Ein Artikel der Redaktion

Präsident Wolfgang Lücke Universität Osnabrück ist ein Durchlauferhitzer

Von Sebastian Stricker | 18.02.2015, 08:02 Uhr

2014 war ein bewegtes Jahr für Universitätspräsident Prof. Dr. Wolfgang Lücke – beruflich wie privat. Auch 2015 beschäftigen ihn wichtige, teils wegweisende Themen. Mit unserer Redaktion hat er sie durchbuchstabiert.

Agrartechnik

Mein Fach! Wird in Zukunft hier in Osnabrück noch eine Rolle spielen.

Berufung

Das höchste Recht, das man als Universität haben kann. Davon lebt eine Universität: möglichst exzellente Professoren zu berufen und zu halten. Bei den finanziellen Möglichkeiten, die gerade hier in Osnabrück bestehen oder auch nicht bestehen, ist das sicherlich eine große Herausforderung. 

Für mich persönlich ist das Präsidentenamt eine echte Berufung. Durch meine Erkrankung gab es im letzten Jahr eine kleine Notbremsung, aber nun starte ich mit Motivation und Elan in das neue Jahr.

Coppenbrügge

 Dort im Weserbergland bin ich aufgewachsen – auf einem Bauernhof mit allem, was dazugehört: Kühe, Schweine, Hühner, Pferde. Meine Eltern leben noch dort, aber der landwirtschaftliche Betrieb ist verpachtet. Ich freue mich immer noch, wenn es mir gelingt, dann und wann mal dorthin zu kommen.

Drittmittel

Machen mit etwa 20 Prozent einen nicht unerheblichen Teil des Jahresetats aus: Vor 2014 waren es im Schnitt ungefähr 16 bis 18 Millionen Euro. Über Drittmittel erarbeiten wir Freiräume für Wissenschaft, die uns sichtbar macht. Ohne Drittmittel wäre Forschung nicht vorstellbar. Unsere Grundfinanzierung ist ja im Wesentlichen auf die Lehre abgestellt.

Man sollte das allerdings nicht gegeneinander ausspielen: Forschung und Lehre gehören unmittelbar zusammen. Vielleicht ist das sogar etwas, was wir im deutschen Wissenschaftssystem wieder mehr erkennen müssten. Es mutet doch seltsam an, wenn dieser Humboldtsche Grundgedanke in Großbritannien oder den USA besser verstanden und umgesetzt wird als bei uns. Die Lehre muss einfach mehr Reputation bekommen. Man muss sich über gute Lehre auszeichnen können. Das muss sich auch im Finanzierungssystem niederschlagen.

Exzellenzinitiative

In den ersten Runden ist die Universität Osnabrück nicht zum Zuge gekommen. Wir wissen aber, dass es 2016 eine Nachfolge gibt – wahrscheinlich mit einer Veränderung, die uns hier am Standort große Möglichkeiten verschaffen würde: nämlich eine Antragsstellung zusammen mit der Hochschule Osnabrück.

Präsident Prof. Dr. Andreas Bertram und ich sehen beispielsweise gute Chancen, auf dem Westerberg unter anderem ein Zukunftslabor für innovative Agrartechnik einzurichten. Ein „Agricultural Robotics Laboratory“ als Ableger des Deutschen Forschungszentrums für künstliche Intelligenz, mit Arbeitsplätzen für 40 Wissenschaftler, überwiegend Robotik-Spezialisten.

Hier in Osnabrück steckt gerade in den Bereichen Agrar/Umwelt und Gesundheit das Potenzial für hohe nationale und internationale Leuchtkraft. Ich glaube sogar, es gibt gar keinen anderen Standort in Deutschland, der auf mittlere Sicht bessere Chancen hätte.

Familie

Hat für mich 2014 eine ungeahnte Bedeutung bekommen, weil ich die Zeit besonders ohne meine Frau und meine Tochter nicht so hätte durchstehen können. Es war eine gute Erfahrung, dass uns meine Erkrankung nicht auseinandergetrieben, sondern eher noch zusammengeschweißt hat. Das war der Anker, der einfach nötig ist, um mit einer solchen Situation überhaupt fertig werden zu können.

Aber es ist nicht nur die Familie gewesen. Sehr viele Freunde und Bekannte haben hinter mir gestanden. Es war gut, dass ich mich früh geoutet habe. Ich habe viel kollegiale Unterstützung erfahren. Inzwischen geht es mir sehr gut, und ich blicke zuversichtlich in die Zukunft.

Georg-August-Universität

Das ist die Universität, die mich geprägt hat. Dort habe ich viel von dem gelernt, was mir gerade im Präsidium hier guttut. Ich nehme sie immer noch anders wahr als andere Universitäten. Ich sehe aber auch, wie gut es Göttingen geht im Vergleich zu Osnabrück, was die finanzielle Ausstattung angeht. Das ist schon ein Unterschied. Man muss hier mit den Ressourcen sehr viel effizienter umgehen.

