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Physikerin Inge Schmitz-Feuerhake verbrachte ihre frühen Kindheitsjahre in Osnabrück Sie legte sich mit der Atomlobby an

Von Anne Reinert | 07.09.2011, 15:36 Uhr

In den 80er-Jahren wurde Inge Schmitz-Feuerhake mit ihren Untersuchungen zur erhöhten Leukämierate unter Kindern in der Elbmarsch berühmt. Ihr stabiles Selbstbewusstsein, sagt die geborene Osnabrückerin, verdanke sie ihrer glücklichen Kindheit.

An ihre Erlebnisse in Osnabrück kann Inge Schmitz-Feuerhake sich kaum noch erinnern. Sie war erst fünf Jahre alt, als ihre Eltern mit ihr die Stadt verließen. Doch geht es nach der Freud’schen Psychologie, sind vor allem die frühen Kindheitsjahre für einen Menschen prägend. Insofern dürften die Osnabrücker Jahre nicht spurlos an der Physikerin vorbeigegangen sein.

Inge Schmitz-Feuerhake selbst sieht durchaus eine Grundlage für ihr späteres Leben. „Eine glückliche Kindheit ist immer eine Voraussetzung für ein stabiles Selbstbewusstsein“, sagt sie. Und die hatte sie. Denn ihre Eltern hatten nach ihrer frühen Heirat lange auf ein Kind warten müssen. Mit der kleinen Inge ging der Wunsch in Erfüllung.

Dabei waren es nicht gerade schöne Zeiten, in denen die spätere Physikerin und Mathematikerin 1935 geboren wurde. 1940 wurde ihr Vater, ein Beamter, nach Polen versetzt. Von dort musste die Familie 1944 flüchten. In den 50ern studierte Inge Schmitz-Feuerhake Physik und Mathematik auf Lehramt – „weniger aus Leidenschaft als vielmehr aus dem Bedürfnis, das zu machen, was mich selbstbestimmt leben lassen konnte“. Sie sei eben eine „frühe Feministin“ gewesen, die nicht abhängig von einem Mann sein wollte. In den sehr konservativen 50ern durchaus eine Besonderheit.

Ihre Fächerwahl wurde auch durch ihren Vater geprägt, einen „leidenschaftlichen Ingenieur“. In gewisser Weise, gibt Inge Schmitz-Feuerhake heute zu, sei das damals auch eine „Flucht ins Objektive“ gewesen. Denn sie beschäftigte sich zu der Zeit kritisch mit der Judenverfolgung der Nazis und wollte durch die Objektivität der Physik deren irrationaler Logik trotzen – auch wenn ihr heute klar sei, dass die Naturwissenschaften in der NS-Zeit nicht „unbefleckt“ blieben. Nach ihrem Examen bekam die junge Frau die Möglichkeit zu promovieren. Für Inge Schmitz-Feuerhake, die immer Wissenschaftlerin werden wollte, ein Traum. Sie war eine der ersten Frauen in Deutschland, die in Physik einen Doktor machten. Dass das nicht selbstverständlich war, bekam sie zu spüren, als sie sich an einer Universität auf eine Stelle bewarb und die Antwort bekam, es sei eine „Frechheit“, dass sie sich als Frau bewerbe. Anfang der 70er-Jahre wurde Inge Schmitz-Feuerhake Professorin an der gerade neu gegründeten Universität Bremen. Damit war sie die erste Frau in Deutschland mit einer Dozentur in Physik.

Dass Radioaktivität schuld an der erhöhten Leukämierate in der Nähe des AKW Krümmel sein sollte, das passte vielen nicht. Inge Schmitz-Feuerhake wurde vorgeworfen, sie forsche einseitig. „Dabei gab es Messungen, die das glaubhaft machten“, so die Forscherin. Außerdem, betont sie, sei Leukämie „eine typische Strahlenkrankheit“. Schmitz-Feuerhakes Untersuchungen belegten, dass es Mitte der 80er-Jahre in der dem AKW Krümmel benachbarten Kernforschungsanlage Geesthacht einen Unfall gegeben haben muss. Doch ihre These wurde als „absurd“ abgetan. Ihre Messprotokolle waren zudem auf einmal verschwunden.

Ein stabiles Selbstbewusstsein hat die 75-Jährige in ihrer beruflichen Laufbahn also gebraucht. „Ich bin mit so viel Dreck beworfen worden, auch in der Ausdrucksweise“, sagt sie.

Ist da nicht der geplante Ausstieg aus der Atomkraft ein Triumph für sie? Etwas zufrieden mache sie das schon, sagt sie. Doch „ausreichend“ sei das noch nicht. Der Ausstieg, so Inge Schmitz-Feuerhake, müsse sofort geschehen. Und auch das Problem des Atomabfalls müsse noch gelöst werden.