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Osnabrücker Krankenhaus hängt am Tropf Fünf Millionen Minus im Klinikum-Konzern

Von Wilfried Hinrichs | 29.06.2013, 07:06 Uhr

Um die Finanzlage des Klinikums zu beschreiben, bietet sich ein Bild aus der Medizin an: Der Patient hat sich eine schwere Infektion zugezogen, die zu spät diagnostiziert wurde. Er muss künstlich beatmet werden, bis klar ist, welche Organe betroffen sind. Die gute Nachricht: Die Krankheit ist heilbar.

Als CDU-Fraktionschef Fritz Brickwedde am Dienstagabend im Rat von einer „sehr ernsten Lage“ am Klinikum sprach, merkten Ratsmitglieder und Zuhörer auf. Zahlen nannte Brickwedde nicht – und will er auch nicht nennen, denn als Mitglied des Aufsichtsrates ist er zum Schweigen verpflichtet.

Recherchen unserer Zeitung ergaben: Der Klinikum-Konzern wird für 2012 ein Minus von 5,1 Millionen Euro ausweisen. Im operativen Geschäft hat der Konzern einen Verlust von 3,26 Millionen erwirtschaftet. 1,84 Millionen Euro Verlust müssen aus 2011 nachgebucht werden. Das ist rekordverdächtig: Im Geschäftsjahr 2001 hatte das Klinikum (den Konzern gab es noch nicht) einen Verlust von 6,4 Millionen Mark (3,5 Millionen Euro) ausgewiesen.

Den Konzern bilden im Kern die Klinikum Osnabrück GmbH, die das Haus am Finkenhügel betreibt, und die KOL Klinikum Osnabrücker Land GmbH, Betreiberin der Krankenhäuser Dissen und Georgsmarienhütte. Dort liegen die Hauptprobleme. Dissen ist defizitär und wird ohne erhebliche Investitionen nicht genesen.

Die im Bundesanzeiger veröffentlichte Konzernbilanz von 2011 weist für Dissen/Georgsmarienhütte ein Minus von 1,2 Millionen Euro aus. Das Klinikum Osnabrück hat nach dieser Bilanz ein Plus von 545000 Euro erreicht. Der Konzern schloss das Jahr insgesamt mit einem Fehlbetrag von 359000 Euro ab.

Brickwedde vertraut diesen Zahlen nicht. In öffentlicher Sitzung sprach er von „Bilanzmanipulationen“ durch den früheren Geschäftsführer Hansjörg Hermes. Hermes wollte zu den Vorwürfen nicht Stellung nehmen. Tatsache ist: Die Wirtschaftsprüfer haben die Bilanz 2011 bestätigt und keine Einwände erhoben. Tatsache ist auch: Die Staatsanwaltschaft Osnabrück hat Ermittlungen aufgenommen.

„Sie müssen sich um das Klinikum keine Sorgen machen“, versichert der städtische Finanzchef Thomas Fillep. Er hat mit Frans Blok einen Sanierer ins Haus geholt, der, so Fillep, Ordnung ins Chaos bringen soll. Das Klinikum verfügt über kein ausgefeiltes Controlling, das Aufschluss geben könnte, welche Bereiche Gewinne und welche Verluste einbringen. In zwei Monaten werde sich der Sanierer einen Überblick verschafft haben, um dann einen Sanierungsplan zu erarbeiten. Fillep schloss betriebsbedingte Kündigungen aus: „Die Arbeitsplätze sind sicher, die Gehälter auch.“

2003 hatten Geschäftsleitung und Gewerkschaften einen Gehaltsverzicht für die 2000 Beschäftigten vereinbart, um das Klinikum in der akuten Notlage zu retten. Ob jetzt ein zweiter „Zukunftssicherungsvertrag“ nötig sein werde, ließ Fillep offen. Zuerst müsse der Sanierer seine Arbeit machen.

Die Liquidität sichert das Klinikum durch den sogenannten Cash Pool der Stadt. Die profitablen städtischen Tochtergesellschaften zahlen darin täglich ihre freien Gelder ein, und das Klinikum kann damit seine Rechnungen bezahlen. Schwer lasten auch die erheblichen Investitionen wie der Neubau der Notaufnahme auf dem Haus. Vor allem aber drückt der Neubau des Zentrums für Geriatrie und Frührehabilitation. Die ursprünglichen Kosten sind von 32 auf 35 Millionen gestiegen. Das Land zahlt einen festen Zuschuss von 19 Millionen Euro.

 Eine Entspannung ist in diesem Jahr nicht in Sicht. Auch 2013 wird nach Meinung von Beobachtern ein Minus in der Bilanz stehen. Das hieße: Am Ende des Jahres wäre das Eigenkapital aufgebraucht, das in der Konzernbilanz von 2011 mit 6,5 Millionen ausgewiesen war. Abzüglich der Fehlbeträge von 2012 (5,1 Millionen) und 2013 wird nicht viel übrig bleiben.

Fillep sieht darin keine Gefahr, da die Stadt durch den Betrauungsakt hundertprozentig bürgt. Dennoch wird die Stadt wohl nicht umhinkommen, Eigenkapital nachzuschießen.