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Osnabrück „Spieltriebe 4": Das war das Theaterfestival

04.09.2011, 19:49 Uhr

Was haben die ersten „Spieltriebe“ der Ära Waldschmidt gebracht? Unser Glossar beleuchtet große Leitgedanken und kleine Kuriositäten, erhebt aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Spielorte: Kaum etwas blieb bei den „Spieltrieben“ dem Zufall überlassen, auch nicht die Verteilung der Stücke auf die Spielorte. Die Geschichte der ehemaligen Limbergkaserne, einst Munitionsfabrik der Nazi-Zeit, später Logistik-Station der Briten, wird herbeigezoomt, wenn dort das Grauen des Krieges so physisch vehement wütet wie in „Hundegrab“. Umgekehrt markieren fröhlich wuchernde Birken auf dem Gelände den höchst ambivalenten Abstand, den wir Deutschen zum Krieg haben. Kein Zufall, sondern provokante Spiegelfechterei, dass solche Bäumchen in „Wartopia“ mit Schwertern beharkt wurden? Stücke mit den härtesten Kriegsbildern waren denn auch auf den Kasernen-Routen zu sehen. Die anderen drei Routen widmeten sich eher der Verarbeitung von Krieg. Was für ein durchdachtes Konzept – weitere Spurensuche lohnt sich!

Vom Krieg erzählen: Irak, Afghanistan und Dreißigjähriger Krieg – wie vermeidet man bei solchen Stoffen ein Betroffenheitstheater über Ereignisse, die vor allem eins sind: furchtbar weit weg? Die Spieltriebe machen es vor: Immer wieder thematisieren die Inszenierungen die Distanz zum Grauen. Im Eröffnungsstück „Tod einer Hündin“ wird die Chorführerin zur Katastrophentouristin, die das ferne Leid sieht – und wahrnimmt, wie begrenzt ihre Fähigkeit zum Mitgefühl ist. „Eine Stille für Frau Schirakesch“ erzählt, wie die medienwirksame Anteilnahme ihr Thema verfehlt. Und „Blogosphere Iraq“ stellt den Dialog zwischen einem US-Soldaten und einer Irakerin her, die in der Realität der Blogs hoffnungslos aneinander vorbeigeschrieben haben.

Experimente: Ungewöhnliche Orte, ungewöhnliche Ästhetiken – mit den Spieltrieben liegt die Visitenkarte der Waldschmidt-Intendanz vor. Und viele der 14 Produktionen versprechen eine überbordende Experimentierlust. Immer wieder lassen Regisseure und Schauspieler die Theaterliteratur hinter sich, dramatisieren vorgefundene Texte wie Internet-Blogs, fantasieren aus Apo-Schriften schrille Weltentwürfe vom Insektenstaat, holen hier den funky Schlagzeuger, dort den Violine spielenden Konzertmeister auf die Bühne, drehen an der Tempo-Schraube, stellen den Zuschauerraum mit Bäumen voll, überfordern das Publikum mit Textkaskaden, Nacktauftritten und der umgehenden Ironisierung ihrer Erzählweisen. Hut ab! So überraschend, mitreißend und suggestiv wie in „Wartopia“ oder in „Blogosphere Iraq“ darf es weitergehen!

Terror, Terror! In der Theaterkneipe erklingt wüstes Geschrei: „Das ist Terror!“, wettert ein verdientes Ensemblemitglied und nestelt am Kabel der Musikanlage. Der DJ, um nicht zu sagen der Gefährder, hatte aufgedreht – und das, obwohl der Star vor der Box saß. „Terror! Terror!“ Was lernen wir? Selbst wenn man wochenlang von Krieg und Folter redet: Für den Mann ist kein Wort zu groß, der uns mit Lärm das Bier versauert!

Querverweise: Im Naafi- Supermarkt auf dem Gelände der Limbergkaserne empfangen einen Gesänge aus der „Odyssee“, Nacktheit wird zum Roten Faden auf der Route zwei, Schuhe in Reih und Glied ziehen sich als kleines Motiv durch verschiedene Inszenierungen: Diese „Spieltriebe“ klammern durch Querverweise aneinander, was auf den ersten Blick auseinanderstrebt wie Moleküle nach einer Initialzündung. Dabei mag manches geplant sein, anderes sich zufällig ergeben haben – in jedem Fall ist es Merkmal eines weit schauenden konzeptionellen Blicks auf die „Spieltriebe“.

Theater über Theater: Immer wieder treten Schauspieler aus ihrer Rolle und erzählen von technischen Abläufen. Bestes Beispiel: Christian Bayer, der sich in „Wartopia“ auszieht, „obwohl es dramaturgisch keinen Sinn macht“. Ironischer kann man den Theaterbetrieb nicht auf die Schippe nehmen – und gleichzeitig deutlich machen, dass die „Spieltriebe“ zweieinhalb Jahrtausende Theatergeschichte verhandeln.

Toleranz: Ob Museumsdirektorin Inge Jaehner wohl zum Kurzurlaub aufgebrochen ist? Um nicht mitzuerleben, wie „Spieltriebe“-Besucher im Dusteren eng an den Wänden „ihres“ Nussbaum-Hauses entlangwanderten, während Tänzer sich die Libeskind-Wände hochstemmten? – Diese Übung in Toleranz ist gut gegangen und kein Original, o Graus, mit Gepolter von der Wand gerissen worden.

Panzer in der Stadt: In Osnabrück ein Krisen-Festival zu besuchen ist auch deshalb so schön: Wir selbst wohnen ja in der Friedensstadt und haben mit dem ganzen Elend erfreulich wenig zu tun. Beschwingt geht’s also zum Hasetor-Bahnhof, von wo eine historische Lok das Publikum zum Piesberg chauffiert. Am Bahnsteig hat aber dann doch erst mal die Wirklichkeit Durchfahrt: Ein Güterzug passiert, beladen mit Panzern.

Osnabrück interaktiv: Hat 9/11 auch unser Leben verändert? „Wenn die Sonne immer noch so schön scheint…“ im Mannschaftskasino auf dem Limberg zeigt: ja. Das Stück basiert auf Interviews mit Osnabrückern, die den Anschlag aus ihrer Sicht schildern. Eine Soldatin erzählt von ihrem Afghanistaneinsatz, eine Muslima, wie sie sich auf einmal für ihr Kopftuch rechtfertigen muss. Frank Abt hat das ganz unaufgeregt inszeniert. Dass das Publikum aufmerksam lauscht, verdankt sich den zu gelungenen Erzählungen verdichteten Interviews und dem authentischen Vortrag der Schauspieler.

Schönes Osnabrück: Ralf Waldschmidt gefällt Osnabrück. Wer despektierlich von einer „Kleinstadt“ spricht, den korrigiert er höflich, aber bestimmt, und seit den Spieltrieben hat der Intendant noch eine weitere Seite der Osnabrücker kennen- und schätzen gelernt: die Feierlaune der Osnabrücker. Dabei hat der Gastgeber ja mindestens so großen Anteil am Gelingen einer Party wie die Gäste selbst. Und dass die Party drei Tage hintereinander funktioniert, spricht für sich. Wir erwidern das Kompliment daher und sagen: Chapeau!