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Osnabrücker Familientherapeutin im Interview Warum so viele Beziehungen an Kindern scheitern

Von Cornelia Achenbach, Cornelia Achenbach | 27.10.2016, 07:36 Uhr

Sind Paare heutzutage zu narzisstisch, um Kinder großzuziehen? In welchem Alter verarbeiten Kinder eine Trennung am besten? Und wie wichtig ist Sex für eine Beziehung? Birgit Westermann arbeitet in der Psychologischen Beratungsstelle für Eltern des Bistums Osnabrück und hat unsere Fragen beantwortet.

 Frau Westermann, Sie arbeiten in der Familienberatung des Bistums Osnabrück und beraten unter anderem Paare, die vor der Trennung stehen. Warum sind es so viele Paare mit Kindern, die sich trennen? 

Fest steht: Ein Kind zu bekommen bedeutet grundsätzlich eine Krisenzeit. Von diesen Krisenzeiten gibt es aber mehrere im Leben von Familien. Zum Beispiel die Pubertät, den Auszug des letzten Kindes, den Wechsel in den Ruhestand. Das sind alles Schnittstellen, an denen Paare darin geprüft werden, wie gut sie zusammenhalten.

 Warum ist es für eine Beziehung so belastend, Kinder zu bekommen? 

Wenn man Eltern wird, müssen die Partner etwas ganz anderes aktivieren als in einer Paarbeziehung. Sie müssen erst einmal ein Selbstbild von sich als Vater und Mutter entwerfen. Ein Kind zu bekommen ist die größte Herausforderung, die man annehmen kann – so selbstverständlich es auch ist. Hinzu kommt, dass wir heute, anders als in den 80er Jahren, unseren Partner viel stärker idealisieren. Wenn man so will, markiert das Aufkommen von romantisierenden Fernsehshows die Anfänge davon, damals die Sendung „Traumhochzeit“ zum Beispiel. (Weiterlesen: Zu narzisstisch für Kinder? Warum Eltern sich trennen) 

 Was hat das denn mit zerbrochenen Beziehungen zu tun? 

Partnersuche und Partnerfindung werden zum medialen Ereignis und dabei so ideal inszeniert, dass die Mühen und Herausforderungen alltäglichen Zusammenlebens ausgeblendet werden. Der Partner wird derart überfrachtet mit Erwartungen, was er alles an Lebensglück mitbringen soll, dass dem eigentlich niemand gerecht werden kann.

 Und ein Kind, das sich trotzend auf dem Boden wirft, weil es keine Hose anziehen will, oder am Mittagstisch mit Nudeln wirft, passt nicht in diese romantische Vorstellung? 

Genau, und außerdem stellt sich die Frage, wie das Projekt Kind angelegt ist. Zum Beispiel ist es für manche Paare ein Ausweichgleis, ein Versuch, in einer Partnerschaft, in der es nicht mehr so gut läuft oder die ersten Konflikte statt besprochen verschwiegen werden, ein neues Thema zu schaffen, etwas Verbindendes oder Ablenkendes. Aber Kinder sind nicht dazu geeignet, eine angeschlagene Beziehung zu retten.

 Sie haben es selbst gesagt: Eigentlich ist es doch ganz natürlich und selbstverständlich, Kinder zu bekommen. Warum empfinden Eltern das Familienleben dann als so belastend, wieso diskutieren heute so viele Mütter über „regretting motherhood“ und bereuen öffentlich, Kinder bekommen zu haben? 

Die Frage „Wo bleibe eigentlich ich?“ ist sicherlich nicht neu, die haben sich Frauen schon in den 60er und 70er Jahren gestellt. Denn meistens sind es eben doch die Frauen, die zurückstecken müssen. Heute ist eine bestimmte Selbstbezogenheit, die Betonung individuellen Glücks, aber noch ausgeprägter, wir haben es mit noch höheren Erwartungen an das, was mir das Leben bescheren soll, zu tun.

 Ein typisches Problem der sogenannten Generation Y, also der zwischen 1980 und 1999 Geborenen, die von ihren Eltern zu einem „Verwirkliche dich selbst“ erzogen wurden?  

Ich finde: ja. Aber ich bin nicht berechtigt, das zu sagen, das müssen Sie sagen – Sie gehören dieser Generation an.

 Kinder bringen das Beste, aber auch das Schlechteste in einem zum Vorschein. Wenn ein Kind richtig trotzt oder in der Pubertät Kontra gibt und sich plötzlich alle in der Familie anbrüllen, erlebt man Seiten an seinem Partner, die man aus der zuvor harmonischen Beziehung gar nicht kannte.  