Humboldt-Professur

Ich finde es immer noch unglaublich, dass es uns gelungen ist, eine einzuwerben. Normalerweise gehen Humboldt-Professuren ja an große Universitäten. Jetzt haben wir von der Alexander-von-Humboldt-Stiftung 3,5 Millionen Euro dafür bekommen, dass mit Prof. Dr. Stefanie Engel eine Spitzenforscherin mindestens fünf Jahre lang an unserem Institut für Umweltsystemforschung arbeiten kann. Das ist eine Auszeichnung für den Hochschulstandort Osnabrück. Und eine große Herausforderung für uns, Frau Engel eine langfristige Perspektive zu bieten.

Immatrikulationen

Sind angestiegen. Wir haben ja fast 13.000 Studierende an der Universität. Zusammen mit der Hochschule sind es fast 25.000 in Osnabrück. Wenn Sie dann noch mal überlegen, wie viel Personal daran hängt, muss eigentlich jedem klar sein, wie groß die Bedeutung der beiden Hochschulen für das Wirtschaftsleben in der Stadt ist. Mal ganz abgesehen von den kulturellen und sonstigen Einflüssen, die ja von solchen Einrichtungen auch immer ausgehen.

Jura

Ist ein Fachbereich, der uns viele Studierende nach Osnabrück bringt, weil er hier einen sehr guten Ruf genießt, der mit seiner europäischen Komponente sehr zukunftsträchtig aufgestellt ist. Ich würde mir wünschen, dass da der Fuß nicht vom Gas genommen wird.

Klarinette

Liegt zu Hause im Schrank, genau wie mein Tenorsaxofon, und wird zu wenig gespielt. Es fehlt mir leider die Zeit dazu.

Lehramt

Für Osnabrück natürlich ein ganz wichtiger Bereich, denn wir haben viele Lehramt-Studierende. Nachdem jetzt die Rechtsprechung ganz klar gesagt hat, dass die Zugangshürde zum Masterstudium über die Note nicht zu halten ist, müssen wir uns auf Veränderungen einstellen.

Mensaessen

Wenn es irgendwie geht, gehe ich regelmäßig in die Mensa. Die Schlossmensa liegt dicht vor der Tür. Es ist für mich auch immer eine Gelegenheit, mit den Studis zu sprechen. Ich setze mich dann schon mal an den Tisch und frage, wie es so geht und was denn so das Studentenherz bedrückt.

Neugier

Ist die natürliche Triebfeder eines Wissenschaftlers. Neugier muss einfach sein. Ich bin ja durch meinen Beruf viel in der Welt herumgekommen. Und die Chance, andere Länder eben nicht aus dem Touristenbus kennenzulernen, sondern dadurch, dass man mit den Einheimischen zusammen forscht, hat mein Weltbild geprägt. Dadurch lernt man andere Denkweisen und Strukturen kennen, wird toleranter, offener. Da nimmt man immer was mit, was man gut gebrauchen kann.

Osnabrück

Bevor ich mich beruflich hier niederließ, bin ich nur einige Male in Osnabrück gewesen, weil meine Schwägerin hier ihr Referendariat als Lehrerin verbracht hat. Da haben wir sie ein paar Mal besucht, und da bin ich spazieren gegangen, im Botanischen Garten gewesen und in der Innenstadt. Ich habe hier auch mal ein paar Feten gefeiert, aber sonst kannte ich Osnabrück nicht. Inzwischen lerne ich es kennen und schätzen.

Die Stadt hat ihre Besonderheiten. Sie ist größer, als die Einwohnerzahl es vermuten lässt. Die Geschäfte, die Struktur in der Innenstadt: Das ist schon beeindruckend. Ich finde es auch landschaftlich hier sehr schön. Wirklich ein nettes Eckchen. Liebenswert!

Professorenbesoldung

Schwieriges Thema schon im nationalen Vergleich, weil wir in Niedersachsen noch sehr viele W2-Professuren haben [monatliches Grundgehalt 5238,48 Euro brutto; Anm. d. Red.]. Im Süden der Republik gibt es so etwas praktisch gar nicht mehr. Die werden alle nach W3 [5698,74 Euro in Niedersachsen, 6452,90 Euro etwa in Baden-Württemberg; Anm. d. Red.] besoldet, was unsere Konkurrenzfähigkeit manchmal sehr einschränkt.

 Aktuelle W-Besoldungstabellen herunterladen (PDF) 

International gesehen glaube ich, dass Deutschland sich da Gedanken machen muss. Es ist ja auch sehr unredlich: Sich auf der einen Seite in Augenhöhe mit den großen Forschungsnationen auf der Welt zu wähnen, aber im Ringen um die besten Köpfe nicht die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Mein letzter Doktorand ist auch weg in die USA, weil die Chancen da einfach besser sind.

