Ein Artikel der Redaktion

Osnabrück Power für Osnabrücks Steckdosen

15.12.2006, 23:00 Uhr

Auf Rapsfelder in der Nachbarschaft reagiert Martin Buschmeier allergisch. Nicht, dass er Asthmatiker wäre. Aber die Rapspollen setzen sich auf die Schaufeln der Gasturbine, und dann bekommt Osnabrück weniger Strom. Tendenziell jedenfalls.

Martin Buschmeier ist der Chef des neuen Gaskraftwerks in Hamm-Uentrop. Das gehört den Osnabrücker Stadtwerken zu einem Vierzigstel. Zusammen mit 27 anderen Stadtwerken und Regionalversorgungsunternehmen wollen sie Strom produzieren und den vier großen Kraftwerksbetreibern Paroli bieten.

David gegen Goliath also. Der liberalisierte Markt in Europa hat den Weg frei gemacht für die ungewöhnliche Kooperation zwischen deutschen, niederländischen und österreichischen Partnern. Ihr gemeinsames Anliegen ist es, den "Saft" unabhängig vom nervösen Auf und Ab der Strombörsen zu stabilen Preisen anbieten zu können.

Aufregend ist eigentlich schon, dass sich so unterschiedlich gestrickte Partner überhaupt gefunden haben. Das Überlandwerk Fulda Seite an Seite mit den Stadtwerken Schwäbisch Hall und dem Teutoburger Energienetzwerk, die Salzburg AG als südöstlicher Ausleger, die Cogas Facilitair BV aus Almelo als nordwestliches Gegengewicht. Und mittendrin die Stadtwerke Osnabrück. "Ein Sack Flöhe", wie Martin Buschmeier eher respektvoll als despektierlich vermerkt.

Respektvoll, weil es dieser bunte Haufen geschafft hat, in kurzer Zeit die 440-Millionen-Euro-Investition für das Gas- und Dampfturbinenkraftwerk zu stemmen. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Bewerbern, die liebend gern mit einsteigen würden. Aber die Trianel Power GmbH & Co. KG ist komplett. Im April 2007 soll die Gasturbine erstmals zünden. Spätestens im Herbst will Trianel mit den beiden 400-MW-Blöcken ans Netz.

20 Megawatt davon sind für die Steckdosen in Osnabrück reserviert. Die Stadtwerke sitzen mit zehn Millionen Euro im Trianel-Boot. Rechnerisch reicht das für 30000 Haushalte, macht für den gesamten Stromabsatz in Osnabrück aber nur elf Prozent aus.

Kaufmännisch gesehen wird das Kraftwerk in 28 Teilkraftwerke zerlegt, wie Marco Bergmann vorrechnet, der bei den Stadtwerken für Energieeinkauf und Logistik zuständig ist. Wenn aus Osnabrück die Order kommt, "wir brauchen morgen zwischen 10 und 12 Uhr Strom, dann kriegen wir den", erklärt der Kaufmann. Allerdings lohnt es sich nicht, die mächtige Turbine für weniger als 200 Megawatt anzufahren. Bei kleineren Mengen ist es für Trianel Power günstiger, den Strom von der Konkurrenz einzukaufen.

Dabei gehört das Kraftwerk mit einem Wirkungsgrad von knapp 58 Prozent zu den effizientesten seiner Art. Um die Energie optimal auszuschöpfen, wird die Kraft an zwei Stellen auf die Antriebswelle gebracht. An der einen Seite eine Gasturbine, die etwa zwei Drittel der Leistung erbringt. An der anderen die Dampfturbine, die aus der überschüssigen Wärme gespeist wird. In diesem Tandem-Effekt steckt die Überlegenheit gegenüber der konventionellen Gasturbine.

Wer noch effizienter arbeiten will, müsste auch die Abwärme nutzen, statt sie in die Kühltürme zu jagen. Doch dafür gibt es in Hamm-Uentrop keine Abnehmer. Die nächsten Wohnsiedlungen sind weit, und die benachbarte Chemiefabrik Dupont hat keinen Bedarf.

600 Bauarbeiter kommen jeden Tag auf das Kraftwerksgelände. Die Technik wird von der Siemens AG schlüsselfertig aufgestellt. Nicht zum ersten Mal übrigens. Baugleiche Anlagen haben sich schon seit Jahren bewährt. Gleichwohl ist der Aufwand beträchtlich. Das zeigt sich schon an dem fest eingebauten 370-Tonnen-Kran in der Turbinenhalle. Kraftwerks-Chef Martin Buschmeier schätzt, dass dieses Schwergewicht in seinem ganzen Leben vielleicht drei oder viermal gebraucht wird, wenn der Generator aus seiner Verankerung gehoben werden muss, "diese graue lange Wurst", wie er abfällig sagt.

Was ihn viel stärker fasziniert, sind die Prozesse in der Gasturbine bei einer Verbrennungstemperatur von 1230 Grad. Dass auf jede einzelne Turbinenschaufel die Kraft von 20 Porsche-Motoren wirkt. Dass zwischen diesen Schaufeln und den keramischen Kacheln in der Brennkammer immer ein winzig kleiner Spalt bleiben muss, weil es sonst Bruch gibt. Und dass selbst die superteuren Luftfilter nicht die Rapspollen zurückhalten können, die sich auf den Turbinenschaufeln ablagern. Martin Buschmeier ist froh, dass es rings um das Kraftwerk viel Grün gibt, aber keine gelbe Rapsblüte.