Man sieht den anderen in einer neuen Rolle und lernt ihn neu kennen, eben auch mit all seinen Abgründen und Grenzen. Ich traue Eltern nicht, die sagen: Oh, meine Frau ist so eine tolle Mutter, mein Mann ist so ein toller Vater. Erziehung ist kein paradiesisches Geschäft. Kinder können einen total aufregen. Liebe bedeutet nicht: Niemals um Verzeihung zu bitten, sondern anzuerkennen, dass man selbst und der andere unvollkommen ist, gerade in der Elternrolle. Die Kommunikation darüber darf aber nicht abreißen.

 Werden wir mal konkret: Es kriselt in der Beziehung, beide Partner denken über eine Trennung nach. Woran kann man erkennen, dass eine Beziehung nicht zu retten ist? 

Mit Bezug auf den amerikanischen Paartherapeuten John Gottman könnte man sagen, dass Kennzeichen einer guten Partnerschaft ist, wenn die positiven Interaktionen die negativen deutlich überwiegen. Seine Quoten-Empfehlung lautet 5:1. Mit einer positiven Interaktion sind nicht etwa rote Rosen gemeint, es können ganz kleine Dinge sein. Ein „Soll ich noch den Müll rausbringen?“, ein liebevolles „Guten Morgen“ oder „Schön, dich zu sehen“ sind zum Beispiel positiv. Negativ sind hingegen Vorwürfe, Missachtungen, spöttische Kommentare wie „Ach, schon wieder keine Zeit“ oder schlichtes Ignorieren des anderen. Solche Interaktionen sind Gift für eine Beziehung.

 Wie wichtig ist Sex für eine Beziehung? Kaum eine Elternzeitschrift kommt ohne Artikel mit Titeln wie „Eltern werden – Paar bleiben“ oder „So bringen Sie wieder Schwung in ihr Sexleben“ aus. Aber Kinder schlafen schlecht und sind ständig krank und viele Eltern haben monatelang gar keinen Geschlechtsverkehr. Sollten die sich Gedanken machen? 

Ja, ich finde schon. Sexualität ist eine wichtige Quelle für Kraft und Verbundenheit. Sicherlich muss man nicht viermal die Woche miteinander ins Bett gehen, und die jeweiligen Bedürfnisse sind durchaus unterschiedlich. Aber alle paar Monate finde ich tatsächlich zu wenig. Wobei Nähe und Zuneigung nicht nur Geschlechtsverkehr heißt. Körperliche Zuwendung kann man auch auf anderen Wegen zeigen. Und wenn Sie mich fragen, woran Paare merken, dass es wirklich vorbei ist – das merkt doch jeder selbst.

 Wie denn? 

Daran, dass er die Lust verliert an diesem Projekt Familie. Ohne Konflikte und Reibereien geht es in einer Beziehung nie, schon gar nicht, wenn ein Kind dazu kommt. Aber wenn das zu einem Dauerzustand wird, ist es höchste Zeit, dem anderen in die Augen zu blicken und zu sagen: Hier läuft etwas schief. Du bist nicht zufrieden, ich bin nicht zufrieden, so geht es nicht weiter.

 Welche Tipps können Sie Eltern denn geben? Sollen die im Terminkalender Paarzeit fest einplanen? Sich auch zum Sex verabreden? 

Geht das denn? Meine Erfahrung ist: Das geht nicht. Erotik hat etwas mit dem Moment zu tun. Und feste Paarzeit – das ist so ein typischer Tipp aus Partnerschaftsratgebern. Bereits im Vorfeld einen Babysitter zu suchen und einen festen freien Abend einzuplanen, ist bestimmt nicht dumm. Was an dem Abend dann passiert, das sollte das Paar aber offen lassen. Außerdem sollte schon während der Schwangerschaft über Gerechtigkeit gesprochen werden.

 Inwiefern? 

Mütter müssen mehr zurückstecken, das ist einfach sowohl biologisch als auch soziologisch so. Meistens sind es eben die Frauen, die aus allen Systemen aussteigen, zumindest für ein Jahr. Es muss dem Partner klar sein, dass er nicht einfach abends nach Hause kommen kann und sein Leben weiterhin gleich verläuft. Seine Zukunft und seine Arbeit sind nämlich gesichert im Fall einer Trennung. Ihm muss klar sein, dass seine Frau etwas für ihn tut. Nämlich das Kind zu versorgen.

 Wobei es längst nicht immer die Frauen sind, die zu Hause bleiben… 

Richtig. Es ist vielleicht nicht unbedingt ein Frauenthema. Es geht letztlich um denjenigen, der zu Hause bleibt und dafür eine besondere Wertschätzung erfahren sollte. Es gibt in dieser Zeit nach der Geburt eines Kindes ein sehr sensibles Soll-und-Haben-Konto. Derjenige, der zu Hause bleibt, kann nicht einfach wegdenken, was das für ihn heißt.

