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Osnabrück Der stille Versöhner - Johannes Rau: Introvertiertes aber zielstrebiges „Genie der Menschlichkeit“

20.06.2010, 21:31 Uhr

Februar 2000, einem gewöhnlichen Mittwoch, schreibt Johannes Rau Geschichte: Als erster Bundespräsident darf er vor dem israelischen Parlament sprechen. Auf Deutsch. Aus Protest dagegen, dass Rau in der Tätersprache des Holocaust redet, boykottieren einige Abgeordnete die Sitzung. Und verpassen eine historische Entschuldigung. „Im Angesicht des Volkes Israel verneige ich mich in Demut vor den Ermordeten […] Ich bitte um Vergebung für das, was Deutsche getan haben, für mich und meine Generation“, sagt Rau.

In der Knesset schafft er an jenem Tag eine neue Ebene des deutsch-israelischen Dialogs, auf der später noch Nachfolger Horst Köhler und Bundeskanzlerin Angela Merkel im israelischen Parlament willkommen geheißen werden, und bringt gleichzeitig sein Lebensmotto zum Ausdruck: „Versöhnen statt Spalten, den Anstand wahren, zusammenführen und den Grenzen ihren trennenden Charakter nehmen, Gräben zuschütten“ – das hat Rau zu seiner „Lebensmelodie“ ernannt.Als er am 1. Juli 1999 als Bundespräsident vereidigt wird, hat der 68-Jährige bereits fast ein halbes Jahrhundert politische Erfahrung hinter sich. 1952 ist er in die Gesamtdeutsche Volkspartei (GVP) eingetreten, hat sich nach deren Auflösung 1958 der SPD angeschlossen. Er ist noch kein Jahr Mitglied der Sozialdemokraten, als er in den Landtag von Nordrhein-Westfalen einzieht. Auch bei den folgenden acht Landtagswahlen gewinnt Rau seinen Wahlkreis Wuppertal III und gehört insgesamt 41 Jahre lang dem Landesparlament an. Rau – ein Mann mit Durchhaltevermögen und Ambitionen.Nach acht Jahren als Wissenschaftsminister steigt er 1978 zum Ministerpräsidenten auf. Rau weiß, wohin er will. „Er wollte immer gewinnen, aber das hat er nicht raushängen lassen“, sagt Biograf Cornelius Bormann unserer Zeitung. Seinen Machthunger präsentierte Rau nicht öffentlich, „aber er hatte ihn.“ Raus politisches Rezept bestand darin, dass er sich seine Mehrheiten geschickt zu erarbeiten wusste. Rau – der Strippenzieher.20 Jahre lang führt er als Ministerpräsidentdie Geschicke Nordrhein-Westfalens und schafft ein neues Wir-Gefühl. Er manövriert das Land durch die Kohle- und Stahlkrise – finanziert mit Schulden. Drei Landtagswahlen gewinnt die SPD mit absoluter Mehrheit. Erst 1995 muss Rau eine Koalition mit den von ihm ungeliebten Grünen („Lieber ein Haus im Grünen als die Grünen im Haus“) eingehen.Zu diesem Zeitpunkt hat er bereits zwei bundespolitische Schlappen erlitten. 1987 unterliegt er als Kanzlerkandidat gegen CDU-Schwergewicht Helmut Kohl. 1994 wird Roman Herzog statt Rau Bundespräsident. Rau ist zwar bei der Bevölkerung beliebter als Herzog, aber der hat in der Bundesversammlung die politische Mehrheit auf seiner Seite.1999 tritt Rau schließlich als achter Bundespräsident sein Amt an – mit Nüchternheit. Er sei „kein Typ für Inszenierungen“, erklärt er, „kein Freund großer Gesten“. Rau ist ein Mann für das beschauliche, reetgedeckte Ferienhaus auf der Nordseeinsel Spiekeroog, wo er 1982 seine Frau Christina – eine Enkelin seines Vorbildes Gustav Heinemann – heiratet.Bibelfest