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Reise nach Israel Hightech und Heiligkeit: Osnabrücker Delegation in Jerusalem

Von Sandra Dorn | 06.06.2018, 10:03 Uhr

In Jerusalem trifft Hightech auf Religion: Im Industriegebiet am Rande der heiligen Stadt hat die Osnabrücker Wirtschaftsdelegation am dritten Tag ihrer Israel-Reise die Firma Orcam besichtigt. Das Unternehmen stellt kleine Geräte her, die Blinden den Alltag erleichtern sollen.

Die israelisch-deutsche Handelskammer (AHK) hat der Delegation von Stadt und IHK sicher ganz bewusst Vorzeigeunternehmen vor die Nase gesetzt. Die AHK-Mitarbeiter wollen ein Gefühl dafür vermitteln, dass technisch sehr viel geht in Israel – und dass es sich auch für Mittelständler lohnen soll, ihre Fühler in das Land auszustrecken. Nach einem Besuch bei der israelischen Startup-Szene in Tel Aviv und der Bewässerungspionierfirma Netafim in der Negev-Wüste ging es für die Delegation am Dienstag nach Jerusalem.

Im liberalen Tel Aviv sieht man sie kaum, doch in der Heiligen Stadt sind ultraorthodoxe Juden mit schwarzen bodenlangen Gewändern, Hut, Schläfenlocken und Bart im Stadtbild omnipräsent – neben leicht bekleideten Touristen und mit Maschinengewehren bewaffneten Soldaten laufen sie durch die Straßen, manche flitzen auch auf Elektrorädern vorbei.

Hochtechnologie am Stadtrand

Hier die Religion – und da, am Stadtrand, die Hightech-Firma Orcam, wo Marketingchef Eliav Rodman das Bild eines Unternehmens vermittelt, das, so sagt Rodman, letzten Endes für Chancengleichheit Blinder oder Sehbehinderter sorgen will. Und das alles mit einer kleinen Kamera, so groß wie ein USB-Stick. „My Eye“ heißt das Gerät, zu Deutsch „Mein Auge“.

Mit Magneten kann es an jedem Brillengestell befestigt werden. Wer sich diese Kombination auf die Nase setzt und bei einem Text mit dem Finger auf eine beliebige Stelle zeigt, dem liest das Gerät den Text vor, der zuvor blitzschnell erfasst wurde. Für Blinde ist das im Alltag relevant. Produkte im Supermarkt, Straßenschilder, Namen von Geschäften: All das stelle Sehbehinderte sonst vor hohe Hürden, sagt Rodman. Auch Gesichtserkennung funktioniert. Der Gerät lernt mit ein, zwei Befehlen den Namen einer Person. Betritt diese dann den Raum, erkennt es sie – und der Blinde kann etwa sagen: „Hallo Annemarie“, wo er sonst keine Chance hätte, sie in einem Raum sofort auszumachen. Wenn eine Broschüre oder Zeitung falsch herum gehalten wird, gibt „My Eye“ einen Hinweis – von außen kann kaum jemand dem Blinden noch anmerken, dass er nicht sehen kann. Genau das sei das Ziel, wie Rodman erläuterte. „Wir schenken den Leuten Unabhängigkeit.“

Datenschutz

Und der Datenschutz? Die Daten würden nirgendwo hin gesendet, kämen in keine Cloud, sondern würden nach dem Lesen eines Textes direkt wieder vergessen, erklärt Rodman. Sogar ein Nasa-Ingenieur würde das Gerät nutzen. In Deutschland hat Orcam es vor einigen Monaten ins Hilfsmittelverzeichnis der Krankenkassen geschafft, die gegebenenfalls einen Großteil der Kosten für das 4500 bis 5000 Euro teure Gerät übernehmen, ähnlich wie bei einem Hörgerät. Die Technik ist also nicht nur Zukunftsmusik, sondern bereits Realität in Deutschland.

Ihren Ursprung hat die Technik auch in diesem Fall im israelischen Militär, das als Hightechschmiede der Nation gilt. Orcam wurde 2010 als Start-Up von den Gründern von „Mobil Eye“ in die Welt gesetzt, dem Hersteller von Unfallpräventions- und autonomen Fahrtechnologien. 30 Mitarbeiter hatte Orcam, als Eliav Rodman dort vor viereinhalb Jahren die Marketingarbeit übernahm, mittlerweile seien es 200, sagt der junge Israeli mit Kippa auf dem Kopf.  

Zu den Sprachen, in denen das „My Eye“ verfügbar ist, zählt seit Beginn auch Hebräisch. Dabei ist die Zahl der Menschen, die Hebräisch sprechen, nun wahrlich nicht hoch. Warum Orcam trotzdem produziert? „Israelis sind sehr direkt, auch in ihrem Feedback“, so Rodman. Wenn ihnen etwas nicht gefalle, würden sie nicht um den heißen Brei herumreden, sondern sagen: „Das ist Schrott.“ „Das ist einer der Faktoren für den Erfolg der israelischen Start-Ups“, so Eliav Rodman.