Ein Artikel der Redaktion

Osnabrück Radfahrer erobern den Wall

27.09.2009, 22:00 Uhr

Erst sind es ein paar, Minuten später ein Dutzend, dann dreißig, vierzig . . . Aus allen Richtungen kommen sie angeradelt. Es ist Samstag kurz nach 15 Uhr. Der Platz vor der Lagerhalle ist voller Fahrräder. Jemand ruft ein Kommando, und der Pulk setzt sich in Bewegung. Die Fahrt geht im Uhrzeigersinn über den Wall. Es ist eine Demonstration mit Fahrrädern für Fahrräder, sie nennt sich „Critical Mass“ und ist eine internationale Bewegung.

Als die „kritische Masse“ von beinahe 200 Fahrrädern losfährt, machen die Autofahrer Platz und überlassen ihnen beide Spuren des Walls. Viele wundern sich, doch kaum einer drückt auf die Hupe. Vielleicht glauben sie, dass es sich hier um eine geplante und angemeldete Aktion handelt. Doch das ist nicht der Fall. Es lässt sich nicht einmal ein Veranstalter ausmachen, der zu der Demo aufgerufen hat.

Wer den Anstoß gegeben hat, ist nicht bekannt, doch er löste einen Schneeballeffekt aus. Die Teilnehmer wissen nur, wer jeweils sie zu der Aktion eingeladen hat. Mike erzählt: „Ein Freund rief mich an und fragte, ob ich mitmachen will.“ Michael wurde „über eine E-Mail“ informiert – „ich wollte mal schauen, was dahintersteckt.“ Viele haben über Mundpropaganda von der Demonstration erfahren und machen „aus Spaß“ oder „aus Neugier“ mit. Martin nutzt die Gelegenheit für die Jungfernfahrt mit seinem neuen Fahrrad. Seine erste Tour damit wird ihm in Erinnerung bleiben.

Ist „Critical Mass“ in Osnabrück nur Spaß? Schließlich hat die Bewegung, die 1992 in San Francisco begann, auch eine verkehrspolitische Dimension. Und tatsächlich finden sich auch hier Teilnehmer, die solches im Sinn haben. Jan geht es um „eine fahrradfreundliche Stadt“, für die er demonstrieren will. Für Thomas ist „Critical Mass“ eine „Werbung fürs Fahrradfahren“. Dass sie mit der Aktion Staus produzieren, gehört einerseits für sie dazu, jedoch finden sie: „Autos produzieren ja auch Staus.“ Außerdem seien Fahrräder in der Stadt ja nicht wirklich langsamer.

Die Radfahrer erobern sich ohne Mühe die beiden Fahrspuren zum Hasetor, überqueren den Berliner Platz, den Adenauer-Ring und den Johannistorwall. Am Schlosswall, kurz vor dem neuen Graben, regeln erstmals Polizisten den Verkehr. Eine knappe halbe Stunde dauert die Runde zurück zum Ausgangspunkt. Am Heger Tor radeln viele Teilnehmer in alle Richtungen auseinander, doch ein harter Kern bricht zu einer zweiten Runde auf. Es ist eine friedliche Demonstration – fast. Fast, weil unterwegs einige Radler der Übermut packt. Einige befinden sich plötzlich als Geisterfahrer in der Gegenspur. Und die Polizei schnappt sich einen, der offensichtlich Alkohol getrunken hatte. Doch nach einer Blutprobe ist er wieder auf freiem Fuß. In der Zwischenzeit ist die kritische Masse wieder verebbt.