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Osnabrücker Rechtsanwalt Matthias Böse im Interview Bonuspunkte: Wer genau hinsieht, kann tatsächlich sparen

Von Ulrike Schmidt | 15.07.2014, 20:04 Uhr

Früher gab es den Sommer- und den Winterschlussverkauf. Heute wimmelt es nur so vor Rabattaktionen und PaybackKarten. Der Osnabrücker Rechtsanwalt Matthias Böse, der sich auf Vertriebs- und Verbraucherschutzrecht spezialisiert, promoviert gerade zum Thema Punkte und Meilen in der Rechtsprechung. Wir sprachen mit ihm darüber, ob und wann es sich lohnt, Punkte und Meilen zu sammeln.

Herr Böse, Sie sind Rechtsanwalt und promovieren zum Thema Punkte und Meilen. Was ist so interessant daran?

Das ist einerseits ein Thema, von dem viele Verbraucher privat betroffen sind. Andererseits ist es in den letzten Jahren erst so richtig in Fahrt gekommen, und es ändert sich ständig etwas. Da liegt die Frage auf der Hand: Wie passt das, was da geschieht, in unser Recht, das die Verbraucher schützen soll? Es gibt noch keine klare Rechtsprechung, wie ein Fall mit von Lufthansa „entwerteten“ Meilen zeigt: Erst gab das Landgericht dem klagenden Kunden recht, dann das Oberlandesgericht der Luftfahrtgesellschaft. Es geht also um ein spannendes juristisches Thema. Ich komme in meiner Dissertation übrigens zu dem Ergebnis, dass bereits gesammelte Meilen nicht einfach herabgestuft werden dürfen.

Sie sammeln selbst Punkte und Meilen?

Ja, wenn es um Punkte und Meilen geht, bin ich dabei. Ich krame aber nicht für drei Punkte in der Apotheke meine Payback-Karte hervor. Mit so einer Karte kann man aber zum Beispiel sehr attraktive Strom- oder Versicherungsverträge abschließen.

Für wie viel Geld muss man einkaufen, um zum Beispiel eine Kamera im Wert von 50 Euro zu bekommen?

Bei schlechten Programmen für 5000 Euro. Das bedeutet einen rechnerischen Nachlass von einem Prozent. Das lohnt sich nicht, wenn man dabei bedenkt, welche Flut von Informationen der Programmbetreiber über mich kommt. Hinzu kommt, dass Sachprämien oft zu nicht marktüblichen Preisen beworben werden. So liegt teils die Zuzahlung zu Prämien höher als der Preis beim Fachhändler oder im Internet.

Und wo lohnt es sich?

Die Musik spielt bei Hotels und Flügen. Man kann zum Beispiel bei preiswerten Hotelübernachtungen Punkte sammeln und hat sehr schnell genug Punkte für eine Übernachtung an teuren Destinationen, zum Beispiel einem schicken Hotel am Times Square in New York, zusammen. Wer Meilen sammelt, sollte sich genau über die Angebote der Programmbetreiber informieren.

Gibt es auch typische Fehler bei der Punktejagd?

Viele Programme sehen Prämien vor, bei denen das Verhältnis von Preis und Leistung nicht stimmt. So kann ich zum Beispiel bei der Lufthansa für 70000 Meilen einen Business-Class-Flug nach Peking im Wert von bis zu 5000 Euro buchen. Für den gleichen Meilenbetrag erhalte ich aber auch einen Gartengrill als Prämie, der im Handel rund 280 Euro kostet. Die Grundregel lautet: Eigene Prämien des Programmbetreibers sind sehr viel mehr wert als die sonstigen Prämien.

Da hat jemand mühsam Punkte für eine bestimmte Prämie gesammelt, und dann verfallen sie. Muss der Kunde das hinnehmen?

Grundsätzlich ja. Zumindest nach Ablauf der regelmäßigen Verjährung, also nach rund drei Jahren, dürfen Meilen verfallen. Ob darüber eine Verjährung auch nach kürzeren Zeiträumen infrage kommt, wie es zum Beispiel bei vergünstigten Hotelgutscheinen diskutiert wird, ist in der Rechtsprechung noch nicht geklärt. Einerseits könnte man Meilen aus Verbrauchersicht als „Geschenk“ betrachten, bei dem der Verbraucher weniger schutzbedürftig ist als beispielsweise bei einem an der Kasse erworbenen Einkaufsgutschein im Warenhaus. Andererseits unternehmen viele Meilenjäger besondere Anstrengungen, auch finanzieller Art, um mehr Meilen zu sammeln. Ich halte daher starke Einschränkungen unterhalb der Drei-Jahres-Frist für rechtlich zweifelhaft.

Lohnt es sich überhaupt, für kleine Nachlässe so viele Daten und sein Kaufverhalten preiszugeben?

Da hat jeder sein eigenes Empfinden, wie sehr er Dritte in sein Konsumverhalten einweihen möchte. Ich selbst beantworte diese Frage mit Nein, denn das umfangreiche Bild, das der Veranstalter des Bonuspunkteprogramms bekommt, ist deutlich mehr wert als nur ein Prozent Nachlass. Bereits jetzt gibt es Mechanismen, aufgrund des bisherigen Konsumverhaltens Angebote anzupassen. Ein Beispiel hierfür ist es, Preise für bestimmte Kunden, die eine Ware oder Dienstleistung ohnehin kaufen oder weniger preissensibel sind, zu einem höheren Preis anzubieten.

Warum unternehmen Kunden solche Anstrengungen, anstatt einfach zu versuchen, die unverbindliche Preisempfehlung herunterzuhandeln?

Na, das tun wir doch alle schon, wenn wir ein neues Auto oder ein neues Sofa kaufen. Aber die Bonuspunkte gibt es für Waren und Dienstleistungen, die in der Regel nicht verhandelbar sind, wie zum Beispiel Lebensmittel oder Flüge.

Geben Sie unseren Lesern bitte einen Tipp: Wo lohnt es sich, Punkte und Meilen zu sammeln?

Im Internet gibt es viele Informationsseiten, die sich damit beschäftigen und auf denen regelmäßig neue Tipps veröffentlicht werden, wie sich die Punkteausbeute in einem Kundenbindungsprogramm optimieren lässt. So hat sich dort der Begriff des sogenannten Altpapierfliegers etabliert: Diese Personen abonnieren Zeitungen und Zeitschriften nur zu dem Zweck, Meilen zu erhalten. Durch auf diese Weise generierte Meilen gelangen diese Verbraucher recht preiswert an lukrative Prämien.