 In den meisten Fällen arbeiten ja beide Elternteile, ein Einkommen reicht anders als in früheren Generationen meistens kaum noch aus…  

Eine logistische Höchstleistung, die Eltern da vollbringen, sicherlich. Um die Krippe und den Klavierunterricht müssen sich Eltern ja am besten schon während der Schwangerschaft kümmern. Eltern sind heute Organisationstalente, die ganz viele Bälle in der Luft halten müssen.

 Getrennte Eltern oder auch Patchworkfamilien sind heute eigentlich etwas recht Normales geworden. Trennen sich Paare daher schneller als früher, weil die Hemmschwelle nicht mehr so hoch ist? 

Der Trend stagniert ein bisschen. Jede 2,5te Ehe wird geschieden – wobei wir ja viele nicht-eheliche Beziehungen in Deutschland haben, die noch hinzukommen. Der offizielle Wert ist seit einigen Jahren konstant.

 Ist es daher für Kinder heutzutage weniger schlimm, wenn sich ihre Eltern trennen?  

Das kann ich absolut verneinen. In unserer Beratungsstelle beobachten wir, dass es mehr hochstrittige Paare gibt. Der Gang zum Rechtsanwalt ist kein großes Ding mehr. Und da wir jetzt schon mehrfach über die starke Selbstbezogenheit gesprochen haben – sobald die Entscheidung für eine Trennung gefallen ist, sehen beide Partner meistens zu, sich ja nicht die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Allerdings ist die Familienberatung auch nicht der Spiegel der Gesamtgesellschaft. Zu uns kommen die Menschen, die wirklich Probleme haben und erfreulicherweise auch den Mut, sich dabei helfen zu lassen. Sicherlich gibt es aber auch viele Eltern, die sich ganz vernünftig trennen.

 In welchem Alter ist eine Trennung für ein Kind besonders schlimm? Ist es nicht besser, wenn Eltern bereits im Säuglingsalter erkennen, dass es mit der Beziehung nicht klappt, sodass das Kind nicht so viel von der Trennung mitbekommt? 

Jemand, der sich fragt, in welchem Kindesalter eine Trennung am besten ist, hat offenbar noch etwas Zeit. Der sollte sich fragen, ob er sich mit der Mutter oder dem Vater seines Kindes noch einmal für eine Beratung zusammenraufen will. Eine zentrale Anlaufstelle dafür ist zum Beispiel die Ehe- und Lebensberatungsstelle unseres Hauses an der Lotter Straße in Osnabrück. Und was das Alter betrifft: Das Märchen vom Säugling, der nichts merkt… glaube ich nicht. Babys sind hochwache Wesen, die Belastungen ihrer Eltern mitbekommen. Zudem hat sich nach dem ersten Lebensjahr eine Bindung zum anderen Elternteil entwickelt, eine Trennung wäre also ein Verlust. Nun reagieren so kleine Kinder noch nicht reflektiert auf solche Situationen, sondern als ganzer Mensch und somit psychosomatisch. Das heißt, sie bekommen zum Beispiel Schlafstörungen, werden weinerlich, nässen sich ein. Sie bemerken einfach die Atmosphäre, die zu Hause herrscht. Denn eine Trennung läuft nie ohne Streitigkeiten und Belastungen ab. Und schließlich sind auch die Erwachsenen bemitleidenswert – die müssen immerhin einen ganzen Lebensplan kippen.

 Wie erleben ältere Kinder eine Trennung? 

Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter, also so Fünf- oder Sechsjährige, fragen sich, ob die Trennung etwas mit ihnen zu tun hat. Sie haben Schuldgefühle und Angst, dass ihr Leben sich zutiefst ändern könnte. In der Pubertät erleben Kinder die Trennung oft als eine Riesenenttäuschung: Meine Eltern haben es nicht geschafft. Manche Jugendlichen fragen sich, ob es überhaupt lohnenswert ist, eine Beziehung zu führen. Die Utopie „Partnerschaft“, die positive Vision von Familie wird ein Stück weit erschüttert. Häufig rebellieren sie dann auch und wollen mit ihren Eltern nichts mehr zu tun haben und signalisieren: „Macht doch euren Kram alleine.“

 Aber wenigstens sind Kinder getrennt lebender Eltern nicht mehr die totalen Außenseiter in ihren Klassen.  

Das ist richtig, sie werden nicht mehr ausgegrenzt. Aber trotz dieser sozialen Normalität finde ich persönlich: Patchwork und getrennt erziehende Eltern sind letztlich die zweitbeste Lösung. Jeder, der sich ernsthaft gebunden und dann wieder getrennt hat, wird wohl sagen: Anders wäre es mir lieber gewesen.

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