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Remarque-Friedenspreis Beeindruckend und bedrückend – Asli Erdogan in Osnabrück

Von Christine Adam | 21.09.2017, 19:47 Uhr

Seit 1991 verleiht die Stadt Osnabrück alle zwei Jahre den nach Erich Maria Remarque benannten Friedenspreis. Am Tag vor der Verleihung war bei einer Pressekonferenz im Rathaus die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan eindrucksvoll zu erleben, die nach Untersuchungshaft und Ausreiseverbot nun doch persönlich den Hauptpreis entgegennehmen kann.

Für den Sonderpreis an die Initiative „Pulse of Europe“ war Initiator Daniel Röder aus Frankfurt gekommen.

Schmal und zerbrechlich wirkt Asli Erdogan im kleinen Ratssaal des Osnabrücker Rathauses. Diesen Eindruck unterstreicht ihre leise, fast tonlose Stimme, von deren englischen Sätzen anfangs kaum mehr zu verstehen ist, als dass sie Osnabrück sehr dankbar ist für alles, was die Stadt für sie getan hat. Denn lange sah es nicht so aus, als ob Asli Erdogan, diesjährige Preisträgerin des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises, zur Preisverleihung würde kommen können. Doch dann ging es ganz schnell: Der Börsenverein des Deutsch Buchhandels und Osnabrücker Mitglieder der Preisjury schrieben vor zwei Wochen einen Brief an den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und erbaten für sie den Reisepass zurück. Kurz darauf war der Pass der türkischen Physikerin, Journalistin und Schriftstellerin da – zur großen Freude der Briefschreiber.

Viereinhalb Monate U-Haft

Nun ist sie da, erzählt, dass sie zwar seit zehn Monaten aus der Haft entlassen sei, aber noch nicht wieder ganz zurück in der Welt. Sie erkenne sich morgens im Spiegel nicht wieder, habe kein Privatleben mehr und mit ihrer Karriere als Zeitungskolumnistin sei es auch vorbei. Nun müsse sie sich Zeit lassen, um auf die andere, die Lebensseite springen zu können. Sie habe angefangen zu schreiben über ihre Erfahrungen der letzten Monate, aber nichts schnell Verwertbares, Praktisches mehr, sondern Literatur. Und um gute Literatur schreiben zu können, brauche sie Energie.

Hartes hinter sich, Schweres vor sich

Man merkt dieser Frau an, dass sie Hartes, Traumatisierendes hinter sich hat und noch Schweres vor sich. Sie bittet denn auch die Journalisten bei der Pressekonferenz, nichts zu fragen, was ihr die Rückkehr in die Türkei erschweren könnte. Denn Asli Erdogan wurde im August 2016 im Zuge der „Säuberung“ nach dem Militärputsch vom Juli verhaftet, gemeinsam mit 22 Mitarbeitern der türkisch-kurdischen Zeitung „ Özgür Gündem “. Sie saß viereinhalb Monate in Untersuchungshaft. Ende Dezember 2016 kam sie frei, ein monatelanges Ausreiseverbot wurde zwar aufgehoben, aber den Pass bekam sie nicht zurück, bis vor zwei Wochen. Vorgeworfen wurden ihr unter anderem Propaganda für und Mitgliedschaft in einer illegalen Organisation (der PKK) sowie Volksverhetzung.

Vorwort von Cem Özdemir

Vieles von dem, wofür und wogegen sie sich engagiert, vor allem jede Form von Menschenrechtsverletzung, lässt sich in ihrem Essayband „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ nachlesen, der mit einem hoch informativen Vorwort vom Grünen-Politiker Cem Özdemir im Frühjahr auf Deutsch beim Knaus-Verlag erschienen, aber in der Türkei verboten ist. „Schmerz, Diskriminierung, Ausgrenzung, Gewalt, Unterdrückung, Völkermord, Erinnerung, Trauma, Erniedrigung, Folter, Mord, Verzweiflung, Armut: Alles wird literarisch eindrucksvoll thematisiert, ohne dass sich die Autorin politisch vereinnahmen ließe,“ schreibt Özdemir. Vor allem dieser Essayband ist es, den die Jury dazu bewogen hat, der Regimekritikerin den Friedenspreis (25.000 Euro) zu verleihen.

Laut der zehnköpfigen Jury erhält Erdogan den Preis „für ihr Berichten über die Auswirkungen der politischen Verhältnisse in der Türkei auf die Menschen und ihren Alltag.“ Seit 1996 lebt die 1967 in Istanbul geborene Physikerin ganz vom und für das Schreiben, verfasste als Journalistin erst Kolumnen für die linksliberale Tageszeitung „Radikal“ (1998- 2001) und von 2013 an auch für die seit 2016 geschlossene Tageszeitung „Özgür Gündem“.

„Pulse of Europe“

Der mit 5.000 Euro dotierte Sonderpreis geht an die pro-europäische Initiative „Pulse of Europe“, die Daniel Röder und seine Frau Sabine 2016 in Frankfurt ins Leben gerufen habe. Den Demonstrationen in vielen Städten gehe es darum bewusst zu machen, sagte Röder bei der Pressekonferenz „was Europa ausmacht für uns, seine Werte wie Demokratie, Pressefreiheit oder Menschenrechte. Wir fühlen uns wie eine Art von Friedensbewegung aus der Mitte der Gesellschaft“.

Hoffen auf Wirkung

Wolfgang Lücke, Vorsitzender und Sprecher der Friedenspreis-Jury und Osnabrücks Oberbürgermeister Wolfgang Griesert verwiesen darauf, wie eng in diesem in diesem Jahr beide Preise in Hinblick auf Europa miteinander verbunden seien. „Wir hoffen natürlich, mit der Preisverleihung eine Wirkung erzielen zu können“, so schloss Griesert die eindrucksvolle und zugleich bedrückende Veranstaltung.