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Recyclinganlage in Bramsche Mit alten Reifen zu neuen Rohstoffen

Von Dietmar Kröger | 05.01.2017, 11:43 Uhr

Helmut Haneklaus hat die 70 schon deutlich überschritten, wenn es aber um seine Herzensangelegenheit geht, entwickelt er den Elan eines 25-Jährigen. Haneklaus Steckenpferd ist die Pyrolyse von Altreifen, mithin das rückstandslose Recycling abgefahrener und ausrangierter Pneus.

Haneklaus hat ein recht bewegtes Leben hinter sich. Geboren in Nordhorn, hat er 40 Jahre in der Grafschaft gelebt. Ein Mineralöllager an der Westfalenstraße und der Betrieb freier Tankstellen (heute Aldi) sorgten für das Einkommen. Die Ölkrise 1973 brachte den großflächigen Niedergang der Freien und Haneklaus musste sich nach einem neuen Broterwerb umsehen. Als umtriebigen Geist zog es ihn in die USA und nach Saudi Arabien – überwiegend als Kaufmann aber mit stark ausgeprägtem Hang zum Technischen. Derzeit lebt der 75-Jährige wieder in Nordhorn.

Kein ideologischer Weltverbesserer

Wenn Haneklaus über sein Pyrolyseverfahren spricht, in dem mittlerweile zehn Jahre Entwicklungsarbeit stecken, hört er sich nicht an wie ein ideologisierender Weltverbesserer. Im Gegenteil: Haneklaus argumentiert mit Zahlen und wissenschaftlichen Werten. Sachargumente sind eher sein Ding als Tagträumereien. Dabei spielt ihm die Macht des Faktischen in die Karten, denn die Pyrolyse als solche ist wahrlich keine neue Erfindung. „Die Pyrolyse ist schon tausende von Jahren alt“, sagt Haneklaus und verweist dabei – kaum zu glauben aber wahr – auf die Steinzeit. Schon 8300 bis 4000 Jahre vor Christus, als unsere Ahnen noch mit Keule und Fellbehang durch die Wälder zogen, produzierten sie durch Verschwelung Holzteer und Pech.

Verfahren unter Vakuum

„Das Prinzip ist gleichgeblieben“, so Haneklaus beim Blick auf seine Versuchsanlage. Am Anfang steht ein großer schwarzer Kasten, in den der sogenannte Reaktor mit den Altreifen gestellt wird. Im Reaktor herrscht Unterdruck, während der ihn umgebende Ofen auf mehrere hundert Grad aufgeheizt wird. Die Reifen werden also nicht direkt verbrannt, sondern verschwelen in dem Reaktor in einer Atmosphäre unter Vakuum. Dabei trennen sich ihre chemischen Bestandteile voneinander, sodass am Ende des Prozesses wieder in erster Linie Carbon Black, Öl, und das in die Reifen eingearbeitete Metall stehen. Zudem entsteht Gas, mit dem Haneklaus die Anlage betreibt.

Versuchsanlage im Schweinestall

Seine Versuchsanlage auf dem Hof Brüning bei Bramsche hat durch ihren Standort in einem alten Schweinestall und durch das noch im Improvisationsstadium befindliche eine oder andere Bauteil noch ein recht markantes Erscheinungsbild. Gleichwohl funktioniert das, was Haneklaus und seine Mitstreiter, unter anderem Andree Röper, hier in diesem Stall zusammengebastelt haben, reibungslos. Die Anlage ist aus dem reinen Experimentieralter herausgewachsen. Sie könnte jederzeit in Serie gehen. Der TÜV Nord ist herbeigerufen, um das Projekt abzunehmen und hat sich schon äußerst angetan gezeigt. Das nimmt kaum Wunder, denn Haneklaus hat in Bramsche verfeinert, was er in Saudi Arabien mit saudischen Partnern schon in der Großversion ans Laufen bekommen hat.

