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Osnabrück Zwei Herzen schlagen in seiner Brust

19.07.2009, 22:00 Uhr

Die Kraft der zwei Herzen: Das ist nicht nur der Spruch eines findigen Werbetexters, sondern seit 18 Jahren Realität für Horst Nehring. Nach einem Herzinfarkt hatten ihn die Ärzte bereits für tot erklärt – doch dann kamen die Mediziner auf eine Idee.

Horst Nehring wirkt ein wenig erschöpft. Langsam lehnt er sich in den Stuhl in seiner geräumigen Seniorenwohnung zurück. Die Stimme des 80-Jährigen klingt etwas brüchig und heiser. Aber die Augen sind hellwach, der Blick ist klar.

Wenn er an die unbeschwerten Segeltörns früherer Tage zurückdenkt, umspielt ein Lächeln seine Lippen: Mit seinem sechsjährigen Enkel und dessen zwei Freunden kreuzte er auf dem Dümmer in einer offenen Jolle. Es war ein traumhaft schöner Sommer im August 1992.

Doch eines Tages zog unvermittelt ein sehr starker Sturm auf: Nur unter größten Mühen gelang es dem erfahrenen Segler, wieder heil am Ufer anzulegen. „Ich hatte solche Angst um die Kinder und war innerlich am Krampfen“, sagt Nehring.

Und einen Tag später passierte es: Beim Tretbootfahren verlor Nehring das Bewusstsein. „Ich dachte mir: Wie sieht der denn aus, der hängt da ja nur im Boot“, erinnert sich seine Frau Helga mit Schaudern. Horst Nehring wurde auf die Intensivstation verlegt. Die Diagnose: Herzinfarkt. Wenig später teilten die Ärzte der Familie mit, dass man nichts mehr für Horst Nehring tun könne.

„Aber unser Sohn Detlef hatte schon immer eine große Klappe“, sagt Helga Nehring. Er überzeugte die Ärzte, seinen Vater in ein anderes Krankenhaus zu verlegen. Dort erholte er sich wieder ein wenig – und dann stand auf einmal ein Spenderherz für ihn in Münster bereit.

Dort planten die Ärzte, Horst Nehring nur einen Teil des kranken Herzens zu entnehmen und den verbliebenen Rest des Organs mit dem Spenderherz zusammenzunähen. „Huckepack-Transplantation“ nennt sich dieses Verfahren. „Das ist ein Stück Medizingeschichte und wird schon lange nicht mehr gemacht: Es hat sich der komplette Austausch des Herzens durchgesetzt“, sagt Dr. Stefan Gunea von der Transplantationsambulanz der Uniklinik Münster.

Die Operation verlief erfolgreich, und Horst Nehrings Körper nahm das fremde Organ an. So schlagen seit 18 Jahren zwei Herzen in seiner Brust: „Eigentlich sind es ja eineinhalb“, sagt der Rentner und ergänzt: „Sie schlagen unterschiedlich schnell.“

Das Spenderherz sorgt für die Blutzirkulation im Körperkreislauf, während Nehrings ursprüngliches Herz die Lungendurchblutung übernimmt. Der asynchrone doppelte Rhythmus, der seither Nehrings Leben bestimmt, hat ihm zu Beginn zugesetzt. „Ich dachte zuerst, ich halte das nicht aus“, sagt er.

Später jedoch hat er sich daran gewöhnt und ist sogar wieder segeln gegangen. 18 weitere Jahre hat ihm das Spenderherz seither geschenkt. Nicht immer allerdings ohne Komplikationen: 1997 erkrankte Nehring wegen der starken Nebenwirkungen seiner Medikamente an Blasenkrebs und musste einen Dauerkatheter gelegt bekommen.

Aber stets trieb sein unbändiger Lebenswille den 80-Jährigen weiter. „Er ist ein Kämpfer“, sagt Helga Nehring über ihren Mann. Sie hat ihn beim Tanzen kennengelernt. Seit 58 Jahren sind die beiden verheiratet. Hinterher ist der gebürtige Königsberger in die Wirren des Zweiten Weltkrieges geraten. Als er von seiner abenteuerlichen Flüchtlingstour über die Ostsee und quer durch Norddeutschland berichtet, beugt er sich in seinem Stuhl nach vorn. Die Arme, die zuvor schlaff herunterhingen, gehen mit und unterstreichen seine Worte. Diese sprudeln nur so aus ihm heraus, und die Stimme ist fest. Da ist sie: die Kraft der zwei Herzen.