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Osnabrücker Psychologin im Interview Therapie-Wahn: Sind unsere Kinder noch normal?

Von Cornelia Achenbach | 22.02.2016, 10:25 Uhr

Logopädie, Ergo-, Physio- oder Psychotherapie: Immer mehr Kindern werden Therapien verschrieben, um mögliche Defizite auszugleichen. Dabei können diese Behandlungen kleine Kinder zusätzlich verunsichern, sagt die Osnabrücker Entwicklungspsychologin Heidi Keller im Interview.

 Frau Keller, wenn Eltern mit ihren noch nicht mal fünf Jahre alten Kindern zum Psychiater oder Psychologen gehen – ist das dann ein Zeichen dafür, dass wir besonders auf unsere Kinder achten? Oder sind wir alle hysterisch? 

Nicht wir alle – wir sprechen hier von der Mittel- und Oberschicht, die einer Flut von Informationen ausgesetzt ist, die sich teils auch widersprechen und eine riesige Unsicherheit erzeugen. Die Frauen werden bei der Geburt des ersten Kindes immer älter, haben bis dahin ein ganz anderes Leben gelebt – Freiheit, Selbstbestimmung, Karriere, Reisen. Ein Kind ist da schwierig in die Lebensplanung zu integrieren. Nichts ist mehr wie zuvor, und ein Zurück gibt es nicht. Oft ist das erste Baby, das jemand aus dieser sozialen Schicht auf dem Arm hat, das eigene Kind. Da gibt es überhaupt keine Erfahrungen. Und was macht eine gebildete Frau? Sie liest alles, was ihr in die Finger fällt. Eine vertikale Informationsweitergabe wird kaum noch in Anspruch genommen – wer spricht schon noch mit der eigenen Mutter oder sogar Mutter des Partners über Erziehung?

 Im Internet gibt es ebenfalls viele Foren, auf denen Eltern diskutieren... 

Oh Gott, ja. Wenn ich im Internet über Themen lese, die mich interessieren, lande ich manchmal auch auf solchen Foren. Da kann es einen schon gruseln.

 Warum denn? 

Auf der einen Seite sollen da die Kinder im Mittelpunkt stehen, auf der anderen Seite können sich manche Frauen nicht davon lösen, selbst im Mittelpunkt zu stehen. So entsteht eine merkwürdige Mischung aus Selbstmitleid und der Schwierigkeit, sich auf die Rolle als Mutter einzulassen. Häufig kommen Partnerschaftskonflikte hinzu, weil man zwar schon über alles Mögliche mit dem Partner gesprochen hat, aber nicht über Erziehung. Aber natürlich gibt es auch viele junge Familien, wo alles wunderbar läuft!

 Durch Logopädie, Ergo- und Psychotherapie wollen Eltern Defizite wie zum Beispiel Sprachfehler oder Ängste ihrer Kinder beheben. Das ist doch eigentlich etwas Gutes? 

Ja, natürlich. Aber jede gute Absicht kann übertrieben werden. Natürlich ist es wichtig, sein Kind zu beobachten. Aber die Beobachtung des Kindes sollte nicht zum Lebensmittelpunkt werden, und das auch noch verbunden mit Angst und dem ständigen Vergleichen mit den Wonnebabys aus Elternzeitschriften. Sicher haben viele dieser Maßnahmen ihr Gutes. Ich habe kürzlich alte Filme aus den 50er-Jahren gesehen – und da ist mir aufgefallen, wie viele Menschen damals schlechte Zähne hatten. Da habe ich mir gedacht: Zahnspangen sind doch etwas Gutes.

 Wenn ein Kind mit drei, vier Jahren zum Therapeuten geht – versteht es, was es da tut? Dass seine Eltern womöglich denken, dass etwas mit ihm nicht stimmt? 

Kinder haben feine Sensoren und machen sich ihre eigenen Gedanken. Wir haben vor vielen Jahren eine Längsschnittuntersuchung über die ersten zehn Lebensjahre von Kindern gemacht und sind im ersten Lebensjahr neunmal in die Familien gegangen, dann bis zum sechsten Lebensjahr einmal pro Jahr und dann noch einmal mit neun. Diese „Kinder“ haben wir noch einmal besucht, als sie Anfang 30 waren, und sie unter anderem gefragt, wie sie diese Besuche damals empfunden haben. Ein junger Mann hat uns gesagt, dass er dachte, mit ihm stimme etwas nicht, weil jedes Jahr die Psychologen gekommen seien. Und das, obwohl wir den Kindern erklärt haben, was wir da machen.

 Ein unsicheres Kind kann also durch eine Therapie noch stärker verunsichert werden? 