Genossenschaften als Betreiber

Allerdings hat der Mann, der in der Wüste schon eine Hühnerfarm gebaut, mit Mineralöl gehandelt und im fernen Texas Autoteile verkauft hat, seiner Idee der Pyrolyse ein wirtschaftliches Konzept verordnet, dass ganz bewusst an Großinvestoren vorbeisteuern will. „Ich möchte die Anlagen gerne in Form von Genossenschaften betreiben“, sagt Haneklaus, der bewusst den Plural wählt, weil seine Idee der Altreifenpyrolyse ein dezentrales Recycling vorsieht. Es mache keinen Sinn, die Reifen erst per LKW über weite Wege durch die Lande zu karren, so Haneklaus, der sich seine Pyrolyseanlagen sogar als mobile Einheiten im Format von jeweils drei Metern in Länge, Höhe und Breite vorstellen kann. Bis dahin ist es sicherlich noch ein weiter Weg, aber der scheint auch einer wachsenden Zahl von Mitstreitern durchaus gangbar. Einer von Ihnen ist Axel Gartmann. Der Geschäftsführer der Firma Elektro Gartmann, will sich in Planung und Bau der Anlagensteuerung einbringen. „Unser Betätigungsfeld reicht von der Steuerung über Fragen der Sicherheit bis hin zur Qualitätskontrolle“, sagt Gartmann, der über die Empfehlung eines fachkundigen Bekannten zu Haneklaus gestoßen ist.

Stiftung gegründet

Der hat, um sein Ziel voranzutreiben, die Stiftung Human Visions mit Sitz in Osnabrück gegründet. Die Stiftung entwickelt und unterstützt gemeinnützige Projekte in den Bereichen Menschenrechte, soziale und ökologische Gemeinschaften, Natur- u. Umweltschutz sowie dem Tierschutz. Die Stiftung hat die Altreifenpyrolyse zur Marktreife entwickelt. Jetzt will Haneklaus via Stiftung Lizenzen für das Verfahren für kleines Geld an Interessenten verkaufen. Nach Genossenschaften steht Haneklaus der Sinn, weil die Rendite aus dem Recycling so möglichst vielen Menschen zugute kommen kann. Der Ehrgeiz, persönlich viel Geld mit seinem Verfahren zu verdienen treibt ihn nicht an. Der 75-Jährige will Ressourcen schonen, das liegt ihm am Herzen.

Komplettverwertung

Seine Altreifenpyrolyse verwertet die Pneus komplett. Am Ende des Prozesses bleiben nur wiedereinsetzbare Rohstoffe übrig: 35 Prozent Carbon Black, 45 Prozent Pyrolyseöl, 10 Prozent Stahl (Drähte, etc.) und 10 Prozent sind Pyrolyse-Gas, das zur Wärmeerzeugung für den Pyrolyse-Prozess und zur Trocknung des Perlruss verwendet wird. Das Carbon Black kann in der Gummi- und Reifenindustrie zur Herstellung neuer Reifen verwendet werden. „Bisher existieren keine oder kaum Pyrolyse-Anlagen, die einen qualitativ hochwertigen Ruß zurückgewinnen und liefern können, der von Reifenherstellern akzeptiert wird“, sagt Haneklaus. Sein Carbon Black aber habe die notwendige Qualität. Nach seinen Berechnungen ergeben sich aus dem Einsatz von 6000 Tonnen Altreifen jährlich 2100 Tonnen Carbon Black, 2700 Tonnen Öl und 600 Tonnen Stahl – alle Stoffe in keine weitere Aufarbeitung erfordender Qualität. Den Wert dieser drei Pyrolyse-Endprodukte taxiert Haneklaus auf etwa 1,9 Millionen Euro. Den Preis für eine 6000-Tonnen-Anlage kalkuliert der rüstige Rentner auf 1,5 bis 2 Millionen Euro, die jährlichen Betriebskosten auf 650.000 Euro. Geht die Rechnung auf, hätte sich eine Anlage innerhalb kürzester Zeit amortisiert.

Stattliche Rendite

„Als Gesellschaftsform käme eine Genossenschaft in Betracht. Denn bei dieser Gesellschaftsform kann ein starkes und gutes Gemeinschaftswohl praktiziert werden. Dies auch, um einen möglichst breiten Interessentenkreis anzusprechen. Es wäre ein erstes Modell für Klein-Investoren mit ausgeprägten Umweltgedanken. Die Psyche vieler Menschen identifiziert sich mit dem Bewusstsein, wo und wie die Altreifen optimal verwertet werden und jedes Mitglied erhält auch eine stattliche Rendite von mindestens sechs Prozent. Ferner sollten interessante Sonder-Ausschüttungen möglich sein“, blickt Haneklaus in eine glänzende Altreifenpyrolysezukunft, die er gerne auch weiteren Interessenten vermitteln will. Die können sich unter hh@actana.de mit Haneklaus in Verbindung setzen.