Ein Artikel der Redaktion Neue Osnabrücker ZeitungLogo Neue Osnabrücker Zeitung

Ruhestand nach 40 Jahren Herbert Hähnel, das elegante Gesicht des Theaters Osnabrück

Von Ralf Döring | 13.07.2014, 17:07 Uhr

Es klingt unvorstellbar: Aber Herbert Hähnel wird das Theater Osnabrück verlassen. Als letzte offizielle Amtshandlung moderiert er am Samstag die Operngala. Danach geht er in den Ruhestand.

Ultramarinblaues Hemd mit weißem Kragen, dazu farblich exakt abgestimmt Brille und Krawatte, das Sakko in dezentem Gelb mit Karomuster: So kennen die Theaterzuschauer Herbert Hähnel. Elegant, aber mit dem gewissen Pfiff und trotzdem niemals aufdringlich: Für ganze Publikumsgenerationen war er das Gesicht des Theaters. Jemand wie er zieht die Blicke auf sich. Dabei hat er vorrangig im Hintergrund agiert.

Fast vierzig Jahre hat Hähnel am Theater verbracht, den weitaus größten Teil davon in Osnabrück. Von einer „Karriere“ im klassischen Sinn würde er allerdings nicht sprechen. Eher gleicht sein Wirken für die Bühne einem Slalomkurs mit mitunter grotesken Haken. Aber zu Popularität hat er es gebracht: Häufig hebt er die Hand, um von seinem Stuhl im Straßencafé aus eine Bekannte oder einen Bekannten zu grüßen. Und Herbert Hähnel hat viele davon.

Schon der Weg zum Theater war indes ein gewundener. Denn eigentlich ist Hähnel gelernter Buchhändler, und gelernt hat er bei Felix Jud in Hamburg. „Wenn Leonard Bernstein in Hamburg war, Heiner Müller, Joachim Fest oder Joachim Kaiser, dann kamen sie in die Buchhandlung am Neuen Wall“, sagt Hähnel mit seiner tiefen, bedächtigen Stimme. Diese Herren haben bei ihm Bücher gekauft.

Gehalten hat die prominente Klientel Hähnel trotzdem nicht. Aber die Buchhandlung schloss ihm die Tür zur Bühne auf. Denn In jener Zeit eröffnete eine Felix-Jud-Filiale im Deutschen Schauspielhaus, in der sich die Zuschauer vor der Vorstellung oder in der Pause mit Literatur eindecken konnte. Hähnel war da, um zu verkaufen – „und tagsüber schlich ich mich ins Theater, mit dem Vorwand, ich müsse auffüllen“. In Wirklichkeit war er infiziert vom Theaterbazillus – und Urs Jenny, damals Chefdramaturg am Schauspielhaus, engagierte ihn. „Als Dramaturgie-Knecht“.

Später, in Osnabrück, hat sich Hähnel noch einmal für kurze Zeit seines erlernten Berufes erinnert und in der Buchhandlung Jonscher gegenüber dem Theater gearbeitet –der Brotjob neben einem Studium der Literatur- und der Musikwissenschaft. Wie sich herausstellte, überbrückte er damit aber lediglich die Zeit zwischen zwei Engagements am Theater Osnabrück. Nach zwei Jahren unter Intendant Jürgen Brock zog es ihn wieder weg. „Ich war das Hamburger Theater gewohnt“, sagt er. Deshalb wollter nicht irgendwohin, „sondern mindestens nach Bochum.“ In die große Theaterwelt.

Die hatte nun nicht auf einen unerfahrenen Dramaturgen wie ihn gewartet. Intendant Erdmut C. August hat schließlich aus der Buchhandlung geholt und mit der Kindersparte im damals neuen Emma-Theater betraut – der Beginn einer lückenlosen, gleichwohl recht munteren Theaterkarriere.

Dramaturg für Operette und Tanz war er gewesen, hatte das Musikbüros geleitet, wurde Chef des Schließerdientes und war schließlich die letzten Jahre als Leiter des Künstlerischen Betriebsbüros dafür verantwortlich, dass die Darsteller rechtzeitig auf der richtigen Bühne stehen. Dabei bewahrt er auch im heftigsten Sturm die Ruhe , zieht an der Pfeife und greift dann zum Hörer, um Ersatz für einen erkrankten Tenor zu suchen. Und wie das am Theater so ist, kommt noch die eine oder andere Leidenschaft dazu, die ausgelebt sein will: Das „Nachtfoyer“ zum Beispiel, eine Initiative der damaligen Osnabrücker Schauspielerin Sonja Wassermann, hat er übernommen, konzipiert und organisiert, bis das Format eingestellt wurde. Dabei war er immer für eine Überraschung gut: Beim letzten Nachtfoyer im Februar 2007 läutete er die letzte Musikrunde höchstselbst ein: Als gekonnter Jazz-Klarinettist.

Von einer anderen Leidenschaft profitierten Dirigenten und mancher Opernkritiker: Wer die beste „Falstaff“- oder „Don Pasquale“-Aufnahme suchte, war bei ihm an der richtigen Stelle – Herbert Hähnel kennt sie, so scheint es, alle. 600 Opern-Gesamteinspielungen auf Schallplatte, etwa 3000 CDs – es gibt wohl fast nichts, was Herbert Hähnel nicht hat. Allein vom „Don Giovanni“ besitzt er 66 Aufnahmen. Warum? „Weil mir keine wirklich gefällt.“ Ab Montag kann er intensiv und ausgiebig weiter nach der einen, guten zu suchen. Vorher aber pflegt er noch eine andere Qualität: die der geschliffenen Pointe. Perfekt sitzender Smoking, charmante Plaudereien, vollendete Umgangsformen, alles, was ein Moderator braucht um eine Operngala abzurunden – Herbert Hähnel hat es.

Operngala: Samstag, 12.7., 19,30 Uhr. Kartentelefon: 0541/7600076