Maßnahmen wirken nicht bei jedem Kind gleich – und unsichere Kinder haben andere Wahrnehmungen als sichere Kinder. Hinzu kommt, dass es bei uns in Deutschland nur wenige Therapeutinnen und Therapeuten gibt, die für die ersten Lebensjahre ausgebildet sind, da Therapie im klassischen Sinne ja doch sehr sprachlastig ist. Dabei zeigt die Babysprechstunde hier an der Universität Osnabrück, die aus der Entwicklungspsychologie entstanden ist und als Beratungsstelle für Eltern mit Kindern unter drei Jahren dient, dass der Bedarf gerade in den frühen Jahren sehr groß ist. Die Eltern kommen mit den üblichen Problemen in diesem Alter: Schreien, Schlaf- und Fütterstörungen , Trotzanfälle. Das sind Dinge, bei denen man ziemlich schnell helfen kann. Es ist also durchaus sinnvoll, sich Hilfe zu suchen, wenn man in eine Situation gerät, der man sich nicht gewachsen fühlt. Bei den ganz Kleinen kann man in wenigen Sitzungen viel bewirken. Aber ob man sich mit einem Vierjährigen hinsetzen und die Seele analysieren sollte...?

 Also wenn zur Therapie, dann lieber mit einem jüngeren Kind? 

Von meinem entwicklungspsychologischen Standpunkt aus würde ich das so sagen. Es fällt nichts vom Himmel! Ein Kind, das mit vier, fünf Jahren Probleme hat, das hatte schon vorher Probleme. Eine Therapie ist für die ganz kleinen Kinder auch einfacher, da sie als Babys ja noch kein Bewusstsein für die therapeutische Situation haben. Wir gehen auch davon aus, dass nicht ein Kind ein Problem hat – eine Familie hat ein Problem. Deshalb ist es wichtig, mit der ganzen Familie zu arbeiten.

 Ab wann sollte ein Kind in eine Therapie gehen? Ab wann ist es wirklich verhaltensauffällig? 

Das kann man so nicht sagen. Nehmen wir das Beispiel Sprache: Es gibt Kinder, die mit drei Jahren nicht sprechen. Da könnte man sagen: Das ist in hohem Maße verhaltensauffällig, das ist eine massive Sprachentwicklungsstörung. Aber ein bestimmter Prozentsatz dieser Kinder fängt mit dreieinhalb Jahren plötzlich an zu sprechen, man nennt sie die „late bloomer“. Es verhält sich nicht ein Kind wie das andere, alle Normtabellen geben nur Durchschnittswerte wieder. Daher ist es schwierig, eine wirkliche Störung zu diagnostizieren. Genauso ist es mit der motorischen Entwicklung – jedes Kind lernt anders laufen. Fest steht nur: Am Anfang liegen sie und irgendwann laufen sie.

 Ist Frühförderung denn ein rein westliches Phänomen oder gibt es das auch in anderen Kulturen? 

Frühförderung gibt es überall – sie bezieht sich nur auf unterschiedliche Bereiche und es gibt auch nicht überall eine solche institutionelle Angebotsstruktur wie in westlichen Ländern. In vielen afrikanischen Ländern ist es wichtig, dass Kinder früh laufen und ihrer Familie helfen können. Also wird da viel motorisch stimuliert, ohne ein Konzept von Frühförderung im Kopf zu haben. Bei uns wird der Kopf trainiert, weil man will, dass die Kinder sehr früh mental unabhängig sind. Dass sie mit vier Jahren noch mit Windeln oder Schnuller rumlaufen, stört hier eigentlich niemanden, aber die kamerunischen Bauern wären entsetzt über eine solche Demonstration elterlicher und familiärer Inkompetenz. Bei uns fängt es am ersten Lebenstag an, dass Mütter mit ihren Babys nur über deren Perspektiven sprechen. „Was hörst du, was siehst du? Ist dir langweilig?“ Wir sprechen über Befindlichkeiten und Bedürfnisse. Das würde eine kamerunische Mutter nie tun. Die spricht zwar auch mit ihrem Baby, sagt aber völlig andere Dinge.

  Welche denn? 

Sie sprechen über Verhalten, das Hier und Jetzt und geben durchaus kritische Rückmeldungen. „Mach das nicht, mach jenes nicht!“

 Das sage ich auch den ganzen Tag zu meiner zweijährigen Tochter... 

Ja, aber erst, nachdem man das Kind zwei Jahre lang gefragt hat, was es will. So kommt es dann zur Trotzphase, die es so in anderen Kulturen nicht gibt.

 Die Kinder in Afrika sind also mit zwei, drei Jahren ganz pflegeleicht? 

Ja klar. In dem Alter übernehmen sie schon Pflichten und passen zum Beispiel auf jüngere Geschwister auf. Sie haben gelernt, dass die Wahrnehmung von Verantwortlichkeiten das Selbstgefühl stärkt, während bei uns Kinder lernen, dass ihr Selbstgefühl gestärkt wird, wenn alles nach ihren Wünschen geht.

 Also werden unsere Kinder verwöhnt? 

