Ein Artikel der Redaktion

Prof. Rainer Eisfeld Osnabrücker entlarvt Politikwissenschafts-Pionier als Nazi

Von Mareike Katerkamp | 08.12.2015, 09:06 Uhr

 Theodor Eschenburg gilt als Mitbegründer der deutschen Politikwissenschaft, doch über sein Verhalten im Dritten Reich wird heftig gestritten. Auslöser waren Recherchen des emeritierten Osnabrücker Professors Rainer Eisfeld. Sie zeigen, dass Eschenburg an „Arisierungen“ jüdischer Firmen beteiligt war. Mit seinem neuen Buch will Eisfeld jetzt einen Schlussstrich unter diese Debatte ziehen.

In Rainer Eisfelds Band „Mitgemacht. Theodor Eschenburgs Beteiligung an ‚Arisierungen‘ im Nationalsozialismus“ kommen Kritiker wie Verteidiger Eschenburgs zu Wort. Gemeinsam mit Historikern und Politologen zeichnet der Osnabrücker die öffentliche Auseinandersetzung rund um Eschenburg detailliert nach, liefert einschlägige Aktenfunde und ordnet die Kontroverse in einen breiten Kontext ein.

Hohe Wellen

Der 1999 verstorbene Eschenburg lehrte an der Universität Tübingen Politikwissenschaft, war Mitherausgeber der „Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte“ und über Jahrzehnte Autor der „Zeit“. Als der Osnabrücker Eisfeld 2011 aufdeckte, dass Eschenburg in der NS-Zeit als Wirtschaftsfunktionär an mindestens einem Arisierungsverfahren beteiligt war, ahnte er nicht, welche hohen Wellen er damit schlagen würde.

„Die Geschichte der Politikwissenschaft lag mir schon länger am Herzen. Die Beschäftigung mit Theodor Eschenburg war eigentlich nur eine Ergänzung, um nach möglichen personellen Kontinuitäten auch über 1945 hinweg zu fragen“, berichtet Eisfeld. Erst 2013 erschien eine Neuauflage seines Werks über die deutsche Politikwissenschaft in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus.

Preis abgeschafft

1974 kam Rainer Eisfeld als Professor für Politikwissenschaft an die Universität Osnabrück. Bis heute forscht der 74-Jährige in seinem Büro an der Kolpingstraße. Mit Eisfelds Enthüllungen über Eschenburgs Vergangenheit entbrannte nicht nur eine Diskussion um den Gründervater der Politikwissenschaft selbst. Auch der nach Eschenburg benannte Lebenswerk-Preis der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) geriet ins Kreuzfeuer der Kritik.

Nach heftigen Debatten beschloss die DVPW im Oktober 2013, den Preis nicht nur umzubenennen, sondern ganz abzuschaffen. Nicht ohne Kritik aus den eigenen Reihen: In einem offenen Brief forderten zuvor mehr als 100 Politologen und Historiker, an dem Preis mitsamt seinem Namen festzuhalten.

Mehr als ein Mitläufer

Parallel zu den Debatten forschte der Osnabrücker Professor weiter – und stieß in Wien auf Akten, die belegten, dass Eschenburg auch an der „Arisierung“ von zwei Betrieben in Wien beteiligt war. Daneben brachte die Zeithistorikerin Anne Rohstock weitere Details ans Licht. Eisfeld erklärt: „Es ging um einen deutsch-jüdischen Unternehmer, der bereits 1938 in Deutschland enteignet wurde und sich im Exil in Kopenhagen ein neues Leben aufgebaut hatte.“

Eschenburg drängte die Reichsstelle für Außenhandel in zwei Schreiben, zu überprüfen, ob diese Kopenhagener Firma auch tatsächlich „arisch“ sei. Andernfalls habe Eschenburg die Firma von der Rohstoffbelieferung abschneiden wollen. Damit, so Eisfeld, sei Eschenburg mehr als nur ein Mitläufer. „Das ist Mittätertum“, urteilt der Politikwissenschaftler. „Eschenburg war ein beflissener Funktionär, der im Sinne des Regimes arbeitete und offenkundig um Effizienz bemüht war. Ein solches Handeln kann man nicht anders als moralisch korrupt bezeichnen.“

Emotionale Debatte

Sein neues Buch ist für Rainer Eisfeld nun der Abschluss der Debatte. „Darin habe ich eine Einordnung Eschenburgs vorgenommen, und dabei möchte ich es bewenden lassen. Die Debatte war ja auch emotional nicht ganz einfach“, sagt der Osnabrücker. Stattdessen will der emeritierte Professor nun „erst einmal durchatmen“, bevor er sich einem neuen Projekt widmet.

 In welche Richtung es dabei gehen soll, weiß der 74-Jährige noch nicht. „Manchmal stößt man ja ganz unvorhergesehen auf irgendetwas“, sagt Eisfeld. Wie vor einigen Jahren im Fall Eschenburg. (Weiterlesen: Rainer Eisfeld schreibt über Rakentepionier Wernher von Braun und die Geburt der Raumfahrt) 

 Nachtrag: 

 Prof. Rainer Eisfeld legt Wert auf die Feststellung, dass er weder in seinem Buch „Mitgemacht“ noch im Gespräch mit unserer Redaktion Theodor Eschenburg als Nazi bezeichnet und folglich auch nicht als solchen entlarvt hat, wie es die zugespitzte Überschrift unseres Berichts behauptet. „Die Verhältnisse lagen komplizierter“, teilte Eisfeld unserer Redaktion nach der Veröffentlichung des Artikels am Dienstag, 8. Dezember, mit. Und präzisiert: „Wie viele Angehörige beruflicher Eliten war Eschenburg ein konservativer Kollaborateur, der effizient im Dienste des Regimes funktionierte. Der NSDAP gehörte er nicht an. In der SS wurde er seit dem 30.6.1933 als Anwärter geführt, am 6.3.1934 in den SS-Motorsturm 3/III/3 aufgenommen (SS-Nr. 156 004), im Spätherbst 1934 schied er – soweit feststellbar – wieder aus.“