgäste ganz still werden und öfters schlucken, frage ich dann schon mal: Soll ich mal rechts ranfahren?

Gibt es Fahrten, die Sie ablehnen?

Das darf ich gar nicht. Die Stadt Osnabrück ist mein sogenanntes Pflichtfahrgebiet, ich unterliege einer Beförderungspflicht. Heißt: Ich muss jeden Fahrgast befördern, egal, wie kurz die Strecke ist. Wenn Sie wollen, dass ich Sie von hier bis zur Sparkasse an der Ecke fahre, dann muss ich das tun. Wir leben ja auch von den kleinen Fahrten.

Wie läuft denn das Geschäft?

Es ist erheblich weniger geworden. Zum einen durch den Wegzug der Engländer, zum anderen dadurch, dass sich das Nachtleben einfach umgestellt hat. Früher war die Altstadt ab Donnerstagabend voll, die Leute waren einfach durchgeknallter und haben lieber gefeiert. Gerade seit der Silvesternacht in Köln habe ich das Gefühl, dass viele, vor allem junge Frauen, lieber Alternativen zum Nachtleben suchen.

Gibt es besonders gute Tage im Jahr? Zum Beispiel Silvester?

An Silvester fahre ich gar nicht – meine Freundin besteht darauf, dass ich den Abend mit ihr verbringe. Aber an Weihnachten bin ich nur auf der Straße. Ansonsten natürlich Karneval. Früher, als bei der Weiberfasnacht in der Altstadt noch richtig was los war – ach, das war schön. Jetzt fahre ich besonders gerne am Tag der Osnabrücker Mahlzeit. Viele Geschäftsleute, die sich aber trotz Alkohol zu benehmen wissen.

Was läuft eigentlich bei Ihnen im Radio während der Fahrt?

Ich pendel zwischen Radio21 und NDR1 – da laufen ja inzwischen die Sachen, mit denen ich groß geworden bin. Lustig sind die Fahrgäste aus dem Nordkreis. Die sagen dann: „Ey, mach mal NDR1 an – das ist Schützenfestmusik.“

Ist es Ihnen schon einmal passiert, dass Sie jemanden gefahren haben, der gar nicht bezahlen konnte?

Ja, das kommt vor. Gerade erst vor etwa zwei Wochen hatte ich einen etwas schwierigen Fall. Da standen wir vor dem Haus und fanden keinen Weg zur Einigung. Ich wollte ihm einen Zettel mit meinen Daten geben, aber das hat er abgelehnt. Ich bin dann einfach weiter gefahren und habe am nächsten Tag angerufen – ich hatte ja die Adresse und habe die Telefonnummer schnell herausbekommen. Ich hatte dann den Vater am Telefon – die Sache war schnell erledigt. Und als ich das Geld abgeholt habe, hat er sich noch tausendmal entschuldigt und sogar noch was auf den Fahrpreis draufgepackt.

Wie sieht es überhaupt mit Trinkgeld bei Ihnen aus?

Bei den Stammkunden gibt es einen Festpreis, die geben kein Trinkgeld. Ansonsten kann man wohl leider sagen, dass Leute, die kein Geld haben, öfters mal einen 5-Euro-Schein liegen lassen als diejenigen, die Geld haben.

Wie sieht es überhaupt mit dem Bezahlen aus – kommen Sie damit klar, wenn ich bei Ihnen mit einem 50-Euro-Schein bezahle?

Anders als Busfahrer sind wir dazu verpflichtet, große Scheine wechseln zu können.

Haben Sie auch schon einmal richtig schlechte Erfahrungen mit Kunden gemacht? Sind Sie schon einmal überfallen oder ausgeraubt worden?

Nicht direkt. Es gab einmal einen Angriff am helllichten Tag von einem sehr betrunkenen Mann. Der war mit einem anderen Taxifahrer aneinandergeraten, weil der ihn nicht befördern wollte. Dann ist er an mich geraten und die Sache ist fürchterlich eskaliert. Er hat versucht, mich zu schlagen, aber das war gar nicht so wild – der Sachschaden war vor allem groß. Allgemein kann man sagen, dass es eher die kleinen Fahrer mit großer Klappe sind, die mal Schwierigkeiten bekommen.

Wie sieht es denn mit weiblichen Taxifahrern aus? Werden Taxifahrerinnen respektiert?

Hm. Wir haben eine Fahrerin am Wochenende im Einsatz, die sich viele unwitzige und unangenehme Sprüche anhören muss. Zum Glück hat sie ein großes Mundwerk. Insgesamt ist es aber in Osnabrück relativ problemlos für uns Taxifahrer – die Kollegen in Bremen oder Hannover haben in ihren Wagen inzwischen Überwachungskameras.

Man hat den Eindruck, dass in Osnabrück jeder über die Verkehrslage schimpft. Wie sehen Sie das?

Seit der Neumarktöffnung ist es wieder wesentlich entspannter, und natürlich sind wir heilfroh, wenn die Römereschstraße wieder auf ist. Es ist manchmal schwierig, dem Fahrgast zu vermitteln, warum wir hier gerade so blöd rumstehen. Wir hätten auch gerne verkehrsbedingte Wartezeiten kostenfrei gestellt, aber dieser Vorstoß wurde von der Stadt Osnabrück abgelehnt.

Noch mal kurz zusammengefasst: Warum fahren Sie eigentlich so gerne Taxi?

Ich bin unabhängig, habe mich vor dreieinhalb Jahren selbstständig gemacht, kann mir meine Zeit frei einteilen und habe viel Abwechslung. Ich liebe den Kundenkontakt und kriege Entzugserscheinungen, wenn ich mal im Urlaub bin und vier Wochen lang nicht hinter dem Steuer sitze.