So kann man es wohl auch nennen. Darf die Mama dir jetzt die Söckchen anziehen? Oder willst du noch ein wenig mit nackten Füßchen spielen? Und dann wundert man sich, wenn die Kinder mit zwei Jahren toben, weil Einschränkungen kommen, wenn sie motorisch so weit sind, dass sie sich Gefahren aussetzen können. Einem kleinen Kind dann ewig zu erklären, warum es das jetzt nicht darf und welche Gefahren lauern und wie die Konsequenzen aussehen, verfehlt auch häufig den Zweck. Der Ausdruck einer eindeutigen Haltung ist da effektiver. Man sollte sich keinesfalls auf einen Machtkampf mit dem Kind einlassen.

 In den 50er-Jahren gab es auch in Deutschland eine deutlich strengere Erziehung. Wurde damals dann auch weniger getrotzt? 

Das ist wahrscheinlich, aber das kann ich nicht genau sagen, da es dazu wenig Literatur gibt. Aber man könnte ja durchaus einmal Personen befragen, die in den 50er-Jahren in dem entsprechenden Alter waren, ob sie sich an Trotzanfälle erinnern.

 Klare Ansagen machen und mal laut werden, das befürworten Sie? 

Klare Ansagen ja, laut werden ist sicher nicht gut, da ist man ja selbst in einem Erregungszustand.

 Wir sprechen hier die ganze Zeit von der Mittel- und Oberschicht. Ist diesen Eltern vielleicht ein brüllendes und tobendes Kind besonders peinlich, weil es nicht in ihre heile Welt passt? 

Da bin ich mir nicht so sicher. Ich denke, brüllende und tobende Kinder stören viele Eltern, wenn auch vielleicht aus unterschiedlichen Gründen. Ein kamerunisches Bauernkind, das ein solches Verhalten zeigen würde (was allerdings nicht vorstellbar ist), würde seine Familie kompromittieren, was ein ziemliches soziales Vergehen darstellen würde – das ist die Kehrseite der sozialen Verantwortlichkeit: Schlechtes Benehmen blamiert die ganze Familie. Die deutsche Mittelschichtmutter dagegen stößt vielleicht auf Mitleid und Verständnis, weil es anderen Eltern ähnlich geht. Da kann man ja dann immer noch das Temperament vorschieben...

 Gilt hierzulande das Kind als Status-Symbol? 

In gewisser Weise ja. Man zeigt, dass man konsolidiert ist, dass man es zu etwas gebracht hat, dass man es sich jetzt leisten kann, ein Kind zu haben, dass es dem Kind an nichts fehlt. Das ist ja auch gut. Nur: Je mehr wir reflektieren, umso künstlicher, umso weniger intuitiv verhalten wir uns. Die Mütter, die sich die meisten Gedanken machen, haben leider später häufig Kinder mit den Problemen. Ich denke, dass es gut ist, sich eine gewisse Lockerheit zu erhalten. Dann macht man halt auch mal einen Fehler, damit kann ein Kind gut umgehen.

 Französische Eltern stehen auch in dem Ruf, ihren Kindern öfters mal eine Ohrfeige zu geben... 

Ja, richtig, in Frankreich sind die Eltern etwas anders drauf. Neben Autonomie legen sie auch Wert auf Respekt und Höflichkeit, was uns ziemlich abhandengekommen ist. Ein Kind, das jederzeit alles tun kann, wird dadurch eigentlich verunsichert und lebt in einer Scheinwelt, aus der es dann plötzlich erwacht, wenn es mit anderen Kindern zusammentrifft, die die gleichen Ansprüche haben. Im Übrigen haben Kinder, die eine – wie wir sagen würden – harsche bäuerliche Erziehung erfahren haben, die mal einen Klaps hinter die Ohren bekommen oder ausgeschimpft werden, erstaunlicherweise eine viel größere Selbstsicherheit und eine viel größere Handlungskompetenz als unsere Kinder im vergleichbaren Alter – ohne, dass sie jemals für irgendetwas besonders gelobt wurden. Da kann man sich schon fragen, ob unsere Erziehung immer so zielführend ist. In Kamerun übernimmt ein dreijähriges Kind Verantwortung für ein Baby, während unsere Kinder damit groß werden, dass man nach ihren Wünschen fragt, am Ende aber doch ein anderer bestimmt.

 Möchtest du jetzt die Zähne putzen...? 

Genau! Das sollte man sich abgewöhnen. Putz jetzt bitte Deine Zähne – das sollte eigentlich ausreichen.

 Durch die Flüchtlingskinder in Schulen und Kindergärten sind kulturelle Unterschiede in der Erziehung ein sehr aktuelles Thema... 

Ich gehe derzeit in viele Kitas und gebe dort Workshops. Das Interesse ist riesengroß. In Deutschland gibt es viele Familien, die mit anderen Erziehungsvorstellungen her kommen und ratlos und mehr als skeptisch sind, von dem pädagogischen Vorgehen zum Beispiel in der Kita. Offenheit und Unterschiedlichkeit zuzulassen sollten daher Werte der Zukunft darstellen.

 Weiterlesen: Erziehung in Kitas: Schaffen wir eine Ego-Generation?