Ich will damit nicht sagen, dass Professoren bei uns grundsätzlich schlecht besoldet seien – das ist überhaupt nicht der Fall. Aber das Problem ist, dass Osnabrück unter diesen Umständen ein Durchlauferhitzer bleibt, wo viele Rising Stars auf ihrem wissenschaftlichen Karriereweg einen Zwischenstopp einlegen und dann abgeworben werden.

Qualitätsmanagement

Bauen wir in Studium und Lehre auf, parallel auch in der Forschung, indem wir viele Daten erheben. Das ist natürlich unabdingbar, denn die finanzielle Ausstattung der Universität Osnabrück erfolgt ebenfalls nach messbaren Kriterien: Drittmittelaufkommen, Studierendenzahlen, Zahl der Absolventen und Promovierenden… Da muss man Fehlentwicklungen feststellen können.

Reisen

Gemessen an dem, was ich früher gereist bin, reise ich jetzt eigentlich nur noch zwischen Osnabrück und Göttingen hin und her. Dabei habe ich immer gern in den Tropen gelebt – wo man ordentlich schwitzen muss, habe ich mich immer am wohlsten gefühlt. Deswegen war ich so gerne in Brasilien, Indonesien, Thailand.

Studiengebühren

Sie sind weg, und deswegen müssen wir nicht mehr darüber reden. Was ich an ihnen geschätzt habe, ist der Zwang, mit den Studierenden über die Verwendung von Geld in der Hochschule reden zu müssen. Dieser direkte Kontakt zu den Studierenden mit ihren Wünschen und Sorgen ist für mich eine Triebfeder im Unialltag!

Tagebuch

Ich bin froh, wenn ich meinen Kalender in Ordnung halten kann. Tagebuch führe ich nicht. Ich lebe im Augenblick noch von meinem Kurzzeitgedächtnis, merke allerdings, dass es durchaus schlechter wird. Vielleicht wäre es manchmal ganz gut, wenn ich was aufschreiben würde.

Unterschied zur Hochschule

In Osnabrück liefern wir ein wunderbares Beispiel, wenn ich sehe, wie Universität und Hochschule zusammenarbeiten. Dann sieht man, wie sich diese Welten durchmischen. Wenn man das richtig entwickelt, Berührungsängste aufgibt, Stichwort: gemeinsame Promotion, liegt darin eine Stärke des Standorts – und niemals eine Schwäche.

Verwaltung

Das vermeintlich ungeliebte Kind. Aber schauen Sie sich mal Länder an, die keine funktionierende Verwaltung haben, da funktioniert auch die Wirtschaft nicht. Das ist inzwischen nachgewiesen.

Die Verwaltung einer Universität macht ihren Job dann gut, wenn die Wissenschaftler relativ befreit forschen und lehren können. Das muss das Ziel sein, und das ist auch etwas, was mit Qualität zu tun hat; die Universität Osnabrück ist hier gut aufgestellt.

Wohnungsknappheit

 Das Studentenwerk baut im Augenblick wieder Wohnungen. Gott sei Dank ist es dazu in der Lage. Ich glaube aber, dass das Problem in Osnabrück noch nicht so groß ist wie an anderen Standorten. Und wenn ich mit den Studierenden spreche, ist es nicht das vorrangige Thema. Aber es ist natürlich wünschenswert, dass unsere Studierenden zu angemessenen Preisen leben können, und das bedeutet für mich auch universitätsnah.

X-Chromosomen

Wir haben mehr Studentinnen als Studenten. Bei den Lehrenden ist es umgekehrt: Da gibt es bei uns mehr Männer als Frauen. Und je höher es geht auf der Karriereleiter, desto mehr haben wir Professoren anstatt Professorinnen. Wir müssen alles tun, um hier voranzukommen. Mit 28 Prozent Professorinnen sind wir bundesweit schon sehr gut aufgestellt. Dennoch muss ich auch selbstkritisch sagen: An manchen Stellen unserer Universität fehlt das Bewusstsein für Notwendigkeiten wie eine Gleichstellungsbeauftragte in den Fachbereichen oder gendergerechte Schreibweise. 

Yeah!

Ob Schlossgartenfestival oder Asta-Fest im Innenhof: Es ist immer gut, wenn hier etwas los ist.

Zweitausendfünfzehn

Wir haben uns viel vorgenommen: Mit einem neuen Lern- und Studienzentrum in der Innenstadt möchten wir für die Studierenden ein zeitgemäßes Angebot schaffen, das die Attraktivität unserer Universität deutlich erhöht. Noch im Frühjahr sollen die konkreten Planungen zusammen mit den Studierenden beginnen. Weiterhin wollen wir gemeinsam mit der Hochschule einen Gesundheitscampus einrichten, um Impulse für eine patienten- und nutzerorientierte Gesundheitsversorgung von morgen zu geben. Dazu gehört auch das neue „Living Lab“, aber noch einiges mehr.

Schließlich geht es um die längerfristigen Perspektiven der Universität. Um sie für die Zukunft fit zu machen, arbeiten wir gerade an einer „Strategie 2020“.