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Osnabrück Ein Jahr danach: Denke Mark und zahle Euro

28.12.2002, 23:00 Uhr

Da ist er nun, feiert seinen ersten Geburtstag und noch immer überlegen seine Eltern, ob er ein Wunschkind ist oder als schwer Erziehbarer mehr Kummer als Freude verbreitet – der Euro.

Am 1. Januar mit viel Euphorie – vor allem bei seinen Erfindern – begrüßt, hat es das neue Geld noch immer nicht geschafft, seinen Ahnen, die gute alte Mark, aus den Köpfen zu vertreiben. „Rechne Mark, zahle Euro“, scheint die Devise auch 363 Tage nach der Währungsumstellung zu heißen.

Der Taschenrechner im Kopf rattert: Der ausgezeichnete Euro-Preis wird mal zwei genommen und erst dann fällt die Entscheidung zum Kauf. Oder eben dagegen, wenn der Verbraucher mal wieder auf „zu teuer“ erkennt und die angepeilte Ware doch lieber da liegen lässt, wo der Einzelhändler sie hingepackt hat, nämlich im Regal. „Alles ist teurer geworden.“ Diese Ansicht hält sich trotz gegenteiliger Beteuerungen des Handels hartnäckig. Einkaufen macht nicht mehr so viel Spaß wie früher, als die Preise numerisch zwar noch höher, für viele aber scheinbar durchschaubarer, übersichtlicher und vor allem sicherer waren.

Zugegeben: Bei den kleinen Dingen des alltäglichen Bedarfs hat sich der Euro durchgesetzt. Das Stück Seife, das Glas Marmelade oder die Packung Toilettenpapier ist eurotechnisch beim Verbraucher angekommen. Bei größeren Anschaffungen hingegen wird nach wie vor gerne die Mark konsultiert. Sie ist nach wie vor der Kompass im Konsumland Deutschland. Ein Fernsehgerät für 999 Euro hört sich zunächst preiswert an, die kopfmäßige Umrechnung in die alte Währung lässt die Hand auf halbem Weg zum Portemonnaie aber stoppen. „Das sind ja fast 2000 Mark“, so der erschrockene Ausruf. Und so wird aus dem Spontankauf eine Sitzung des Familienrates, der den Gesamtetat beleuchtet und dann entscheidet, ob es nicht vielleicht eine billigere TV-Variante tut.

Der Handel sieht es mit Missfallen. Selbst das sonst so lukrative Weihnachtsgeschäft lief in diesem Jahr eher mau. Aber ist an allem tatsächlich nur der europäischen Finanzminister liebstes Kind schuld an dieser Misere? Wohl kaum. Höhere Krankenkassenbeiträge, zusätzliche Aufwendungen für die Altersvorsorge (Stichwort: „Haben sie heute schon geriestert?“), der Ökosteuer nächster Akt und, und, und. Die Serie ließe sich noch locker fortsetzen. Die Gehaltskonten der Nation erleben schmerzliche Einschnitte.

Und dann ist da eben auch noch der Euro. Er muss als Sündenbock herhalten – nicht immer zu Recht, wie Wohlmeinende nicht müde werden zu beteuern. In Misskredit geraten durch tatsächliche und vermeintliche Preiserhöhungen bei seiner Einführung, hat es der jüngste Spross der europäischen Vereinigung schwer, sich beliebt zu machen. Fällt der Preisvergleich innerhalb Europas jetzt auch leichter, macht er die Einschätzung der Kosten zum Beispiel für einen Neuwagen innerhalb des eigenen Landes um so schwerer.Harte Zeiten auch für die Restaurationsbetriebe. Ihnen haftet nach wie vor der Ruf an, nicht den Euro sondern den „Teuro“ eingeführt zu haben. „Lass uns doch mal eben essen gehen“ ist nicht mehr. Hausmannskost aus Mutters geübter Hand ist angesagt, seit sich herumgesprochen hat, dass in mancher Kneipe der Wechselkurs mit eins zu eins ganz anders festgelegt wurde, als es die Europäische Zentralbank vorgesehen hatte. Aber auch hier gilt: Ein schwarzes Schaf macht noch lange keine Preissteigerung. Was bleibt ist also das subjektive Empfinden der Verbraucher, und das nimmt auf der nach oben offenen Richterskala der allgemeinen Verärgerung auch nach einem Jahr neuer Währung einen Platz im dunkelroten Bereich ein.